Untersuchung am Wochenende

Schimmel an der Becker-Orgel: Jetzt soll eine Expertin ran

Organist Johannes Schäfer betrachtet die Schimmelbildung an der Becker-Orgel der Kirche St. Anna in Twistringen. - Fotos: Jaursch

Twistringen - Von Frank Jaursch. Johannes Schäfer nimmt es mit Humor. Der Organist der St.-Anna-Kirche kennt den Spitznamen, der ihm vor einigen Monaten verpasst wurde – aus aktuellem Anlass. „In der Gemeinde bin ich nur noch der ‘Schimmelreiter’“, schmunzelt Schäfer. Die launige Bezeichnung hat einen weniger lustigen Hintergrund: Ein Schimmelpilz hat die Becker-Orgel, das optische und akustische Prunkstück der Kirche, befallen. Am Sonntag soll eine Expertin sich das Instrument genauer ansehen.

Deutlich sichtbar sind die sich kreisförmig ausdehnenden Flecken – zum Beispiel an den hölzernen Labien (Lippen) der Orgelpfeifen. Auch die keilförmigen Bälge haben unter dem Schimmel gelitten: Schimmel wächst auf dem schafsledernen Bezug, greift ihn an. Eine Gefahr für die Gesundheit stellt er nicht dar, betonen Schäfer und Thorsten Weniger, Mitglied des Kirchenvorstands. Aber welchen Schaden nimmt das Instrument? „Es ist zu teuer, um jetzt die Augen zu schließen“, sagt Schäfer.

Das Bild zeigt das Labium des Prinzipalbasses. Deutlich sind die Schimmelflecken zu erkennen.

„Das Schimmel-Problem gibt es in vielen Kirchen“, betont Norbert Pelzer, Sprecher des Förderkreises Kirchenmusik. Die Heizpraxis hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in den meisten Kirchen geändert: Der Raum wird nur moderat aufgeheizt. Das schützt zwar das Holz und die Schnitzereien vor Austrocknung, bietet aber auch bessere Lebensbedingungen für die unerwünschten Lebewesen. Nun sind zahlreiche Orgeln betroffen – „auch Denkmal-Orgeln, die jahrhundertelang keine Probleme damit hatten“, weiß Schäfer. Längst befasst sich auch die Diözese mit dem Thema. Erst in der vergangenen Woche hatten sich Vertreter des Bistums die befallene Twistringer Orgel angesehen.

Wo die aufsteigende Wärme des Kirchenraums auf die kalte Luft aus dem Kirchturm trifft, bildet sich Kondenswasser. Zusammen mit einer recht hohen Luftfeuchtigkeit sind das ideale Bedingungen für die Mikroorganismen. Der Schimmelbefall an der Orgel überrascht dennoch. „Die Orgel ist eigentlich ganz gut luftumspült“, erklärt Thorsten Weniger. „Dass sich trotzdem Schimmel bildet, ist eher ungewöhnlich.“

Das Problem ist seit mehr als vier Jahren bekannt. Gastorganist Michael Mages, der zugleich Sachverständiger der evangelischern Landeskirche in Norddeutschland ist, wies Schäfer nach einem Konzert Ende 2011 auf seinen Verdacht hin („Das riecht hier aber nach Schimmel!“).

Die Kirchengemeinde reagierte: In die Gewölbedecken der Kirche wurde eine Lüftungsanlage eingebaut. Sie pumpt nachts die feuchte Luft aus der Kirche. Der Einsatz der Lüfter zeigt Wirkung – und doch nicht: Tatsächlich sinkt die Luftfeuchtigkeit dadurch spürbar von bis zu 70 auf etwa 50 Prozent. Doch der Schimmel wächst offenbar weiter.

Blick auf die Lüftungsanlage, die in die Gewölbedecken von St.  Anna eingebaut wurde.

Und nun? Eine Expertin soll dabei helfen, die nächsten richtigen Schritte zu tun. Der Kirchenvorstand erhofft sich Antworten auf die wichtigsten Fragen: Wie schädlich sind die Mikroorganismen für das Gerät? Und wie wird man den Schimmel nachhaltig los? Eine Reinigung der Orgel mit ihren 3001 Pfeifen ist eine extrem aufwändige und kostspielige Arbeit. Thorsten Weniger taxiert den Preis auf einen „mittleren fünfstelligen Betrag“. Normalerweise ist so eine Reinigung ohnehin alle 20 bis 30 Jahre notwendig; die Twistringer Orgel hat aber gerade einmal 21 Jahre auf dem Buckel. Eine solche Ausgabe kann die katholische Kirchengemeinde nicht „mal eben so“ leisten – erst recht nicht vor dem Hintergrund des aktuellen Pfarrzentrums-Neubaus. „Frühestens nächstes Jahr im Sommer“ wäre die Reinigung machbar, so Weniger.

Eigentlich steht der neue Anstrich der Kirche noch vorher auf der Prioritätenliste. Es hängt nicht zuletzt von der Expertise am kommenden Wochenende ab, ob die Orgel vorgezogen wird. Johannes Schäfer ist zuversichtlich, was die Zukunft angeht: „Wir sind gut aufgehoben in Expertenhand“, erklärt er.

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