Alternative in Corona-Zeiten / Ärger über verschwundene Box / Überlegungen für Staffelstab an Schulen

Stein für Stein: Gedenken an Reichspogromnacht

An der Gedenktafel legt Bürgermeister Jens Bley neben einem Gesteck auch zwei Steine ab, die ihm seine Töchter für diesen Zweck mitgegeben haben.
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An der Gedenktafel legt Bürgermeister Jens Bley neben einem Gesteck auch zwei Steine ab, die ihm seine Töchter für diesen Zweck mitgegeben haben.

Twistringen – Es ist die stille, corona-konforme Art der Twistringer, an die Reichspogromnacht im November 1938 und ihre grausamen Auswirkungen zu erinnern: Im Laufe des Montags legten sie kleine Steine auf die Gedenktafel der Twistringer Synagoge an der Bachstraße – ganz der jüdischen Tradition entsprechend.

Flammen verschlangen die Synagoge am 10. November 1938. Die Feuerwehr bekam lediglich den Auftrag, den von Nazis entfachten Brand unter Kontrolle zu halten, damit er nicht auf andere Häuser überschlägt. SA-Angehörige durchsuchten Häuser von Juden und raubten ihnen ihre Wertsachen. Angst und Schrecken gingen um. Anstatt die entsetzlichen Taten zu verurteilen, schrieb die Syker Zeitung: „Das war schon lange fällig!“

Der Gedanke an diese Schlagzeile, diese Nacht und die Hetze gegen Juden lässt einen bestürzt und betroffen zurück. Doch sich die Taten in Erinnerung zu rufen, ist wichtig, betont Birgit Hosselmann von der Pfarrei St. Anna. So etwas dürfe nicht noch einmal passieren.

Die Pfarrei, die Martin-Luther-Gemeinde und die Stadt Twistringen hatten gemeinsam dazu aufgerufen, zum Gedenken kleine Steine abzulegen. Hosselmann glaubt und hofft, dass dies angesichts der Corona-Lage eine gute Alternative zu der sonst üblichen Gedenkveranstaltung war.

Eines ärgert sie jedoch. Zu der Aktion gehörte auch, dass an der Gedenktafel in einer wasserdichten Box Faltblätter auslagen. Darauf standen Informationen zur Reichspogromnacht und die Namen der Gewaltopfer aus Twistringen. Anscheinend hat jemand diese Box geklaut. Für Ersatz wurde schnellstmöglich gesorgt, der bittere Nachgeschmack bleibt trotzdem.

Damit die Leiden jüdischer Mitbürgern nicht in Vergessenheit geraten, wurde in Twistringen immer mal wieder erwägt, Stolpersteine zu verlegen – also kleine, im Boden fixierte Gedenksteine. Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Heike Harms schildert, dass es dazu unterschiedliche Meinungen gebe. Kritiker hätten beanstandet, dass die Steine buchstäblich mit Füßen getreten würden. „Viele jüdische Verbände befürworten ein Gedenken auf Augenhöhe“, sagt sie. Aktuell gebe es Überlegungen, das Thema in Schulen noch stärker in den Fokus zu rücken, ähnlich wie in Wildeshausen. Dort gibt es einen „Staffelstab zum Holocaustgedenktag“. Das Prinzip: Eine Klasse oder ein Jahrgang übernimmt den Staffelstab und befasst sich intensiver mit dem Thema, und die Schüler erarbeiten zum Beispiel eine Ausstellung. Die Überlegungen müssten aber noch mit den Schulen abgestimmt werden, sagt Harms.

Bürgermeister Jens Bley legte an der Gedenktafel im Namen der Stadt ein Gesteck ab. Er findet es wichtig, dass sich auch Jüngere mit den dunklen Kapiteln der Vergangenheit auseinandersetzen, damit sie so viel Respekt und Toleranz in sich tragen, dass so etwas wie Antisemitismus gar nicht erst aufkeimt.

Von Katharina Schmidt

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