Pflegestelle in Twistringen

Neues Leben für ausgediente Jagdhunde

Drinnen sind sie richtige Couch-Potatoes: Susi (rechts) zusammen mit drei Whippets.
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Drinnen sind sie richtige Couch-Potatoes: Susi (rechts) zusammen mit drei Whippets.

Es ist Februar. Die Zeit, in der Tausende Galgos und Podencos in Spanien getötet oder ausgesetzt werden. Die spanischen Windhunde werden dort für die Jagd auf Hasen eingesetzt. Jetzt, nach dem Ende der Jagdsaison, sortieren viele Besitzer unrentable Tiere aus. Die Familie Kölsch aus Twistringen-Stelle bietet solchen mitunter misshandelten und verängstigten Hunden ein Zuhause auf Zeit – solange, bis sie bereit sind für eine Adoption.

Twistringen – Susi liegt entspannt auf dem Sofa. Dass jemand Fremdes im Raum ist, nimmt die Galgo-Hündin gelassen hin. Ein großer Fortschritt. Als sie aus Spanien kam, war sie noch völlig verängstigt. So wie auch die anderen Galgos, die Familie Kölsch bisher zur Pflege aufgenommen hat. „Zu Anfang sind sie alle schüchtern. Sie trauen sich fast gar nichts und beobachten nur“, erzählt Sabine Kölsch.

Seit etwa fünf Jahren betreiben sie, ihr Mann René und Tochter Sophia bei sich Zuhause eine Pflegestelle für Windhunde. Sie bereiten Hunde aus spanischen Tierheimen auf ein neues Leben in Deutschland vor. Auf ein besseres Leben.

Momentan sind die Tierheime in Spanien voller Galgos und Podencos. Die Windhunde werden für die Hasenjagd abgerichtet. Für die umstrittene spanische Tradition eignen sich jedoch nur junge und schnelle Hunde. Nach dem Ende der Saison sortieren viele Besitzer aus. Galgos und Podencos werden getötet, ausgesetzt oder ins Tierheim abgeschoben. In staatlichen Heimen können sie nur eine Zeit lang bleiben. Adoptiert sie niemand, werden sie auch dort getötet.

Schmusezeit: Sabine Kölsch mit einem Whippet.

Susi hatte Glück. Sie landete in einem privat geführten Tierheim. Von dort kam sie über den deutschen Tierschutzverein A.S.P.A. friends e.V. zur Familie Kölsch. Sabine Kölsch mag Hunde, seit sie denken kann. Die 53-Jährige hatte schon mehrere Fellnasen. Auf den Windhund ist sie aber erst 2015 gekommen, als Tochter Sophia Whippet-Hündin Lynn bekam. Bei Whippets handelt es sich um eine kleinere englische Windhund-Rasse. Was damals niemand wusste: Lynn war trächtig. Schwupps, da wuselten auf einmal fünf Windhunde durchs Haus, zusätzlich zu Kater Balou. Von den vier Welpen blieb einer in der Familie: Cookie.

Bis die Idee mit der Pflegestelle reifte, dauerte es anschließend nicht lang. „Ich bin da durch Zufall reingerutscht und würde das nie wieder missen wollen“, sagt Sabine Kölsch. Sie ist Pflegestelle für den Tierschutzverein A.S.P.A. friends. „Aber viele andere Vereine machen das auch.“ Das Prozedere ist meist ähnlich: Über den Verein kommen die Hunde nach Deutschland zu Pflegestellen. Wenn ein Hund eingewöhnt ist, sucht der Verein ein passendes dauerhaftes Zuhause.

Fünf Hunde hat Familie Kölsch bisher aufgenommen. Das Vertrauen eines ängstlichen Tieres zu gewinnen, dauert seine Zeit. Im Schnitt sind die Hunde sechs Monate bei Sabine, René und Sophia, bevor sie zu ihrer endgültigen Familie kommen. Bei Susi war das anders. Sie war der erste Pflegehund der Kölschs. Und sie bleibt bei der Familie. Aufgrund einer chronischen Krankheit war sie schwer vermittelbar. Aber vor allem: Insbesondere René schloss sie ins Herz.

Sanftmütig, sensibel und schnell

Das Engagement der Familie für die Windhunde ist ehrenamtlich. Die Belohnung für all die Zeit und Mühe? Das sind jene Momente, in denen sich zeigt, dass ein Hund langsam Vertrauen fasst, vielleicht sogar anfängt, zu spielen. „Wenn der Hund wieder zu sich selbst findet und seinen ganz eigenen Charakter zeigt“, sagt Sabine Kölsch. Sie beschreibt Windhunde als sanftmütig und sensibel. „Und zu Hause sind sie absolute Couch-Potatoes.“

Gleichzeitig sind sie Sprinter. Windhunde können bis zu 70 Kilometer pro Stunde laufen. Sie benötigten regelmäßig Freilauf, am liebsten mit Ihresgleichen in einem gesicherten Areal. Auf dem Grundstück der Kölschs in Stelle gibt es so ein Areal. Ein umzäunter Auslauf, etwa 2 000 Quadratmeter groß. Ein bisschen muss im Hofbereich noch gewerkelt werden, dann will die Familie den Auslauf auch anderen Windhundbesitzern anbieten. Wenn’s so weit ist, in ein oder zwei Jahren, ist ein Tag der offenen Tür geplant.

Auch viele Tierheime in Deutschland sind voll. Warum kümmert ihr euch nicht erst einmal um schutzbedürftige Hunde hier, anstatt welche aus dem Ausland zu holen? – Diese Frage hört Sabine Kölsch des Öfteren. „Die Tiere in Deutschland werden im Vergleich zum Ausland sehr gut versorgt und sind nicht von der Tötung bedroht“, lautet ihre Antwort. „Es gibt hier in Deutschland zahlreiche Organisationen, die sich dem inländischen Tierschutz widmen. Wir kümmern uns halt um Windhunde in Spanien.“

Galgos sind gerne unter Ihresgleichen.

Der 53-Jährigen ist es wichtig, dass sich in ganz Europa etwas verändert, sowohl auf politischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene. „Das Thema Tierschutz hat von Land zu Land einen unterschiedlichen Stellenwert. Häufig findet es kaum Beachtung und steht ganz unten auf der Tagesordnung“, kritisiert sie. Seit Jahren würden die Tierschutzorganisationen vor Ort versuchen, durch Aufklärungsarbeit Denkweisen zu ändern. Aber nur in Verbindung mit strengen Gesetzen könne sich nachhaltig etwas tun. Deshalb bittet Sabine Kölsch um die Unterzeichnung einer Petition gegen den Missbrauch von spanischen Windhunden, die VETO (Vereinigung europäischer Tierschutzorganisationen) gestartet hat.

„Wir können die Welt nicht hier und jetzt ändern, wir leisten nur einen kleinen Beitrag. Aber wir ändern die Welt für diesen einen Hund“, sagt sie. Wer Interesse an einem Windhund hat oder die Rasse kennenlernen will, kann Sabine Kölsch unter 017657999839 anrufen.

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