Peer Klausing trainiert in Heiligenloh

Taekwondo im Rollstuhl

Jeder Muskel ist angespannt: Torsten Paul (l.) und Peer Klausing demonstrieren die Bewegungsabläufe beim Taekwondo.
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Jeder Muskel ist angespannt: Torsten Paul (l.) und Peer Klausing demonstrieren die Bewegungsabläufe beim Taekwondo.

„Weglaufen ist die beste Verteidigung.“ Das bläut Torsten Paul, Taekwondo-Trainer im TV Heiligenloh, seinen Schützlingen wieder und wieder ein. Blöd nur, wenn man nicht weglaufen kann. Wie Peer Klausing, der seit elf Jahren im Rollstuhl sitzt. Dann bleibt nur die Verteidigung. Und die hat der 42-jährige Bassumer in den vergangenen vier Jahren durch Taekwondo gelernt. Kampfsport als Rollstuhlfahrer? Geht das denn? „Kein Problem“, sagen Klausing und Paul.

Ihr Ziel ist es, andere zu motivieren, es ihnen gleich zu tun: Inklusion braucht Aktion, lautet das Motto. Inklusion braucht aber auch den Mut, Neues zu wagen. Diesen hat Peer Klausing, als er 2016 den Kontakt zu Paul sucht, um Taekwondo zu erlernen. „Ich hatte als Jugendlicher trainiert und fand es großartig“, erzählt er fröhlich. Damals stand er allerdings noch auf zwei Beinen. Ein internistischer Eingriff brachte ihn 2009 in den Rollstuhl. Er wollte es dennoch probieren. „Ich mag Herausforderungen.“

Paul seinerseits war überrascht von der Anfrage. „Taekwondo ist ein sehr trittlastiger Sport. Wir waren darauf nicht vorbereitet, hatten aber Lust zu gucken, was geht.“ Und es geht eine ganze Menge. „Na klar, wir mussten uns erst einmal annähern. Was kann er? Wie hart darf das Training sein? Was sagt die Gruppe dazu?“ Doch ziemlich schnell wurde Peer Klausing ein fester Bestandteil des Teams. Die Tritttechniken ersetzt er durch Handgriffe. „Mittlerweile bewegt er sich auch sehr viel mit dem Rollstuhl“, ist der Coach zufrieden. „Beim Training legen wir uns gegenseitig nicht auf die Matte, es geht vielmehr um kraftvolle Bewegungsabläufe“, erklärt Paul. Die müssen sitzen. „Da ist vom Ohrläppchen bis zum großen Zeh Spannung gefragt.“

Rollstuhltanz stärkt Muskulatur für Taekwondo

Wichtig für Klausing ist, dass der Oberkörper fit ist und er Kraft in den Armen hat. Da der Bassumer neben dem Taekwondo regelmäßig ins Fitnessstudio geht und mit seiner Frau Rollstuhltanz im Tanzcentrum Gold & Silber in Bremen macht, hat er mit der Muskulatur nun gar keine Probleme.

Paul ist stolz auf seinen Sportler. Er konnte ihm viel beibringen und hat dabei selbst eine Menge gelernt. Die Arbeit mit Klausing habe ihm neue Sichtweisen eröffnet. Deshalb unterstützt die Sparte die Aktion Inklusion braucht Aktion. Ein Projekt von Health Media – Ziel ist, die breite Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. Seit 2011 gibt es Touren durch Deutschland und mehrere europäische Länder. In diesem Jahr gibt es eine große Veranstaltung unter dem Motto „Sport, Kampfsport, Selbstverteidigung für Menschen mit und ohne Handicap“ in Wolfenbüttel. „Wenn es Corona zulässt, werden wir dort vertreten sein“, sagt Paul.

Körperbeherrschung ist auch im Rollstuhl kein Problem

Um dafür Werbung zu machen, und um zu zeigen, was möglich ist, haben sich die beiden Kampfsportler zudem an einer Film-Challenge beteiligt. Der Beitrag ist bereits abgeschickt. Einsendeschluss ist der 1. September. „Wir waren so begeistert von unserem Film, dass wir ihn bereits online gestellt haben“, erzählen sie. Das könne von Nachteil sein, denn nun könnten sich andere den Clip anschauen und vielleicht eine Schippe drauf legen. „Aber das war uns egal.“ Ihnen geht es weniger ums Preisgeld von 500 Euro, sondern mehr um die Sache.

Der fünfminütige Beitrag, den Klausing selbst produziert hat – demonstriert nicht nur die Körperbeherrschung, sondern auch die Schlagkraft der Sportler. Am Ende zertrümmern sie ein Holzbrett mit der bloßen Hand.

Wer Taekwondo ausprobieren möchte, sollte einfach mal zum Training kommen. Die inklusive, gemischte Gruppe ist offen für alle, unabhängig vom Trainingsstand. Es gibt Anfänger und Fortgeschrittene. Torsten Paul stellt weniger den Wettkampfgedanken in den Fokus, sondern den Sport und den Spaß. Aber er hat auch den Ehrgeiz, seinen Leuten etwas beizubringen. Mit Erfolg. Bei Deutschen Meisterschaften haben die Heiligenloher schon vordere Plätze belegt.

Erfolg bei Online-Taekwondo-Wettkampf

Kürzlich haben Klausing und Paul an einem Online-Wettkampf der Independent Taekwondo Organisation teilgenommen und im sogenannten Synchron-Formenlauf den zweiten Platz erzielt. In der Einzelwertung kam Klausing sogar auf Platz eins.

Sein Ziel ist der schwarze Gürtel. Den hat im TV Heiligenloh bisher nur Torsten Paul. Da Taekwondo nun aber keine Sportart ist, die man von heute auf morgen erlernt, wird es noch ein paar Jahre dauern, bis er den Meistergrad erreicht.

Von Frauke Albrecht

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