Tipps für alle Fälle

„Viel hilft viel“ war gestern: Wie sich die Arbeit von Schädlingsbekämpfern verändert hat

Eigentlich sollte es beim Gespräch mit Thomas Schmidt um Borkenkäfer und Klimawandel gehen. Doch dann kam alles anders. Warum die Giftkeule gegen Käfer und Insekten von gestern ist und welches winzige Lebewesen Schädlingsbekämpfer in die Knie zwingt.

Twistringen – Das Ende der Justus-von-Liebig-Straße in Twistringen ist im Handy-Navi nicht eingezeichnet. Wer zur Firma Schmidt Hygiene möchte, muss auf Sicht fahren, bevor er den ordentlich gepflasterten Hof erreicht. Perfekt getrimmter, saftig grüner Rasen. Modernes, einstöckiges Bürogebäude. Erster Eindruck: Schädlinge dürften es hier schwer haben.

Geschäftsführer Thomas Schmidt empfängt Gäste nach einer Hand-Desinfektion im Besprechungszimmer. Mehr Schädlinge durch den Klimawandel? Da ist er skeptisch. Es würden immer mehrere Faktoren zu solchen Anstiegen beitragen. Viele davon seien schwer zu beweisen. Was für ihn aber eindeutig ist: „Die Leute sind sensibler geworden.“ Thomas Schmidt ist Experte im Gesundheits- und Vorratsschutz. Zu ihm kommen die Leute, wenn sie krabbelnde Tiere in der Vorratskammer finden. Einfaches Beispiel: Laufkäfer, die sich in die Wohnung verirrt haben. „Das hat früher niemanden geschert.“ Heute rufen die Leute teils voller Angst bei ihm an.

Schmidt: Großer Wandel in Schädlingsbekämpfer-Branche

Das ist es aber nicht, was Schmidt meint, wenn er im Folgenden von einem „großen Wandel“ in seiner Branche spricht. Woran denken Sie, wenn sie an einen Schädlingsbekämpfer denken? Einen Mann im weißen Overall – mit einer großen Düse in der Hand, die den ganzen Raum vollnebelt? Das ist „nicht mehr up to date“, korrigiert Thomas Schmidt. „Dann ist das Gift überall. Nur nicht dort, wo es hingehört.“ Wo in den 60er- und 70er-Jahren noch galt „viel hilft viel“, heißt es heute: Monitoring, Artenbestimmung, Bekämpfung, Ursachenfindung.

Stinkt nicht, zischt nicht und ist hygienischer. Das Büro von Schmidt Hygiene ist ein einziger großer Showroom. Inhaber Thomas Schmidt demonstriert eine Insektenfalle mit UV-Licht – und Klebefläche statt Stromschlag.

Schmidt und seine sechs Mitarbeiter im Außendienst arbeiten heute deutlich zielgerichteter und artenspezifischer als noch vor einigen Jahren. Deswegen hat sich auch ihre Arbeit gewandelt. Die Schädlingsbekämpfer kommen heute in der Regel nicht mehr, wenn es schon brennt. Sie sind die ganze Zeit da und können gleich die ersten Funken löschen.

Lebensmittel-Betriebe mit strengen Regeln für Hygiene und Schädlingsbekämpfung

Sei es eine Großbäckerei oder eine Spedition für Lebensmittel: Gerade dort wo Lebensmittel verarbeitet oder umgeschlagen werden, gelten heute strenge Regeln was Hygiene und Schädlingsbekämpfung betrifft. Hier kommen die modernen Kammerjäger mit ihrer „integrierten Schädlingsbekämpfung“ zum Einsatz. Vor allem stellen sie dann Monitorfallen auf. Die sind nicht darauf auslegt, massenweise Schädlinge zu töten. Sie fangen vielmehr Einzelexemplare, damit diese anschließend bestimmt werden können.

Es geht aber auch deutlich rustikaler. Neben bewährten Rattenfallen mit Giftködern kommt die klassische Mausefalle zum Einsatz. Die ist giftfrei und deswegen „schwer im Kommen“, so Schmidt.

Papierfischchen bereiten Schädlingsbekämpfern große Probleme

So gibt es nach Artbestimmung im Grunde gegen jedes Ungeziefer ein Mittelchen. Nur bei einem Kandidaten – „Jetzt bitte nicht lachen“, sagt Schmidt – tun sich die Schädlingsbekämpfer derzeit schwer: dem Papierfischchen. Das sieht im Grunde aus wie ein Silberfischchen, ist aber schwarz. Sonst weiß man praktisch nichts über die Tiere. Nur so viel: Sie werden nicht von Feuchtigkeit angezogen. Wodurch dann, ist aber unklar. Neben Klebefallen helfe derzeit eigentlich nur eins: „Abdichten, abdichten, abdichten.“

Anders sieht die „integrierte Schädlingsbekämpfung“ bei bekannteren Exemplaren aus. Hier wird den Schäd- und Lästlingen mit System zuleibe gerückt. Sämtliche Fallen bei Schmidts Großkunden sind heute durchnummeriert und haben einen Barcode. Im Schnitt alle vier Wochen werden die Fallen dann von einem seiner Mitarbeiter kontrolliert und die Ergebnisse dokumentiert. Schädlingsbekämpfer zu sein, das bedeutet heute zu 80 bis 90 Prozent Schreibkram, erklärt Schmidt und lacht.

Weil das wenige wissen, ist die Schädlingsbekämpfung vielleicht auch noch so eine „kleine Branche“, vermutet der Twistringer. Viele würden bei dem Job an Ekel, Dreck und „das ganze Viehzeug“ denken. Bis vor einigen Jahren gab es keine richtige Ausbildung für den Beruf, nur eine Sachkundeprüfung. Vermutlich deswegen arbeiten in der Branche überwiegend Quereinsteiger, bei Schmidt Hygiene alle sechs Mitarbeiter im Außendienst.

Schädlinge: Was wirklich hilft

Die Top 4 bei Thomas Schmidt lauten: Ratte, Maus, Schabe, Lebensmittelmotte. Was es bei den bekanntesten Schädlingen zu beachten gilt und wie man sie schleunigst wieder loswird, erklärt der Experte im Überblick.

Ameisen sind vor allem im Sommer scharf auf alles, was süß ist. Marmeladen- und Honiggläser abdecken – auch im gelben Sack.

Flöhe springen gerne von Katzen oder Hunden quer durch die Wohnung. Doch Achtung: Floh ist nicht gleich Floh. Statt die Giftnebelbombe auszupacken: Tierdecke in die Waschmaschine, Floh einfangen und vom Experten bestimmen und bekämpfen lassen. 80 Prozent der Flöhe wohnen nicht auf Sofa und Gardine, sondern auf dem Tier selbst.

Gemeine Speckkäfer sind keine alltäglichen Gäste im Haushalt. Sie kommen vor allem, wenn jemand gestorben ist. Leichen riechen sie an der frischen Luft aus bis zu zwei Kilometern Entfernung. Ihre Eier legen sie nicht primär im Leichnam ab, sondern in der kompletten Wohnung. Nach Artbestimmung kann der Schädling aber gezielt bekämpft werden, es muss nicht zwangsläufig alles eingenebelt werden.

Hummeln haben in dieser Liste eigentlich nichts zu suchen. Sie sind laut Experte absolut friedlich.

Hornissen sind laut Experte ebenfalls „völlig friedliche Tiere“.

Laufkäfer sind vor allem paddelig. Sie wollen viel lieber draußen sein als drinnen. Einfach raustragen, das war’s.

Lebensmittelmotten lieben Lebensmittel. Vor allem unabgedeckte Mehl- und Müsli-Packungen. Aber nur, um dort ihre Eier abzulegen. Während die Motten laut Schmidt nur die Spitze der Pyramide sind, bilden die Eier und Larven das Fundament. Wer befallene Lebensmittel entsorgt, beseitigt nicht nur die Larven, sondern langfristig auch die Motten – ganz ohne Gift.

Papierfischchen bevorzugen stärkehaltige Materialien wie Papier. Sie sind allerdings erst vor 15 Jahren in den Fokus der hiesigen Schädlingsbekämpfer gerückt und daher noch praktisch unbekannt. Hier helfen bislang nur Klebefallen und abgedichtete Fugen.

Schadnager zieht es vor allem im Winter in warme Wohnungen. Auch hier hilft eine Ursachenanalyse vor dem Gifteinsatz. Ist etwa die defekte Haustür ein Einfallstor für Mäuse? Laben sich Ratten am abgestellten Müll hinter dem Haus?

Schaben sind nachtaktive Schwarzfahrer und kommen gerne huckepack auf Lebensmitteln oder Kartons ins Haus. Der Experte rät: Bei Schabenbefall kein Spray nutzen, sondern den Profi rufen.

Silberfischchen bevorzugen eine feuchte Umgebung – gerne kleine Badezimmer ohne Fenster. Daher ordentlich lüften und auf feuchte Stellen kontrollieren. Silberfischchen haben nicht nur eine schöne Farbe, sie sind in kleinen Gruppen auch harmlos und eher Lästlinge.

Wespen sind geschützt – außer sie machen Ärger. Gerade die Deutsche und die Gemeine Wespe sitzen gerne mit am sommerlichen Frühstückstisch. Besteht Gefahr, kann der Schädlingsbekämpfer die Tiere beseitigen. Neben Stichen drohen mancherorts auch Bauschäden durch angefressene Dämmungen. Präventivmaßnahmen gegen die Ansiedlung der Höhlenbrüter gibt es praktisch kaum. Wenn sie da sind, rät der Experte: „Einfach gechillt bleiben.“ Sprich: nicht schlagen, nicht pusten.

Weitere Tipps und Kniffe gegen Schädlinge

  • Der älteste und einfachste Tipp: Lebensmittel luftdicht abdecken.
  • Lebensmittel nicht gemischt, also etwa zusammen mit Tierfutter, lagern.
  • Das Lebensmittellager überschaubar halten. Je mehr Speisen, desto mehr interessierte Untermieter.
  • Häufigste Ursache für Schädlingsbefall: Reinigungsdefizite. Auch hinter Regale und in Geräte schauen.
  • Google ist ein schlechter Ratgeber. Bei Unsicherheiten, Foto an den Schädlingsbekämpfer schicken oder eine Probe an das Lebensmittel- und Veterinärinstitut Laves nach Oldenburg senden. Dort wird gegen eine geringe Gebühr eine Artbestimmung vorgenommen.

Rubriklistenbild: © Luka Spahr

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