Nach Mauerfall Kirchenorgeln in Sachsen besucht / St.-Anna-Instrument 25 Jahre alt

Ohne Schneeketten ins Erzgebirge

Johannes Schäfer saß schon als Dreijähriger an einer Orgel in Simmern.
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Johannes Schäfer saß schon als Dreijähriger an einer Orgel in Simmern.

Twistringen – „Anfangs dachte ich, ich brauche eine Orgel, die alles kann. Das wäre aber dann ein Gemischtwarenladen geworden.“ Eine Orgel sollte nicht alles, aber idealerweise vieles in höchster Qualität können, erfährt Twistringens Regionalkantor Johannes Schäfer bei seiner ersten Begegnung mit dem Dresdner Professor für Musikwissenschaften, Dr.   Frank-Harald Greß – einem Experten für Gottfried-Silbermann-Orgeln. 1990, reist Schäfer mit einer Abordnung im Kirchenbulli nach Sachsen – auf der Suche nach der richtigen Orgel für die St.-Anna-Kirche. Fünf Jahre später wird das von Orgelbauer Michael Becker aus Holstein nach Vorgaben Silbermanns umgesetzte Instrument eingeweiht.

Ins Blickfeld rückt die Orgel nun, weil nach einem Vierteljahrhundert die Grundreinigung ansteht. Im Oktober und November wird sie nicht erklingen – und dies gerade im 150. Jahr der St.-Anna-Kirche. Die Orgel wird laut Schäfer komplett auseinandergenommen und von Schmutz, Staub und Schimmel befreit. Das ist auch dringend nötig: Deutlich sichtbar sind die sich kreisförmig ausdehnenden Flecken – zum Beispiel an den hölzernen Labien (Lippen) der Orgelpfeifen. Auch die keilförmigen Bälge haben unter dem Schimmel gelitten, der auf dem schafsledernen Bezug wächst.

In den drei Massivholzgehäusen der Becker-Orgel stecken exakt 3001 Pfeifen aus insgesamt rund zwei Tonnen Zinn-Blei-Legierung. Der kleinste Pfeifenkörper misst ohne Fuß gerade mal acht Millimeter, der größte immerhin 4,80 Meter. Für die Orgel sind seinerzeit rund 18  Festmeter Lärchenholz und zwei Festmeter Eiche verarbeitet worden.

An dieser Orgel sei Frank-Harald Greß maßgeblich beteiligt gewesen, erzählt Johannes Schäfer. Der Dresdner war jahrelanger Berater und versierter Begleiter auf den Erkundungsfahrten zu den berühmten sächsischen Orgeln.

„Für uns ein Glücksfall“, betont Schäfer, der seit 34 Jahren hauptamtlicher Organist und Kantor in Twistringen ist. Der Chorleiter für Kirchenmusik erzählt begeistert so manche Anekdote. Etwa diese: Als man im November 1990 in Radebeul losfahren wollte, sei Greß gerade zugestiegen, als von rechts ein Auto auf den Bulli prallte – zum Glück blieb Musikwissenschaftler unverletzt. Und gleich die Frage vom ihm: „Wo sind die Schneeketten?“ Die Tour nach dem Mauerfall durchs Erzgebirge wird Schäfer nie vergessen. Er lacht. Natürlich hätten sie keine Schneeketten dabei gehabt. „Also schlitterten wir damals von Kirchenorgel zu Kirchenorgel.“

Diese Geschichte hat Johannes Schäfer am vergangenen Sonntag, am deutschen Orgeltag, auch in St. Anna geschildert. Für den 18.  Oktober kündigt der Regionalkantor „Geistliche Musik aus England für Soli und Orgel“ an. Die Konzertreihe zum 150. Kirchweihjubiläum startet am 8.  November unter dem Titel „Brückenschläge“ – ohne Becker-Orgel.

„Keine Orgel auf der Welt ist wie die andere, jede ist ein Unikat. Sie ist für mich ein sakrales Instrument“, fährt der 62-Jährige fort. Als Dreijähriger saß er bereits neben seiner Mama, einer ehrenamtlichen Organistin in Simmern und Prüm (Eifel), auf der Orgelbank. Das hat ihn geprägt. Schäfer studierte in Saarbrücken Musik und Theologie.

„Eigentlich war mir schon immer klar, dass ich die Orgel spielen will“, erinnert sich der Kantor, der zunächst Musiklehrer werden wollte. 1977 herrschte allerdings eine Lehrerschwemme. Da habe er sich auf Anraten an der Uni ein weiteres Standbein zugelegt: die Kirchenmusik. „Ich bereue es nicht.“ Ins Schwärmen gerät Schäfer immer, wenn es um seine Leidenschaft und die Twistringer Orgel geht.

Seit 25 Jahren organisiert er unter anderem den Orgelherbst. Und er freut sich sehr, dass nach der langen Corona-Zwangspause endlich wieder Chorarbeit möglich ist. „Wir sind wieder gestartet, und alle sind ganz glücklich“, erzählt der Dirigent. Der Dekanatschor sei schon fast wieder vollzählig, der Kirchenchor etwa zur Hälfte.

Im großen Saal des Pfarrzentrums könnten mit ausreichend Abstand 30 Teilnehmer mühelos proben. Zwei Konzerte habe man wegen Corona absagen müssen, bedauert Schäfer.

Der Dekanatschor probt zurzeit ein Programm mit englischen Beiträgen der Komponisten John Blow, Samuel Wesley und Karl Jenkins, aus drei Epochen – 17., 19. und 20. Jahrhundert. Das erste Konzert ist für Ende Mai 2021 geplant.

Mehr Infos

zur Becker-Orgel:

www.becker-organs.com/Twistringen

www.gemeindeverbund/twistringen/Kirchenmusik

Von Theo Wilke

Staub, Schmutz und Schimmel nach 25 Jahren.
Spieltraktur – der Weg von der Taste zur Orgelpfeife.

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