Ohne Druck, ohne Vorwürfe

Art der Sucht spielt keine Rolle: Neue Selbsthilfegruppe in Twistringen

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Die Gruppe ist für alle Arten von Sucht geeignet, auch Alkoholsucht.

Stefan Winkelmann und Elly Plenge sind beste Freunde, sie verbringen sehr viel Zeit miteinander, vertrauen sich blind. Dass es einmal so kommen würde, hat keiner von beiden vorausgesehen. Kennengelernt haben die zwei sich in einer Selbsthilfegruppe. Er als Betroffener, sie als Angehörige. „Ich bin trockener Alkoholiker, Elly steht auf der anderen Seite“, sagt Winkelmann. Die Gruppe habe ihm geholfen trocken zu werden und es bislang auch zu bleiben. Er klopft drei mal auf den Holztisch. Vor einem Rückfall sei man nie sicher.

Twistringen - Die beiden Freunde gründen nun in Twistringen eine neue Selbsthilfegruppe für Suchtkranke. Diese soll sich unter dem Dach der „SSH – Suchstselbsthilfe Sulinger Land und Freunde“ zunächst alle zwei Wochen mittwochs zwischen 19 und 21 Uhr im Gemeindehaus der evangelischen Kirche in Twistringen treffen. Der erste Termin ist morgen. Plenge und Winkelmann leiten bereits zwei Gruppen, eine in Freistatt und eine in Sulingen. Gut besucht seien beide. Das erwarten die zwei auch von der neuen Gruppe in Twistringen. Dort gebe es bisher nur den Kreuzbund. „Wir wollen keine Konkurrenz sein, sondern eine Alternative.“

Suchthelfer opfern viele Stunden ihrer Freizeit

Aktiv in der Suchtselbsthilfe ist Winkelmann seit sechs, Plenge seit zwei Jahren. Beide haben die Ausbildung zu freiwilligen Suchthelfern abgeschlossen, die sie befähigt, Betroffene in allen Stadien ihrer Krankheit zu begleiten und ihnen beratend zur Seite zu stehen. Und beide beschreiben dieses freiwillige Engagement als Teil ihrer Lebenseinstellung. Sie opfern viele Stunden ihrer Freizeit, um zu den Gruppentreffen zu gehen und auch außerhalb dieser für die Mitglieder da zu sein. „Es kann auch mal passieren, dass Jemand um zwei Uhr nachts anruft, weil es ihm schlecht geht. Und dann fahren wir da hin“, so Winkelmann. Obwohl beide auch noch reguläre Vollzeitjobs haben, scheuen sie vor solchen Dingen nicht. „Wenn man dann um 6 Uhr morgens wieder zu Hause ist, macht man sich einen starken Kaffee und geht zur Arbeit“, erklärt Plenge.

Kontakt über die Selbsthilfe-Treffen hinaus

Ihnen selbst sei dort geholfen worden, sie haben dadurch ihr Leben in den Griff bekommen. Das möchten sie zurückgeben. Eine der Grundvoraussetzungen dafür sei es, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Der Vorteil für Plenge und Winkelmann: Sie haben selbst Erfahrung mit den Problemen der Anwesenden. „Wenn man sagen kann, ,Ich weiß, wie du dich fühlst. Mir ging es genau so’, hilft das den Betroffenen schon sehr“, weiß Plenge.

Wichtig sei den beiden, dass die Gruppe auch über die Treffen hinaus miteinander in Kontakt steht, die Mitglieder füreinander da sind. Spargelessen, Weihnachtsfeier, Ausflüge oder Bastelabende gehören dazu. „Wie eine kleine Familie“, beschreibt Plenge das. So etwas müsse sich natürlich erst entwickeln. Und niemand sei gezwungen mitzumachen.

Tiefe Emotionen und unangenehme Geschichten

Keine Rolle spielt die Art der Sucht der Teilnehmer. Es könne jegliche Abhängigkeit sein, das Gerüst bleibe dasselbe, die Muster ähnlich, wissen die zwei. Wichtig ist ihnen nur, dass die Teilnehmer nüchtern zu den Treffen kommen. Sonst funktioniere die problemorientierte Kommunikation. Viele schrecke der Gedanke ab, die tiefsten Emotionen und teils unangenehmen Geschichten mit Fremden zu teilen. Doch was in solchen Gruppenräumen gesprochen wird, verlässt sie nicht, versichern die beiden Suchthelfer.

Es habe auch Elly Plenge und Stefan Winkelmann viel Überwindung gekostet, zum ersten Treffen zu gehen. Plenge erinnert sich, wie viel sie dabei geweint hatte. Winkelmann hat im ersten halben Jahr seinen Mund nicht aufgemacht. All das ist in Ordnung. Auf jeden wirke so ein Treffen anders und wie man damit umgeht, könne man für sich entscheiden, ohne Druck oder Vorwürfe – und ohne Bringschuld.

Für die beiden war es genau die richtige Entscheidung. Denn Plenge stellt fest: „Jetzt gehören wir zu den glücklichen Menschen.“ Sie hätte gemerkt, dass man nach der schweren Zeit auch wieder ein umso schöneres Leben führen könne, das es sich lohne, zu kämpfen.

Winkelmann sieht das auch so. Er geht noch weiter und zeigt eine gewisse Dankbarkeit für seine Erkrankung. Ohne seine Sucht hätte er nie rausgefunden, wer seine wahren Freunde sind.

Weitere Infos:

Stefan Winkelmann ist erreichbar unter der 04273/9638629, mobil unter 0170/9624664 oder per E-Mail an stefan@sulingen.suchthelfen.de. Infos zu den Terminen, der Gruppe und den Organisatoren gibt es außerdem im Internet:

www.suchthelfen.de

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