Reißende Wasserflüsse

Twistringer Orgelherbst: Ende mit polnischer Note

Michal Markuszewski beeindruckt an der Becker-Orgel.

Twistringen - Von Anette Hoffmeier. Der Abschluss des Twistringer Orgelherbstes wurde in diesem Jahr vom polnischen Organisten Dr. Michal Markuszewski zum Thema „Polnische Orgelkunst“ gestaltet. Aus einer der frühesten Notenquellen Europas, den polnischen Orgel-Tabulaturen (frühere Notenschriften, die Tonbuchstaben für die Notennamen verwenden), stellte Markuszewski vier Stücke der Renaissance-Orgelmusik vor.

Im „Deus in adiutorium meum intende“ aus dem Tabulaturbuch von Johannes Fischer aus Morag (1595) klang die Twistringer Becker-Orgel wie ein mittelalterliches Instrument, sie erinnerte an frühere Musikinstrumente wie den Dulzian, den Zink oder das Krummhorn.

Einen ähnlichen Eindruck hinterließen mit ihren vielen gleichmäßigen Läufen und typischen Renaissance-Rhythmen die drei Werke aus dem „Danziger Tabulaturbuch“ von 1591.

Der Mittelteil des Konzertes hatte eher meditativen Charakter. Von Johann Sebastian Bach (1685-1750) erklangen die Choralbearbeitung „An Wasserflüssen Babylon“ und Toccata, Adagio und Fuge in C-Dur. Die Toccata griff scheinbar das Thema der Choralbearbeitung wieder auf, indem sie durch anfangs sehr viele virtuose Manualläufe an reißende Wasserflüsse erinnerte.

Leise, mystisch und romantisch

Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) „Andante F-Dur“, original für eine Flötenuhr beziehungsweise für eine automatische Orgel geschrieben, war durch die Flötenregister und die vielen spielerischen Läufe ebenfalls ein eher ruhiges Stück, das jedoch frisch und lebendig wirkte. Beide Komponisten haben auch in der polnischen Orgeltradition einen hohen Stellenwert.

Den dritten Teil des Abends widmete Michal Markuszewski der romantischen polnischen Orgelmusik. Romantische Orgelmusik erfordert eigentlich eine sogenannte „Crescendowalze“, mit der der Organist durch eine mit dem Fuß zu bedienende Walze nach und nach alle Register der Orgel zuschalten kann.

Sowohl bei „Präludium und Fuge F-Dur“ von Jan Gawlas (1901-1965) als auch bei Feliks Nowowiejskis (1877-1946) „Polnischer Fantasie“, eine Musik der Christmette in der Krakauer Wawel-Kathedrale, bekamen die etwa 60 Zuhörer den Eindruck, dass die Orgel in St. Anna so eine Walze hätte. Es war aber dem großen Können des Warschauer Künstlers zu verdanken, dass dieser Anschein entstand. Er zog nach und nach fast alle Register und begeisterte das Publikum.

Michal Markuszewskis (*1980) eigene Werke, allesamt große Improvisationen, bildeten den Rahmen des Konzertes. Mit dem „Praeludium pro Organo Pleno“ zu Beginn zeigte der Virtuose, dass er im Barockstil der Bach-Zeit improvisatorisch zu Hause ist. Mit drei romantischen Improvisationen über Choräle wie „Jesu meine Freude“ oder „Lobe den Herren“ brachte er auch seine romantische Ader zu Gehör, indem er noch einmal seine Fähigkeit zu ganz selbstverständlich fließender Gleichmäßigkeit von anspruchsvollen Läufen und seine Registrierkunst durch leise, mal mystisch zusammengestellte Register, aber auch durch drängende und sich aufdrängende Klänge, die sich fast ins Unermessliche steigerten, bewiesen hat.

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