Sascha Puchler leitet Tattoo-Studio „Blood, Ink & Pain“

Auf Wunsch Fußabdruck auf den Hintern

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Sascha tätowiert Mathias eine Skelettfaust auf die linke Brust. Der Sensenmann am Schlüsselbein kommt noch.

Twistringen - Von Maik Hanke. „Das ist die unangenehmste Stelle, die es gibt.“ Mathias verzieht das Gesicht, beißt auf die Zähne. „Wir können dir wahlweise auch die Eier tätowieren. Dann gucken wir mal“, antwortet Sascha und zieht unbeirrt seine Nadel weiter, knapp unter dem Schlüsselbein, linksseitig über Mathias‘ Brust.

Der eine stöhnt – der andere scherzt. Willkommen bei „Blood, Ink & Pain“, Twistringens einzigem Tattoo-Studio.

Tätowierer Sascha Puchler trägt Gummihandschuhe und eine Plastikschürze. Ein Mundschutz verdeckt den Nasenring. Er beugt sich über Mathias und zieht die vorgezeichneten Konturen mit der Nadel nach.

Aus dieser Position kaum zu erkennen: „Outlaw“ – Gesetzloser – steht in Großbuchstaben mittig auf Saschas Hals unter dem Kehlkopf. Links davon prangen eine Spinne und ein Sensenmann, rechts davon ein Gesicht ohne Umriss. Die unzähligen einzelnen Tattoos auf seinen Armen sind kaum identifizierbar. Wie es unter seinem schwarzen T-Shirt weitergeht, lässt sich nur erahnen.

Das fertige Tattoo.

„Ich wollt‘ schon immer Tätowierer werden“, sagt Sascha, Sohn eines Finanzbeamten. „Ich hab‘ mir das selbst beigebracht.“ Mit elf habe er sich das erste Mal selbst tätowiert, erzählt er. Mit Nadel, Bindfaden und Scriptol. Mehr als ein paar Punkte hat er nicht hingekriegt, hat schließlich wehgetan.

Die meisten seiner Tattoos hat er sich dann im Alter zwischen 18 und 22 Jahren im Suff von Freunden stechen lassen – oder sich selbst gestochen.

Woher etwa die Schlange zwischen Schläfe und Ohr auf der linken Kopfseite kommt, kann er aber nicht erzählen. Das Tattoo sei am Morgen nach einem Saufgelage plötzlich einfach dagewesen.

Der 38-Jährige und seine Geschichte wirken heute wie aus einer anderen Zeit. Tattoos sind heute Mode, mit Subkultur hat das nicht mehr viel zu tun. Aber Saschas Weg vom vermeintlich selbstzerstörerischen Punk zum Profi-Tätowierer zeigt den Paradigmenwechsel, den die Tattoobranche in den vergangenen Jahren durchgemacht hat.

Tattoo-Studios, „das sind nicht mehr die Läden mit Hunden, wo geraucht und gesoffen wird“, sagt Sascha. Klar, Scharlatane gibt es immer noch. Aber die Szene hat sich professionalisiert, und Saschas Studio ist ein Idealbeispiel.

Sascha legt Wert auf Hygiene und Jugendschutz – strenger, als es das Gesetz verlangt. Zertifikate bestätigen seine vielen Fortbildungen. Und er hat Prinzipien: Kunden, die zum ersten Mal kommen, würde er zum Beispiel nicht ins Gesicht tätowieren – auch wenn er dürfte.

Saschas Studio läuft gut. An diesem Tag ist Mathias Kunde. Er lässt sich eine Skelettfaust stechen, unter einem bereits vorhandenen Totenkopf auf der linken Brust, und etwas höher, knapp unterm Schlüsselbein, einen kleinen Sensenmann.

S. Puchler

Die Atmosphäre im Tattoo-Studio ist vollkommen entspannt – nur Mathias verkrampft. Er liegt auf einer Pritsche in einer kleinen Kabine. Die Füße stemmt er gegen die Wand, er spannt seinen Körper an. „Das ist komplett Katastrophe. Brust ist echt ‘ne Hausnummer“, sagt er knapp. „Wenn ich vorher gewusst hätte, wie pervers das ist, hätte ich das nicht gemacht. Jetzt muss ich da durch.“ Mathias spricht mit flacher Stimme und spannt den Körper direkt wieder an.

Sascha arbeitet schnell und genau. „Ich mach‘ das nicht erst seit gestern. Da muss ich mich nicht groß konzentrieren. Das kommt einfach.“

Seit 2003 ist Sascha Tätowierer, seit 2008 betreibt er seinen Laden, zunächst in Seckenhausen, jetzt ist er im vierten Jahr an der Großen Straße in Twistringen. Ein Kollege und eine Auszubildende arbeiten dort mit ihm zusammen.

„Man denkt: Das musst du haben.“

Nach rund 20 Minuten legen Mathias und Sascha eine Pause ein. Das erste Motiv ist fertig. Mathias steht auf, entspannt sich. Das war anstrengend wie Sport, sagt er. Es fühle sich an, als ob jemand mit einer Drahtbürste immerzu über die Haut kratzt. Die Wunde blutet leicht nach.

Auf den Armen ist Mathias schon tätowiert, dort sei es aber bei Weitem nicht so schmerzhaft gewesen wie auf der Brust. Jetzt muss das Motivensemble aber voll werden. Einen großen Sensenmann und ein paar Flammen will er noch haben.

„Es stimmt wirklich, das wird zur Sucht“, bestätigt Mathias ein verbreitetes Klischee. „Man findet Motive, die einem gefallen, und dann denkt man: Das musst du haben.“ Mathias mag bei seinen Figuren den Tattoo-Stil der alten Schule. Besonders stolz ist er auf den Gitarre spielenden Totenkopf-Elvis auf seinem rechten Oberarm.

Mittlerweile gibt es als Motiv nichts, was es nicht gibt, sagt Sascha. „Das Einzige, was sich unterscheidet, ist die Ausführung.“ Zu den verrücktesten Dingen, die er bisher gestochen hat, gehört ein Fußabdruck auf dem Hintern.

„Jeder will was Originelles haben“, sagt Sascha. Trotzdem entscheiden sich viele – der Mode wegen – für ähnliche Motive. „Und am Ende sitzt das halbe Freibad mit dem gleichen Tattoo da.“ Es gebe wohl keinen Tätowierer mehr, der noch Spaß an Schriftzügen, Sternchen und Unendlichkeitszeichen habe.

Die Tattoowahl sei wohlüberlegt, das Bild wird einen ein Leben lang begleiten. Wer schon fragt, wie es im Falle eines Falles wieder weg geht oder wie das wohl aussieht, wenn man alt und schrumpelig ist, kann gleich wieder nach Hause gehen, finden Sascha und Mathias. Ein Tattoo muss man wirklich wollen. Sascha bereut nichts: „Meine sehen alle scheiße aus – aber das ist mein Leben.“

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