Krasse Entwicklung in der Friedhofskultur / Twistringer Pfarrei St. Anna mit neuem Team

Mehr Urnen statt Grabpflege

Die nächste Urnenbestattung wird vorbereitet: Auf dem katholischen Friedhof in Twistringen wird auch unter zwei Bäumen beigesetzt.
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Die nächste Urnenbestattung wird vorbereitet: Auf dem katholischen Friedhof in Twistringen wird auch unter zwei Bäumen beigesetzt.

Twistringen – Gesellschaftliche Veränderungen und Lebenseinschnitte wirken sich seit einigen Jahren auch auf die Friedhofs- und Bestattungskultur aus. Der Trend geht mehr und mehr zu Urnenbestattungen. Dahinter steckt unter anderem der Wunsch nach weniger Grabpflege. Diese Erfahrung macht auch die katholische Pfarrei St. Anna in Twistringen. „In den letzten 15 Jahren hat sich das gewaltig verändert. Große Grabstellen sind nicht mehr gefragt“, sagt Pfarrer Joachim Kieslich.

Markus Tegeler wird noch deutlicher: „Das ist schon eine krasse Entwicklung. Vor Jahren hatten wir gerade mal drei bis vier Urnenbestattungen, inzwischen sind es rund 30 – das sind die Hälfte aller Bestattungen.“ Der Marhorster ist im Kirchenvorstand der Vorsitzende des Friedhofsausschusses.

Tegeler weiß: Angehörige, die oft älter sind, wollen möglichst wenig die Grabstellen ihrer Verstorbenen pflegen. Für sie sei es schon ein Problem und anstrengend. Manche Familien hätten sogar mehrere Grabstellen.

Angehörige seien heutzutage oft auch nicht am Ort, fügt der Pfarrer hinzu. Und ältere Menschen denken daran, dass sie nach ihrem Tod ihre Angehörigen nicht mit einer aufwendigen Grabstelle belasten möchten. Die gesellschaftliche Entwicklung und die Veränderungen würden sich natürlich im kirchlichen Bereich und insbesondere in der Friedhofskultur niederschlagen. Valentin Wieczorek ist pastoraler Koordinator der Pfarrei. Er nickt. Starke gesellschaftliche Einflüsse auf das Kirchenleben bekommt er hautnah mit.

„Uns kommt das entgegen“, meint Markus Tegeler. Wenn die Kirchengemeinde vor einigen Jahren die großen Bäume auf dem Friedhof nicht beseitigt hätte, wäre schon nicht mehr genug Platz für weitere Grabstellen gewesen. Weil es inzwischen mehr Urnenbestattungen gebe, habe sich die Situation entspannt.

Pfarrer Kieslich ist zudem aufgefallen, dass es inzwischen weniger Beerdigungen mit anschließendem Requiem in der Kirche gibt. Vielfach werde darauf verzichtet und eher die Friedhofskapelle genutzt. „Auf den Dörfern wird das schon noch in der Kirche gemacht. In Bassum und Harpstedt dagegen fast gar nicht mehr – aber in Marhorst gibt es noch die Messe zur Beerdigung in der Kirche“, erklärt Kieslich.

Im Jahr 2019 gab es im Bereich der Pfarrei St. Anna rund 70 Beerdigungen. Im ersten Vierteljahr 2020 seien es bereits die Hälfte aller aus dem Vorjahr gewesen, heißt es weiter. Im Corona-Jahr sind es zum Vergleich deutlich mehr Bestattungen.

Für den Friedhofsausschussvorsitzenden Tegeler liegt der Grund etwa bei den geburtenstarken Jahrgängen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. Bald würde die Kurve auch wieder abfallen. Dass sich die Corona-Pandemie auf die Anzahl der Verstorbenen auswirkt, möchten Pfarrer und Kirchenvorstand nicht ausschließen.

Eine Ursache könnten etwa Besuchs- und Kontaktverbot nach dem Lockdown im März sein. Denn den alten Menschen, gerade in den Senioreneinrichtungen, fehle in Corona-Zeiten sehr die Nähe zu Familie, Freunden und Bekannten, betont Valentin Wieczorek. Und die eingeschränkten Beerdigungen verlangten den Angehörigen am meisten ab. Pfarrer Kieslich möchte den sehr belasteten Angehörigen zu einem späteren Zeitpunkt kleine Gedenkgottesdienste anbieten.

Die Kirchengemeinde hat auf den Trend zur Urne nicht nur mit Bestattungen unter Bäumen reagiert. Es gibt Gemeinschaftsfelder auf dem Friedhof. Jeweils am Kopfende sind auf Stelen Tafeln mit den Daten der Verstorbenen angebracht. Ein Feld ist bereits komplett belegt, ein Bestattungsring unter dem Baum ebenfalls. Wenige freie Plätze gibt es im Columbarium – nach dem Vorbild altrömischer Grabkammern mit übereinander angebrachten Nischen für Urnen nach Feuerbestattungen. Überlegt, doch bislang nicht weiter verfolgt habe man den Bau einer zusätzlichen Urnenwand. „Wir wollen uns aber nicht verzetteln“, sagt Markus Tegeler.

Die Pfarrgemeinde St. Anna hat schließlich ein komplett neues Friedhofsteam: seit April dieses Jahres mit Max Korfmacher (vorher Lagerist bei der RWG) und Maik Tewes, (vorher selbstständiger Holzhändler) sowie seit dem 1. Juli mit der ausgebildeten Friedhofsgärtnerin Silvia van der Zee (vorher im Einzelhandel) als Chefin. Ihr neuer Job bereite ihr viel Spaß, sie arbeite draußen an der frischen Luft und werde häufig von Besuchern angesprochen, erzählt die neue Friedhofsgärtnerin.

Das Trio arbeitet in Teilzeit mit jeweils 30 Wochenstunden. „Nun ist das Team wieder komplett“, freut sich Pfarrer Joachim Kieslich.

Von Theo Wilke

Das neue Friedhofsteam (v.l.): Max Korfmacher, Maik Tewes und Silvia van der Zee.
Die Nischen des Columbariums an der Kolpingstraße sind fast komplett belegt.
Wenig Grabschmuck, mehr Grün, leichte Pflege. Valentin Wieczorek (l.) und Joachim Kieslich erklären hier eine Bestattungsalternative.

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