Zwei Landwirte erklären ihre Beteiligung

Protest der Landwirte in Berlin: „Wir wollen mitgestalten – nicht gestaltet werden“

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Setzen sich dafür ein, gehört zu werden: Hagen Koop (vorne) und Marco Cohrs (3.v.l.) mit ihren Mitstreitern Patrick Nuttelmann, Sven Hoge, Arndt Barking und Maik Tinnemeyer (v.l.).

Es dämmert schon, als zwei grüne Tieflader über die schmalen Feldwege in Hartingen gefahren kommen. An Bord je zwei Schlepper – die tags zuvor noch Richtung Brandenburger Tor gefahren sind. Viele Landwirte aus dem Kreis Diepholz demonstrierten in der Hauptstadt.

  • Landwirt Marco Cohrs aus Rüssen vernetzt sich mit Landwirten aus dem Eydelstedter Raum
  • Zusammen mit Hagen Koop aus Hartingen war er beim Protest der Landwirte in Berlin dabei
  • Die beiden erklären ihre Beteiligung an den Protesten

Twistringen/Landkreis - Von Charlotte Wolframm. Einer von ihnen ist Marco Cohrs aus Rüssen, der sich vernetzt hat mit Landwirten aus dem Eydelstedter Raum. Sie steigen aus ihren Lastern aus, sind noch sichtlich beeindruckt. „Sowas gibt es kein zweites Mal“, sagen sie.

Mehrere Tausend Menschen auf ersten Treckerdemos

Das Netzwerk „Land schafft Verbindung“ hat in den vergangenen Wochen eine Protestaktion auf die Beine gestellt, die es in der Landwirtschaft so noch nicht gegeben hat. Am 1. Oktober wurde die Facebook-Gruppe gegründet. Am 22. Oktober demonstrierten bundesweit mehrere Tausend Menschen auf ersten Treckerdemos. Mit dabei: Marco Cohrs (37). Der Rüssener ist mit dem Schlepper nach Oldenburg gefahren und lernte beim Abholen des Protestplakats für seinen Schlepper Hagen Koop (31) aus Hartingen (Eydelstedt) kennen, der am selben Tag, wie mehr als 1000 andere Landwirte in Hannover demonstrierte. In Hamburg gab es mehr als 3500 Schlepperfahrer und zuletzt in Berlin 8600 Traktoren laut Polizei.

Protest in Berlin: „Holt uns mit an den Verhandlungstisch“

Auch in Berlin ist Marco Cohrs dabei. Der Grund? „Holt uns mit an den Verhandlungstisch“, fordert er. „Wir sperren uns nicht gegen den Fortschritt. Aber wir wollen mitgestalten – nicht gestaltet werden.“ Das geplante Agrarpaket der Bundesregierung habe das Fass zum Überlaufen gebracht, erklären Hagen Koop und Marco Cohrs.

Beeindruckt sind die Landwirte von dem Schwung, den das Netzwerk innerhalb weniger Wochen aufgenommen hat. Denn längst sind nicht nur die Landwirte involviert, sondern auch die vor- und nachgelagerten Wirtschaftszweige. „Es gab einen Schulterschluss der mittelständischen Wirtschaft im ländlichen Raum“, sagt Cohrs. „Wir wurden so gut unterstützt – viele Firmen haben LKW und Tieflader gestellt, teilweise sind ihre Angestellten mit uns nach Berlin gefahren.“ Care-Pakete für die Fahrt, ideelle und auch finanzielle Unterstützung – was da gelaufen ist, ist einmalig, sagen die Landwirte. Und auch auf den Höfen wurde ihr Ausfall aufgefangen, von Familie und Mitarbeitern. „Dafür ein ganz großes Dankeschön“, betonen sie.

Protest der Landwirte bekommt viel Aufmerksamkeit

Beachtlich ist: In den Städten haben Landwirte aus allen Branchen Seite an Seite für ihre Ziele eingestanden – „ob sie nun Eier oder Äpfel produzieren, ob sie biologisch oder konventionell wirtschaften.“ Ebenfalls bemerkenswert: Die Bewegung ist durchweg friedlich. Gut, dass den „jungen Wilden“ die Älteren, Besonnenen zur Seite stehen. „Das ist ein Trumpf von uns“, sagt Hagen Koop. „Und das soll auch so bleiben – sonst kann ich mich damit nicht mehr identifizieren.“ Forderungen von Passanten wie „Macht doch mal den Gülleschieber auf“, das geht für beide in die völlig falsche Richtung.

Die Proteste haben auch so genug Aufmerksamkeit bekommen. „Wir haben selten so effektive Öffentlichkeitsarbeit gesehen wie in den vergangenen acht Wochen. Seitdem ‚Land schafft Verbindung‘ die Leute auf die Straße geholt hat, ist in den Medien und in der Politik eine veränderte Wortwahl und auch Dialogbereitschaft zu sehen.“ Dass dem Protest und der Landwirtschaft im Heutejournal mehr als fünf Minuten Sendezeit eingeräumt wurden: Für die Landwirte ein riesiger Erfolg.

„Wir Bauern sind in der Bringschuld“

Cohrs und Koop sind überzeugt, dass es richtig ist, auf die Straße zu gehen und mit den Verbrauchern in Kontakt zu kommen. „Wir Bauern sind in der Bringschuld“, finden sie. Marco Cohrs und seine Mitstreiter hatten Äpfel und Kartoffeln dabei, verteilten die Lebensmittel an die Menschen auf der Straße und kamen ins Gespräch. „Die Resonanz war positiv“, stellt er fest. Obwohl die Landwirte den Verkehr lahmgelegt haben, angepöbelt oder beschimpft wurden sie kaum. Das Verständnis für die Proteste scheint groß zu sein, so der Eindruck. Und auch in der Politik scheint sich etwas zu bewegen. Beispiel „Rote Gebiete“ aufgrund der hohen Nitratwerte: „In Hannover wurde uns zugesichert, dass die Daten noch einmal überprüft werden.“

„Für jeden Verbraucher das richtige Lebensmittel“

Cohrs und Koop rechnen damit, dass nun erst einmal nicht mehr so laut protestiert wird. Vielleicht haben sie ja schon etwas erreicht, hoffen sie. „Es wäre schön, wenn die Verbraucher an der Ladentheke umsetzen, was sie vor der Tür versprechen.“ Also auch mehr Geld für hochwertig erzeugte Lebensmittel ausgegeben wird. „Wir haben für jeden Verbraucher das richtige Lebensmittel. Und vielleicht kommen zu Weihnachten ja wirklich Kartoffeln, Rinderbraten und Weihnachtsgans aus Deutschland auf den Tisch.“

Und wenn alles bleibt, wie es ist? „Dann kommen wir wieder – und fahren notfalls bis nach Brüssel.“

Info: Die Kernforderungen der Protest-Landwirte

Holt uns an den Verhandlungstisch: Die beiden Landwirte haben das Gefühl, dass medialer Druck und Idealismus im Moment in der Politik mehr zählen als Fakten. Sie möchten eingebunden werden in Entscheidungsprozesse. 

Subventionen stoppen: Cohrs und Koop widersprechen den Schlagzeilen der vergangenen Wochen. „Wir wollen nicht am Tropf vom Staat hängen.“ Der Tenor in ihrer Generation sei einhellig: „Wir wollen im Rahmen der gesetzlichen Gegebenheiten wirtschaften, ohne vom Staat wirtschaftlich abhängig zu sein.“ Dazu sei ein wirklicher EU-Binnenmarkt ohne nationale Alleingänge vonnöten. 

Sie demonstrieren nicht gegen den Klima- oder Umweltschutz: Dass etwas getan werden muss, ist beiden klar. Aber sie wehren sich dagegen, dass alleine die Landwirtschaft schuld sein soll. Beispiel Insektensterben: „Das ist Fakt – hat aber viele Gründe. Beispielsweise auch die Lichtverschmutzung“, sagt Hagen Koop. „Durch das Insektenschutzprogramm der Bundesregierung droht eine kalte Enteignung“, meint Marco Cohrs. „Wir haben Mittel, um dem Insektensterben entgegenzuwirken – um das zu schaffen, müssen wir aber mit ins Boot geholt werden.“ Kooperationen im Natur- und Wasserschutz gebe es schon seit Jahren – ohne, dass groß darüber gesprochen werde. 

Weniger Bürokratie: Auflagen für die Landwirte gebe es doppelt und dreifach. QS, CC, GAP, Laves, Landkreis – das seien nur einige der Institutionen, die die Landwirte überprüfen. Die Zusammenarbeit müsste verbessert und gebündelt werden, so hätten sie mehr Zeit für ihr Kerngeschäft. 

Labelwald stoppen: Das geplante staatliche Tierwohllabel sehen Cohrs und Koop nur als ein weiteres Schild im Labelwald. Für sinnvoll halten sie die Initiative Tierwohl, die es seit 2015 gibt. Die Kooperation aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmittelhandel zahlt Landwirten für höhere Standards im Stall mehr Geld. 25 Prozent der geschlachteten Mastscheine werden nach dem Tierwohllabel gehalten. In der aktuellen Phase wollten mehr Landwirte mitmachen, als Geld zur Verfügung steht. Es seien nicht genügend Verbraucher bereit, mehr Geld für ihr Fleisch auszugeben, bedauern die beiden. Deshalb sei es falsch, ein zusätzliches Label aufzumachen. Die Landwirte wollen – aber der Absatz müsse da sein. 

Bessere Planbarkeit: Wer von der Landwirtschaft leben möchte, muss zunächst viel Geld in die Hand nehmen. Für die Familienbetriebe bedeuten die hohen Investitionen oft eine große Belastung. Deshalb sei langfristige Planbarkeit so wichtig. Gleicher Standard für importierte Lebensmittel: Werden Autos importiert, müssen sie den deutschen Anforderungen entsprechen – gleiches wünschen sich die Landwirte für importierte Lebensmittel. Haltungsbedingungen und Grenzwerte sollen an geltendes Recht angepasst werden.

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