200 Medikamente nicht lieferbar

Apotheken und Ärzte beklagen Medikamenten-Engpass

200 Medikamente können derzeit nicht geliefert werden. Foto: Daniel Reinhardt/dpa
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200 Medikamente können derzeit nicht geliefert werden.

Landkreis - Es ist rund drei Monate her, da berichtete die Kreiszeitung an dieser Stelle über eine junge Wagenfelderin und ihren Kampf gegen eine mögliche Tollwut-Infektion.

Nach der Diagnose Tollwut hatte die 24-Jährige große Probleme, den überlebenswichtigen Impfstoff gegen die Viren zu bekommen – er war schlicht nicht lieferbar. Was hat sich seither getan? Ist die Situation auf dem Arzneimittelmarkt immer noch so angespannt?

Laut dem Twistringer Apotheker Michael Uhlhorn schon. Er spricht von „massiven Einschränkungen“ bei der Versorgung mit Medikamenten – und er hat auch eine Vermutung, wer daran Schuld sein könnte.

„Ganz übel“: Apotheker klagt über Medikamenten-Engpass

In der Mühlen-Apotheke in Twistringen gibt es einen Zettel mit zwölf Namen. Es sind Patienten, die einen akuten Bedarf an Medikamenten haben, diese aber nicht bekommen können. Es geht dabei längst nicht mehr nur um Impfpräparate. Auch an Schmerzmitteln, Antiepileptika und Antidepressiva mangelt es. 

„Ganz übel“, nennt Michael Uhlhorn diese Situation. Er leitet neben der Twistringer Apotheke, zwei weitere in Barnstorf und Visbek. Auch dort liegt jeweils eine Liste. Die zwölf Patienten, die auf wichtige Medikamente warten, könne man durchaus mal drei nehmen, so Uhlhorn. Insgesamt warten seine Apotheken aktuell auf rund 200 Artikel, die nicht lieferbar sind.

Umstellung auf Alternativ-Medikamente oft ein Problem

Eine Umstellung auf Alternativ-Medikamente sei laut dem Apotheker oft ein Problem. „Das kann man nicht einfach so machen.“ Den Ansatz, Medikamente zu bevorraten, sobald sie verfügbar sind, könne sich auch nicht jeder leisten. „Da gehen schnell mal 10.000 Euro ins Land“, so Uhlhorn. Dennoch würden seine Mitarbeiter tagein tagaus versuchen, die fehlenden Medikamente zu besorgen. „Das ist etwas, worüber ich mich echt ärgere“, so Uhlhorn.

Die Frage nach dem Schuldigen dieses Engpasses ist für Uhlhorn schnell beantwortet. Viele würden sagen, die Krankenkassen seien nicht Schuld, so der Apotheker. „Genau das ist aber der Fall!“ Problem seien die Rabattverträge, mit denen die Krankenkassen durch Exklusivabkommen mit bestimmten Herstellern die Produktionskosten drücken würden. Wenn dann einmal eine Fabrik auf dem überschaubaren Markt der Produzenten ausfallen würde, werde es schnell schwierig. „Wenn’s knapp wird, liefern die nicht nach Deutschland“, so Uhlhorn. Der Grund: In anderen Ländern verdienen die Hersteller heute oft mehr Geld mit ihren Medikamenten.

Medikamenten-Mangel: Lieferanten tragen Mitschuld

Es ist ein Verdacht, den Dr. Christoph Lanzendörfer in dieser Form nicht teilt. Er ist niedergelassener Arzt in Bassum und Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung für den Nordkreis Diepholz. Bei der Frage nach einem Schuldigen verweist er in erster Linie auf die Lieferanten. Einen Medikamenten-Engpass gebe es derzeit „zweifellos“, bestätigt auch Lanzendörfer. Es würden jeden Tag Medikamente fehlen. Als Beispiel führt er den Arzneistoff Valsartan an, der unter anderem zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt wird. Als dieser nicht mehr lieferbar gewesen sei, konnte man noch auf das artverwandte Irbesartan umsteigen. Doch auch dieses ist aufgrund von festgestellten Verunreinigungen in einigen Proben heute nur noch schwer auf dem globalen Markt zu bekommen.

Auch für das Gichttherapeutikum Colchicin habe es am Ende keine Alternative mehr gegeben, so Lanzendörfer. „Das haben die Patienten im wahrsten Sinne des Wortes zu spüren bekommen.“ Am Ende bleibe nur eine Umstellung auf einen komplett anderen Wirkstoff. Das sei jedoch immer mit Risiken verbunden. Eine „sehr ärgerliche Situation“, findet Lanzendörfer.

Spitzenverband der Krankenkasse sieht „aktuelle Probleme“

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) hat derweil keine Kenntnis darüber, wie oft es zu bundesweiten Medikamenten-Engpässen kommt, spricht jedoch von „aktuellen Problemen“. Angesprochen auf die Rabattverträge, die Uhlhorn moniert, heißt es: „Rabattverträge sind nach wie vor unverzichtbar, um Effizienzreserven zwischen Krankenkassen und Pharmaunternehmen zu erschließen.“ Die GKV warnt davor, die Engpässe als ein rein deutsches Problem zu sehen und die Bedeutung der Rabattverträge zu überschätzen. Das deutsche Pharmageschäft mache gerade einmal vier Prozent auf dem Weltmarkt aus. Eine Lösung, wie Engpässe in Zukunft vermieden werden könnten, kann die GKV nicht angeben. Stattdessen verweist sie auf die einzelnen Krankenkassen.

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Das Problem mit der Medikamentenversorgung ist jedoch nicht überall anzutreffen. Es gibt auch gut versorgte Inseln im weiten Meer des Medikamenten-Mangels. Die Pressesprecherin der Kliniken im Landkreis Diepholz teilt mit: „Derzeit bestehen bei uns keinerlei Medikamentenengpässe.“ Und weiter: „Unsere Apotheke berichtet von einer lückenlosen Versorgung mit Medikamenten.“ Laut Apotheker Uhlhorn habe das etwas damit zu tun, dass Krankenhäuser häufig „tiefere Lager“ hätten, während ambulante Apotheken eher „breitere Lager“ hätten. Sprich: Ein Krankenhaus habe häufig rund 100 bis 150 Wirkstoffe auf Lager, oft jedoch nur von einem Hersteller. Seine Apotheken hingegen hätten rund 9000 Artikel auf Lager, da sie auch Präparate von verschiedenen Hersteller anböten, so der Apotheker.

Auch Tierärzte leiden unter Medikamentenmangel 

Grundsätzlich gilt für Tierärzte: Wenn ein Präparat als Veterinärmedikament verfügbar ist, muss dieses einem Humanmedikament vorgezogen werden. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Immer mal wieder kommen Humanmedikamente in der Tierarztpraxis zum Einsatz – wenn sie denn verfügbar sind. „Das haben wir schon immer mal“, sagt Kerstin Qualmann. Sie betreibt eine Kleintierpraxis in Sudweyhe. Medikamenten-Engpässe kenne sie schon, seit sie vor 35 Jahren in den Beruf gestartet sei. „Das kenne ich mein ganzes Leben schon“, so Qualmann. 

Während eine Arzthelferin von Engpässen bei Schmerzmitteln wie Novalgin-Tropfen mit dem Wirkstoff Metamizol berichtet, spricht die Tierärztin vor allem von Problemen bei neu zugelassenen Mitteln. Die würden oft „beworben wie bekloppt“, nur um dann zu zögerlich produziert zu werden. 

Für sie seien Medikamenten-Engpässe zur Normalität geworden. „Natürlich ärgert man sich darüber. Aber dadurch ändert sich ja nichts“, sagt sie. Einmal habe sie versucht, mehr über den Novalgin-Engpass herauszufinden. „Wir kriegen da keine klare Auskunft“, so Qualmann. Am Ende müsse sie zur Not eine Medikamenten-Umstellung vornehmen. „Da gewöhnt man sich dran“, sagt sie und lacht müde. Eines ist ihr aber wichtig zu betonen: „Das alles heißt nicht, dass ich meine Tiere nicht versorgen kann.“

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