Keine Wehmut

Renate Horstmann: Abschied nach 42 Jahren in der Kommunalpolitik

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Erst durch ihre kommunalpolitische Arbeit habe sie auch Menschen kennengelernt, die heute zu ihren besten Freunden zählen, betont Renate Horstmann aus Twistringen.

Twistringen - Von Theo Wilke. Ein Blick aus dem Fenster auf den Gartenteich von Renate Horstmanns Anwesen an der Sandkuhle: Nur ein paar Sekunden lang verharrt ein Fischreiher am Ufer. Dann fliegt er davon. „Der kommt häufiger“, freut sich Renate Horstmann. Die Twistringerin, die eigentlich ein Mörsener Kind ist, genießt solche kleinen Dinge und Momente im Leben – und in Zukunft noch mehr. Denn die 66-Jährige hört nach 42 Jahren in der Kommunalpolitik auf. In der kommenden Woche sitzt sie zum letzten Mal im Stadtrat.

„Mir war schon lange bewusst, dass ich nicht mehr kandidieren wollte. Ich gehe ohne Wehmut“, betont Renate Horstmann. Die Christdemokratin, die schon als 26-Jährige zum ersten Mal Ortsbürgermeisterin in ihrem Heimatdorf wurde, fügt gleich hinzu: „Ich bin froh und glücklich, dass sich so viele junge Menschen, auch Frauen, zur Wahl gestellt haben. Ich habe großes Vertrauen in den neuen Stadtrat.“

In Nazareth ist der Funke übergesprungen

Dankbar sei sie dafür, dass sie mehr als vier Jahrzehnte die Kommune habe mitgestalten dürfen und dass sie bis heute vielen Menschen begegnet sei. Dazu zählen ganz besonders der ehemalige Twistringer Jude Benno Silberberg und Ehefrau Marga (gebürtig aus Weener), die Ende der 1930er-Jahre vor den Nazis geflohen und nach Argentinien und Israel ausgewandert waren.

1995, beim Besuch einer Bürgermeister-Delegation aus Niedersachsen in Israel, fasste sich Renate Horstmann dort ein Herz und nahm Kontakt zu den Silberbergs in Nazareth-Illit auf. „Der Funke ist sofort übergesprungen. Was Benno Silberberg noch so alles aus Twistringen zu erzählen wusste! Da habe ich gestaunt. Und es hat mich sehr berührt. “ Daraus habe sich eine tiefe Freundschaft entwickelt, erzählt Horstmann weiter. Die Silberbergs wurden 1996 sogar im Twistringer Rathaus empfangen.

Wenn sie an die Städtepartnerschaft mit dem französischen Bonnétable denkt, gerät die als sensible und aufmerksame Zuhörerin geschätzte Kommunalpolitikern gleich wieder ins Schwärmen. „Das war für uns ein großes Glück, auch in Frankreich Menschen getroffen zu haben, bei denen der Funke ebenfalls sofort übergesprungen ist.“

So pflegt Renate Horstmann mit ihrer Familie seit 1989 die intensiven freundschaftlichen Bande zur Familie von Jean-Claude Pizy. Ihr 2010 verstorbener Mann Helmut hatte sich da ganz besonders eingesetzt. Im Hause Horstmann haben selbst gemalte Bilder von den französischen Freunden einen besonderen Platz – neben eigenen Malereien, die Renate Horstmanns künstlerische Begabung unterstreichen.

In den letzten Monaten, erzählt die scheidende Stadträtin, sei ihr erst so richtig bewusst geworden, wie sich Mörsen und Twistringen in den vergangenen Jahrzehnten zum Positiven entwickelt und aufeinander zubewegt hätten. Beispielsweise im Bereich Gewerbe und Wohnungsbau. Aus ihrer einstigen Dorfschule in Mörsen sei ein Seniorenpflegeheim geworden. Wichtige Entscheidungen wie den Rathausneubau habe sie mitgetragen.

Viele und heiße Diskussionen

Renate Horstmann erinnert sich an viele und heiße Diskussionen um dem Erhalt des Twistringer Krankenhauses.

Ganz entscheidend sei in den 1990er-Jahren die Aufstellung des Flächennutzungsplanes gewesen. Man habe dadurch die Weichen für eine weitere Expansion im Rahmen der Stadtentwicklung stellen können. Von 1991 an engagierte sich die Kauffrau auch 20 Jahre lang in den Gremien des Kreistages – und wurde später für ihre ruhige und souveräne Sitzungsführung auch bei heftigen Debatten gelobt.

Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen einer Mörsener Maurerfamilie, sollte Renate, geborene Schütte, einen vernünftigen Beruf erlernen. Aber „Tippse“ (Sekretärin) wollte sie auf keinen Fall werden. „Ich war mehr künstlerisch begabt.“ Vater Fritz fuhr also mit ihr auf dem Moped nach Syke zum Sitz des Landkreises Grafschaft Hoya. Daraufhin lernte sie den Beruf der Bauzeichnerin.

1974, im Jahr der Gebietsreform, war sie schon drei Jahre mit dem Tabakwarengroßhändler Helmut Horstmann verheiratet. Gebietsreform: Was soll aus Mörsen werden? Diese Frage beschäftigte die 24-Jährige sehr. Sie informierte sich, engagierte sich. Den Anstoß, in die Politik zu gehen und zu kandidieren, gab schließlich der damalige Landtagsabgeordnete Fritz Greve. Renate Horstmann wurde auf Anhieb in den Ortsrat gewählt.

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