Schiedsamt: Lüder Steenken und Anke von der Lage-Borchers schlichten

Keiner verliert sein Gesicht

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Blättern in der seit 1925 geführten Terminkladde: Schiedsmann Lüder Steenken aus Borwede und Anke von der Lage-Borchers aus Heiligenloh.

Twistringen - Von Theo Wilke. Ob Beleidigung, üble Nachrede oder Ärger über den Gartenzaun hinweg: Streithähne in Ruhe und ohne Zeitdruck auf neutralem Boden an einen Tisch zu bringen, sei das Ziel. „Dann kommt auch eine Einigung zustande. Da haben wir gute Erfahrungen gemacht“, sagt Lüder Steenken aus Borwede. Der 63-Jährige ist seit März Twistringens Schiedsmann.

Seine Vertreterin Anke von der Lage-Borchers aus Heiligenloh fügt hinzu: „Wir sind schon ein eingespieltes Team.“ Drei Fälle haben die beiden gemeinsam gelöst. Konkret sprechen sie nicht darüber. „Was besprochen wird, bleibt im Raum“, so Steenken. Er appelliert an Betroffene, sich Rat zu holen und keine Sorge zu hegen wegen „ausufernder Kosten“. Vor Gericht gebe es Verlierer – beim Schlichter einen rechtsverbindlichen Kompromiss. Da verliere keiner sein Gesicht.

Als Nachfolger von Konrad Hammann, der nach 33 Jahren das Ehrenamt abgegeben hat, ist der Borweder im März mit Hammanns bisheriger Vertreterin beim Amtsgericht Syke für fünf Jahre vereidigt worden. Die Heiligenloherin engagiert sich bereits im 13. Jahr.

„Ich bin Konrad Hammann sehr dankbar, dass er mich in die Formalitäten eingeführt hat. Ich habe ihn schon ein paar Mal angerufen, über seinen Erfahrungsschatz bin ich ganz froh“, erzählt der eher zurückhaltende und ruhige Steenken. Anke und er würden sich schon ganz gut ergänzen. Einer würde reden und der andere Protokoll führen – ganz bewusst im Rathaus, auf neutralem Boden. Martin Schütte aus der Stadtverwaltung unterstützt das Schiedsmann-Gespann.

Bürgermeister Martin Schlake hatte den Borweder im Vorfeld angesprochen und ihn mit Konrad Hammann zusammengebracht. Da ist Steenken die Entscheidung leichter gefallen, obwohl er sich geschworen hatte, mit über 60 Jahren kein Ehrenamt mehr anzunehmen.

Seit März hat Steenken mehrere Lehrgänge besucht. Anfangs dachte er noch, da käme nicht viel auf ihn zu. Irrtum. Es dauerte nicht lange, da kamen schon die ersten Anfragen. „Wir müssen die streitenden Parteien dahin führen, dass sie das Ganze auch aus der Sicht ihres Gegenübers betrachten“, betont der Schiedsmann.

„Meistens sind es Tür- und Angelgeschäfte“. Aber mancher Streit, weiß von der Lage-Borchers, sei unterschwellig vielleicht schon Jahre lang vorhanden. Früher habe es oft Beleidigungen und Körperverletzungen gegeben, heute eher Streit unter Nachbarn, sagt Heiligenlohs Ortsbürgermeisterin.. Schön sei es, wenn beide Seiten vernünftig miteinander reden und sich einigen.

Was schon bei Ludwig Behrens (1974 bis 1990 im Amt) und Konrad Hammann galt: Kein Handschlag ohne Vorschuss. Heißt: Der Schiedsmann verlangt 50Euro im Voraus vom Antragsteller. Kommt es zur Einigung, sind nur gut 25Euro fällig. Davon bekommt die Stadt die Hälfte. Der Schiedsmann arbeitet schließlich ehrenamtlich.

Infos/Kontakt im Internet.

www.twistingen.de/schiedsamt

Über 880 Streitfälle in der alten Kladde

Schiedsmann ist vorgerichtliche Instanz

TWISTRINGENSeit 1925 sind mehr als 880 Streitfälle im Twistringer Schiedsmannskalender notiert worden. Bei der Übergabe des Ehrenamtes im März an Lüder Steenken konnte sich Vorgänger Konrad Hamann noch gut an den Drogisten Alfons Bühler, 1942 bis 1974 im Ehrenamt, erinnern. Hinter dem Kladdeneintrag verbirgt sich eine schreckliche Tat: „Am 12.Dezember 1974 ist der 80-jährige nach einem Einbruch in seinem Keller vom Täter erschlagen worden“, erzählte Hammann.Das Schiedsamt ist eine vorgerichtliche Schlichtungsinstanz in Zivilangelegenheiten, aber auch in Strafsachen. Dahinter steht die Idee, Streitigkeiten durch Schlichtung beizulegen, ohne sogleich einen Richter zu bemühen.Schlichtenstatt richtenDas Amt wird ausgeführt von ehrenamtlichen und geschulten Schiedspersonen, die einer ständigen Aufsicht und Qualitätskontrolle durch die Amtsgerichte unterliegen.In der Stadt Twistringen sind dies vom Rat der Stadt bis 2020 gewählt: Lüder Steenken aus Borwede und Anke von der Lage-Borchers aus Heiligenloh. Die beiden sind keine Richter, sie helfen, Streit zu schlichten.Steenken und von der Lage-Borchers haben die besagte Schiedsmannskladde und Stempel von Konrad Hammann übernommen. Den ersten Eintrag in der ziemlich abgegriffenen Terminkladde gab es vor 90Jahren.Zum neuen Schiedsmann Lüder Steenken: Er wohnt in Borwede. 1952 geboren, absolvierte er 1968/69 eine Ausbildung zum Landwirt. Abitur, Bundeswehr und Meisterausbildung folgten. 1986 übernahm Steenken den elterlichen Betrieb. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Töchter.15 Jahre lang hat Lüder Steenken Lehrlinge auf seinem landwirtschaftlichen Betrieb in Borwede (Ackerbau und Schweinemast) ausgebildet. Er war ehrenamtlich tätig im landwirtschaftlichen Bereich, im Schützenverein, daneben auch Sprecher der Borweder Burstäe (Jagdgenossenschaft) und schließlich 15Jahre lang Beisitzer am Landwirtschaftsgericht in Syke.tw

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