Sandra de Carvalho Barbosa: Kunst mit Handicap im Twistringer Bahnhof

Neuer Mut beim Malen

Der linke Arm ist gelähmt – aber Sandra de Carvalho Barbosa lässt sich nicht unterkriegen.
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Der linke Arm ist gelähmt – aber Sandra de Carvalho Barbosa lässt sich nicht unterkriegen.
  • Theo Wilke
    vonTheo Wilke
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Twistringen – Nach etlichen Treppenstufen ins Obergeschoss des Twistringer Bahnhofs öffnet sich die Tür zu ungewöhnlichen Räumen auf zwei Ebenen. Die nicht mehr ganz neue Einrichtung vermittelt aber eine gemütliche Atmosphäre. Der Besucherblick bleibt gleich an Porträts und bunten Farben hängen. „Willkommen. Das ist meine Atelier-Wohnung“, sagt Sandra de Carvalho Barbosa. Und freut sich über unseren Besuch in Zeiten von Corona.

Das Leben hat es mit der freischaffenden Künstlerin nicht immer gut gemeint. Ab 2018 war sie für längere Zeit erkrankt. Am schlimmsten erwischte es sie im Oktober 2019. Damals erlitt die heute 47-Jährige einen Schlaganfall, musste operiert werden. Gehen kann sie wieder. Geblieben ist ihr eine Lähmung im linken Arm. Aber davon hat sie sich nicht unterkriegen lassen. In der Reha fasste die Tochter einer portugiesischen Gastarbeiterfamilie neuen Mut beim Malen.

„Das war ganz befreiend“, schildert sie. Und fügt hinzu: „Ich male jetzt in Öl und expressionistisch, ich habe Vorbilder wie Gabriele Münter und Josef Scharl und suche zurzeit nach Menschen, die mir Modell stehen“, erklärt sie. Dass die Corona-Pandemie Ausstellungen nicht zulässt, bedauert Barbosa sehr. Vor gut drei Jahren startete die Wahl-Twistringerin mit ihrer ersten kleinen Ausstellung im Bahnhof.

Begeistert erzählt sie von Münter und Scharl: „Die haben so farbenfroh gemalt, nicht im Detail, aber haben mehr Gefühl ausgedrückt.“ Barbosa arbeitet heute nicht mehr mit billigen Farben, sondern benutzt zum Beispiel gute Acrylfarben. Flurnachbar und Künstler Georg Czeh unterstützt sie sehr und besorgt ihr das nötige Material: Farben, Pinsel und Leinwände.

Die Autodidaktin malt nur aus der Anschauung Menschen-Porträts. Sie ist auch immer auf der Suche nach bereitwilligen Personen, die sich auf die Leinwand bannen lassen. „Den Spirit, den jemand rüber-bringt, den kann ich gleich erfassen.“

Wer sich von Barbosa malen lassen möchte, meldet sich einfach unter 0162/ 9079514. Nur 45 Minuten sitzen – dafür gibt es auch eine kleine finanzielle Belohnung. Arbeiten von Barbosa finden sich auch im Internet unter www.facebook.com/Gallery-artnewyork und Parisgallery.

Als kleines Kind hat Sandra de Carvalho Barbosa oft durchs Fenster in das Atelier von Francisco Morreira geschaut, in Moto Sinhos, im Hafengebiet von Porto: Der naive Maler mit seinen Motiven von Menschen und Plätzen war ihr Vorbild. Morreira hatte sich – nach vielen Jobs – erst im Alter das Malen im Selbststudium beigebracht.

„Ich wusste in meinem Innersten, dass ich das später auch machen wollte“, erinnert sich Barbosa. Seit 2014 wohnt sie im Twistringer Bahnhof, malt seit etwa 17  Jahren, hat sich aber erst spät in die Öffentlichkeit gewagt.

Wie kam Barbosa überhaupt nach Deutschland? „Das ist eine tolle Geschichte“, so Barbosa. Ihre Mutter sei in den 1970er-Jahren Näherin gewesen. Ihr Vater habe als Elektriker am Flughafen von Porto einen guten Job gehabt. „Aber er war ein absoluter Deutschland-Fan, auch auto- und technikbegeistert.“

Als deutsche Firmen Gastarbeiter aus Portugal lockten, war ihr Vater Feuer und Flamme. Die Familie zog nach Dielingen, der Vater arbeitete im Hauptwerk der ZF Friedrichshafen, bis zur Rente.

In Espelkamp besuchte Barbosa das Gymnasium, brach die Schule ab, begann eine Ausbildung zur Kunststoffformgeberin bei ZF Friedrichshafen in Lemförde und wurde Maschinen-Hilfseinrichterin. In Bremen holte sie das Abitur nach und studierte Jura. Mittendrin erkrankte sie lange Zeit und musste das Studium aufgeben. Das Leben hat es mit ihr eben nicht immer gut gemeint.

Von Theo Wilke

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