Den Kopf voll Ghana

Tamara Henke war sechs Wochen auf Praktikum in Westafrika

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Für Europäer gewöhnungsbedürftig: Vor den Wohnhäusern weiden die Kühe auf dem Rasen. Tamara Henke fotografierte diese Szene in einem Außenbezirk der Hauptstadt Accra.

Twistringen - Von Michael Walter. Tamara Henke raucht noch immer der Kopf. Dabei ist sie schon eine ganze Weile wieder zuhause. Aber: Am Samstag totmüde aus dem Flieger gefallen, am Montag wieder zur Arbeit, dann gleich zwei Wochen auf Montage unterwegs und anschließend zwei Wochen Blockunterricht: Viel Zeit, die vielen Eindrücke zu verarbeiten hat sie da noch nicht gehabt.

Sechs Wochen ist die Twistringerin zum Auslandspraktikum in Ghana gewesen. „Ich hab sooo viel gesehen“, erzählt sie. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“ Ein organisiertes Projekt, eigentlich nur für Studenten, in diesem Jahr waren aber erstmals auch Azubis dabei. Tamara ist angehende Mechatronikerin für Kälte und Klimatechnik im letzten Ausbildungsjahr bei der Twistringer Firma Funke am Osterkamp.

Fließend Kaltwasser - für viele purer Luxus

Eingefädelt hatte den Ghana-Trip ihr Ausbilder David Nordmann. „Wir hatten eigentlich etwas im englischsprachigen Raum gesucht“, erzählt er. „Das hatte sich aber kurzfristig zerschlagen. Auf den letzten Drücker kam dann die Handwerkskammer mit der Idee: Ghana. Da musste ich selber erstmal kräftig schlucken. Aber Tamara hat eine Nacht darüber geschlafen und dann zugesagt.“

Ganz so reibungslos war es nun nicht. „Meine Mutter hatte schon Angst“, erzählt die 20-Jährige. „Ich hab dann zusammen mit meinem Freund ein bisschen im Internet recherchiert und mir die Hauptstadt angeschaut. Und dann hab ich mir gedacht: Wann kriegst du diese Gelegenheit sonst nochmal?“

Beim Besuch einer Grundschule waren Tamara Henke und ihre deutschen Kollegen umschwärmt wie Stars.

Der erste „richtige“ Eindruck von Ghanas Hauptstadt Accra hat sie dann doch ein wenig umgehauen: Der chaotische Verkehr und der nicht enden wollende Lärm bis spät in die Nacht. „Ohne Ohropax ging da nix“, sagt sie.

Untergebracht war Tamara mit drei anderen Azubis aus Deutschland in einer gemeinsamen Wohnung in einem Vorort. „Wir hatten Strom, Internet und fließend Kaltwasser“, sagt sie. Für viele Ghanaer außerhalb der großen Städte wäre das der pure Luxus. „Wer dort Geld hat, heizt seinen Herd mit Holz, und wer keins hat mit Plastik.“ Eine Stelle, an der ihr Azubiprojekt den Hebel ansetzen möchte.

„Die Metallbauer unter uns haben Kochstellen gebaut, die nicht so viel Ruß erzeugen. Die sind dazu über die Dörfer gefahren, haben sich angeschaut, wie die Leute dort kochen und sie gefragt, wieviel sie für bessere Kocher ausgeben könnten.“ Das Resultat war ernüchternd: die deutlich besseren Kocher der Azubis sind – obwohl bewusst einfach gebaut – für die meisten unerschwinglich.

Tamara selbst war die ersten zwei Wochen zur Installation und Inbetriebnahme von Lüftungsanlagen für eine Papierfabrik im Einsatz. Danach hauptsächlich als Servicemitarbeiterin im Außendienst. Aber immer Hand in Hand mit einheimischen Kollegen arbeitend.

„Normalerweise waren wir zu fünft unterwegs: Ein Fahrer, zwei Techniker für das Außengerät und zwei für das Innengerät.“ Arbeitszeiten? „Genau wie bei uns: Von 8 bis 17 Uhr mit einer Stunde Mittagspause.“

Gewissenhaft und gründlich

Nicht zuletzt wegen des schwül-heißen Klimas arbeite man in Ghana „sehr entspannt“, sagt Tamara Henke. „Aber auch sehr gewissenhaft und sehr gründlich.“ Eine organisierte Berufsausbildung wie bei uns gibt es dort hingegen nicht. „Man lernt einen Beruf, indem man mit jemandem mitfährt, der einem dann zeigt, wie es geht“, hat Tamara erfahren. „So lange, bis man alleine arbeiten kann.“

Jugendarbeitslosigkeit ist ein großes Problem. „Ein einheimischer Kollege, mit dem ich unterwegs war, hat erzählt, man muss nehmen, was man kriegt. Selbst wenn der Job schlecht bezahlt ist.“ Das sei mit ein Grund, warum die ghanaischen Kollegen das Kocher-Projekt mit viel Elan weiterverfolgen. „Das bietet eine Chance, vor Ort Arbeit zu bekommen.“

Große Mühe haben sich die Projektpartner vor Ort auch gegeben, um ihren deutschen Gästen möglichst viele verschiedene Eindrücke zu vermitteln. „Wir haben Ghanas größten Berg gesehen, den höchsten Wasserfall, Strände, Nationalparks. Wir haben einen Kochkurs gemacht und eine ehemalige Sklavenburg besichtigt.“

Servicearbeiten an Klima- und Lüftungsanlagen in Accra und umzu gehörten für Tamara Henke zum Tagesgeschäft.

Zu keiner Zeit habe sie sich übrigens belästigt oder gar bedroht gefühlt, sagt Tamara. „Die Handyverkäufer in der Innenstadt waren ein bisschen aufdringlich. Aber sonst habe ich mich überall wohlgefühlt.

Ich bin auch abends noch alleine einkaufen gegangen. Als weiße Frau fällt man natürlich auf. Viele wollten Fotos mit mir machen. Aber wenn man Nein gesagt hat, war das völlig okay.“

Viel zu schnell sei die Zeit vorbeigegangen, findet sie. „Zuhause musste ich mir erstmal Bilder anschauen, um zu realisieren, dass ich das nicht alles nur geträumt habe.“

Was haben ihr die sechs Wochen Ghana gebracht? „Einen anderen Blick auf die vielen kleinen Selbstverständlichkeiten unseres Alltags“, sagt Tamara. „Heiß duschen, Wasser aus dem Hahn trinken können, Medizin, Schulbildung. Ich schätze diese Sachen jetzt mehr wert.“

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