Twistringens Bürgermeister seit 100 Tagen im Amt

Jens Bley im Interview: Plötzlich mittags zu Hause

Ein beliebtes Fotomotiv: Bürgermeister Jens Bley an den Säulen der Twistringer Ortschaften vor dem Rathaus. Foto: Jantje Ehlers
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Ein beliebtes Fotomotiv: Bürgermeister Jens Bley an den Säulen der Twistringer Ortschaften vor dem Rathaus.

Twistringen - Seit 100 Tagen ist Jens Bley (41) hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Twistringen. Seit 2015 wohnt er mit seiner Familie in Mörsen. Im Mai schafft er auf Anhieb den Sprung ins Rathaus. Eine faustdicke Überraschung: Bley holt 5174  Stimmen (78,38 Prozent) vor seinem Mitbewerber Frank Hömer (1427 / 21,62 ). Im Interview spricht Jens Bley über seinen Neustart, über erste Herausforderungen und Veränderungen im Privatleben.

Herr Bley, sind Sie schon angekommen – im Rathaus und in der Stadtpolitik?

Ich meine: Ja. – Natürlich, wenn man in ein neues Haus kommt, ist es immer schwierig, sich am Anfang zu orientieren, Arbeitsabläufe und auch die Menschen zu verstehen. Ich habe ein sehr geordnetes Haus vorgefunden. Und vor allem, dass die Mitarbeiter auch in ihren Bereichen eine gute Kompetenz haben. Sie haben es mir auch einfach gemacht, anzukommen.

Können Sie nach 100 Tagen sagen: Ich hatte schon die erste große Herausforderung?

Ich bin früh mit der angefangenen Thematik des Neubaus der Grundschule am Markt konfrontiert worden, das war relativ schnell. Seitens der Politik gab es noch Missverständnisse und Unstimmigkeiten. Es war eine kleine Herausforderung, die Thematik zu bearbeiten, damit sie weiter umgesetzt werden kann.

Wie macht sich Ihr neuer Job im Privatleben bemerkbar, wie viel hat die Familie noch von Ihnen?

Es ist so: Vom Zeitumfang her war ich vorher auch relativ lange von zu Hause weg. Wenn ich alles zusammenzähle, habe ich jetzt den gleichen Zeitansatz. Von daher hat sich nicht so viel verändert. Nun kommen aber Abendtermine hinzu, gerade in der Sitzungszeit mit den Haushaltsberatungen. Ich muss gestehen: In den letzten zwei bis drei Wochen war ich abends gar nicht zu Hause.

Das war für die Familie eine gewisse Belastung, aber insbesondere meine Frau Jana trägt das unglaublich mit. Sie unterstützt mich sehr und freut sich für mich, dass ich diese Arbeit, die ja gewissermaßen mein Traum gewesen ist, machen darf.

Dabei haben wir etwas unterschätzt: Diese Wahrnehmung in der Öffentlichkeit hat extrem zugenommen. Das hätte ich vorher nicht. Und doch: Es ist schön, dass man auf der Straße als Bürgermeister erkannt wird. Ich nehme ja auch öffentliche Termine wahr, das ist wichtig. Als Familie suchen wir uns da andere Freiräume. Ich vertrete auch die Meinung, man kann nicht 24  Stunden lang Bürgermeister sein.

Fahren Sie – im Gegensatz zu Ihrer Zeit als Polizist in Bremen, wo sie täglich mit den Zug gependelt sind – nun häufiger mit dem Rad mittags zum Essen nach Hause?

In meinem bisherigen Beruf hatte ich nie die Möglichkeit. In Twistringen kann ich das jetzt. Zugegeben, am Anfang hatte ich ein bisschen Probleme damit. In der ersten Zeit saß ich mittags irgendwie unruhig am Küchentisch. Ich konnte nicht richtig runterfahren, mich nicht auf meine Familie und das Essen konzentrieren. Inzwischen ist es schön und wichtig. Ich sehe auch unsere Kinder, esse mit ihnen. Das möchte ich fortführen. Deshalb halte ich mir die Mittagszeit möglichst von Terminen frei. Das tut mir auch gut, dann bekomme ich auch einen anderen Blickwinkel für den Tag.

Haben Sie sich inzwischen einen gewissen Überblick im Rathaus und auch draußen in den Ortsräten verschafft?

Ich habe schon vor meiner Wahl zum Bürgermeister erklärt, dass es mir wichtig ist, mit den Ortsräten in Kontakt zu sein. Bei deren Sitzungen werde ich oder mein Vertreter, der Erste Stadtrat, da sein. Oder wir kommen beide. Das ist unser Anspruch, und wir werden beide nach außen agieren. Die Fachbereichsleiter sollen ihre Aufgaben im Rathaus erledigen. Sie haben genug zu tun.

Im Rathaus hat sich schon einiges geändert, etwa die Wiederbesetzung der Stelle des Ersten Stadtrats. Die Wirtschaftsförderung kommt wieder in Gang, und zum 1. Oktober startet die erste Fachkraft für Touristik und Fremdenverkehr. Was beschäftigt Sie zurzeit noch?

Außerhalb des Hauses ist es zunächst mal wichtig, dass wir uns weiter um die Schullandschaften kümmern. Da sind wir in meinen Augen auch schon relativ gut aufgestellt. Jetzt fangen wir an und bauen die Grundschule neu. Das ist ein sehr wichtiger Schritt zur Weiterentwicklung für alle Beteiligten.

Die Haupt- und Realschule ist auch gerade im Begriff, sich zu verändern. Bald wird der Neubau geplant. Die Zusammenarbeit mit dem Schulträger, dem Landkreis, ist echt gut. Der Landrat hat für Twistringen rausgeholt, was rauszuholen war. Wegen der Mensa müssen wir uns im Nachgang noch mal mit den Eltern ins Benehmen setzen und die zukünftige Bedeutung einer Mensa deutlich machen. Der Landrat hat uns zugesichert, dass sich die Mensa nachträglich einrichten lässt.

Beim Gymnasium müssen wir uns noch um das Außengelände kümmern. Die Parkplatzsituation muss neu strukturiert werden. Damit ist ein Planer beauftragt.

Was macht Ihnen am meisten Spaß als Bürgermeister?

Oh, mir macht eigentlich zurzeit vieles Spaß. Ich merke einfach, dass ich viel mit Menschen zu tun habe. Aus den Gesprächen lassen sich viele Dinge zusammenbasteln. Darauf basierend kann man auch gestalten.

Ich merke, dass ich Gestaltungsmöglichkeiten habe, die Stadt weiterzuentwickeln. Das mache ich aber nicht allein, nur sehe mich auch als eine gewisse Schaltzentrale. Gleichwohl gehe ich immer wieder in der Verwaltung und mit dem Rat in die Gespräche. Auf meinem Verwaltungsausschuss agiere ich relativ transparent. Alle Beteiligten sollen wissen, was los ist, damit sie die richtigen Entscheidungen treffen.

Wie ist Ihr Eindruck vom Ratsklima und von der Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung?

Die Arbeit in der Verwaltung finde ich sehr positiv – wie mir zugearbeitet und wie das angenommen wird, was ich sage. Wenn häufig von außen auf die Verwaltung geschimpft wird, finde ich das unredlich. Die Mitarbeiter können nichts dafür. Und wenn, dann liegt es an irgendwelchen Strukturen. Deshalb möchte ich auch dahin kommen, dass jeder weiß, wie der jeweilige Bearbeitungsstand aussieht. Und Rückmeldungen sind das A und O.

Ich habe noch nicht viele Ratssitzungen mitgemacht, kann eher aus dem Verwaltungsausschuss berichten. Dort finde ich es zurzeit kollegial, wie wir miteinander umgehen. Natürlich gibt es auch unterschiedliche Auffassungen. Das gehört zum politischen Miteinander. Mir geht es darum, dass wir immer an der Sache dranbleiben. Dann ist es auch okay, wenn man sich streitet.

Wann kommt die Twistringer Ortsumgehung, was denken Sie?

In meiner jetzigen Amtszeit gehe ich nicht davon aus. Ich kann es mir nicht vorstellen. Selbst wenn wir ganz positiv an das Thema herangehen. Wenn es 2020 in die Planung gehen würde, dann braucht es mindestens zwei bis drei Jahre, bis die Straßenbehörde soweit ist.

Und dann reden wir noch über die Bauphase. Das ist eine acht Kilometer lange Trasse! Das wird auch noch mal etwa zwei Jahre dauern. Dann sind wir im günstigsten Fall schon bei fünf Jahren. Nein, ich glaube nicht, dass in meiner jetzigen Amtszeit das erste Auto auf der Ortsumgehung fahren wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

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