Digitalpakt mit Schattenseiten

„Die Digitalisierung der Bildung dient nicht den Kindern, sondern der IT-Branche“

+
Interaktives Lernen an Schulen

Twistringen – Der Digitalpakt soll den Unterricht der Zukunft gestalten. Aber er hat Schatten, warnt Dr. Matthias Burchardt, Akademischer Rat an der Universität zu Köln.

Der Bildungsfachmann referiert am Mittwoch, 13. November, im Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Im Interview erklärt er, welche Schattenseiten die digitale Bildung hat.

Herr Burchardt, „Big brother is teaching you“ lautet der provozierende Titel Ihres Vortrags. Sehen Sie die Digitalisierung genauso apokalyptisch wie einst George Orwell - „big brother is watching you“ - in seinem düsteren Zukunftsroman 1984?

Matthias Burchardt, Akademischer Rat an der Universität zu Köln und Bildungsfachmann

Ohne Abstriche: Ja! Auf den ersten Blick hat die Digitalisierung ja viele Vorteile, aber Shoshana Zuboff, eine amerikanische Ökonomin vergleicht die Prozesse mit der Eroberung Südamerikas durch Kolumbus. Die indigenen Völker wurden mit Glasperlen geködert und dann ausgeplündert. Ähnlich geht es uns mit den vielen smarten Funktionen, die unser Leben effizienter machen sollen, während wir uns dem Datenhunger des Überwachungskapitalismus ausliefern. Es entsteht die Infrastruktur eines möglichen Totalitarismus, der in China im Social-Scoring schon verwirklicht ist. Menschen werden flächendeckend überwacht und von Algorithmen bewertet. Wer kein Wohlverhalten zeigt, wird sanktioniert. Orwell ist im Vergleich dazu fast harmlos.

Was brauchen Kinder und Jugendliche für eine erfolgreiche Zukunft wirklich?

Sicherlich müssen sie sich in allen Fächern intensiv mit dem Thema der Digitalisierung beschäftigen. Sie brauchen in diesem Gebiet Fertigkeiten für eine erfolgreiche Berufsbiographie, ebenso allerdings auch Maßstäbe zur Beurteilung der Risiken dieser Technologie, damit sie die humane Zukunft der Gesellschaft mitgestalten können. Ansonsten aber brauchen sie das, was Kinder zu allen Zeiten brauchten: fachliches Wissen, kulturelle Grundfertigkeiten (Lesen, Schreiben, Rechnen), Urteilskraft, Selbsterkenntnis. Am meisten jedoch brauchen sie die Beziehung zu einem menschlichen Gegenüber, zu einer verantwortungsbewussten Lehrkraft, die ihnen Verbindlichkeit und Orientierung bietet. Der Mensch wird am Menschen zum Menschen – an der Maschine wird er selbst zur Maschine.

Per Digitalpakt stehen allein für die Schulen des Landkreises Diepholz sowie seiner Städte und Gemeinden mehr als elf Millionen Euro zur Verfügung. Sollten sie aus Ihrer Sicht besser auf dieses Geld verzichten?

Ganz ehrlich? Ja! Den Verantwortlichen sollte klar sein, dass es sich bei diesen Millionen um ein vergiftetes Geschenk handelt. Hier wird die pädagogische Frage nach dem Sinn von Lehrmitteln durch das Füllhorn entschieden. Man sollte sich weiterhin bewusst sein, dass nach der Anschubfinanzierung die Ewigkeitskosten (Wartung, Erneuerung, Support, Fortbildung und so fort) tiefe Löcher in die Budgets reißen werden, es geht um viel Geld, das dann anderswo fehlt. Im Bildungswesen mangelt es vielfach an Personal und tauglichen Gebäuden. Hier wäre das Geld nachhaltiger angelegt. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Digitalisierung der Bildung dient nicht den Schulen oder den Kindern, sondern der IT-Branche.

Unter welchen Bedingungen sind Tablets und Smartboards im Unterricht ein Gewinn?

Ich halte beides für überflüssig. Ein wirklicher Lernvorteil gegenüber gutem traditionellen Unterricht lässt sich nicht ausmachen. Wichtiger finde ich gut ausgestattete Computerräume und einen fundierten Informatikunterricht. Generell gilt: Lehrmittel sind immer nur so gut, wie das pädagogische Konzept, in dem sie eine Rolle spielen sollen. Sie sind kein Selbstzweck. Es gibt durchaus gute Beispiele aus den Naturwissenschaften, wo etwa die Smartphones unter pädagogischer Anleitung der Lehrkraft als wissenschaftliche Messinstrumente genutzt werden. Heikel finde ich, wo die App den Lehrer ersetzen soll oder viel Medienzirkus betrieben, aber wenig gelernt wird. Erklärvideos zum Beispiel sind frontaler als der autoritärste Frontalunterricht und wenn Schüler zu fachlichen Themen Stopmotion-Filme produzieren sollen, verbringen sie nur wenig Zeit mit den Inhalten.

An Frankreichs Schulen herrscht längst ein Handy-Verbot für Schülerinnen und Schüler bis 15 Jahren. Doch sowohl Sinn als auch Praxistauglichkeit dieses Gesetzes sind umstritten. Ist es überflüssig – oder sinnvoll?

Sinnvoll und notwendig! Handygebrauch schadet der kindlichen Entwicklung, wie der Berufverband der Kinder und Jugendärzte in der BLIKK-Studie eindrucksvoll belegt. Hinzu kommt ein sozialer Aspekt. Das öffentliche Schulwesen und die Schulpflicht sind große Errungenschaften und dienen dem sozialen Zusammenhalt, weil sich Menschen unterschiedlicher Herkünfte an einem öffentlichen Ort begegnen und Differenzen aushalten müssen. Wenn jeder in der Pause in seiner digitalen Filterblase verschwindet, wird eine großartige Bildungsgelegenheit verschenkt. Und ein pädagogisches Argument: Handys haben ein gewaltiges Ablenkungspotential, sie stören beim Lernen und zerstören die Konzentrationsfähigkeit. Wo es schlichtweg verboten ist, erspart man Lehrkräften und Eltern langwierige Diskussionen. Übrigens schicken die Manager der IT-Branche im Silicon-Valley ihre Kinder bevorzugt in die Waldorfschule, weil diese für analoge Bildung steht. Das sollte uns zu denken geben.

Entscheidend für die digitale Bildung sind nicht nur die Geräte, sondern vor allem die Lern-Software-Programme – und zumindest ist es doch theoretisch möglich, darüber sämtliche Interaktionen der Schüler zu speichern. Erwarten Sie ein Cyber-Profil, das am Ende in einem Cyber-Zeugnis mündet?

Ich befürchte es, weil die technische Möglichkeit dazu längst vorhanden ist. Was früher Straftätern vorbehalten war, nämlich Tracking und Profiling, wird nun auf jedermann angewandt. Learning analytics, also die statistische Auswertung von Lernverhalten, ist ein erklärtes Ziel des Digitalpakts. Frau Wanka hat explizit gesagt: „Wir müssen an die Daten der Schüler ran!“ Insofern ist die Forderung nach Datenschutz zu kurz gedacht. Es müsste um Datenvermeidung gehen. Es geht um gläserne Schüler und Lehrkräfte. Meines Erachtens sollte Schule ein Schutzraum sein, in dem man sich erproben und Fehler machen darf, ohne dass man befürchten muss, dass alles in ein Performanceprofil eingeht, das man sein Leben lang als Stigma mit sich rumschleppt. Es gibt eine Fürsorgepflicht von Eltern und Lehrern, die eigentlich verhindern sollte, dass man Kinder den Datenkraken ausliefert. Haben wir schon wieder vergessen, was Edward Snowden enthüllt hat?

Könnte ein solches digitales System Lehrer überflüssig machen – oder andererseits deren lückenlose Überwachung realisieren?

Definitiv. Beides ist nicht nur in den Zukunftsvisionen der Digitalisierer angedacht, sondern auch technisch bereits realisierbar. Wenn der Algorithmus komplett übernimmt, verkümmert der Lehrer zum Lotsen im Maschinenpark. In anderen Varianten kommt er immerhin noch als Interface vor, als jemand, der vom allwissenden Rechner kontrolliert wird und dessen Anweisung auszuführen hat. Dazu braucht es dann keine akademische Lehrerbildung mehr und auch keinen teuren Beamtenstatus. Aber das sind Allmachtsphantasien von Technikfetischisten. Letztlich wird Hightech von heute zum Elektroschrott von morgen, und in 20 Jahren werden wir uns kopfschüttelnd fragen, was wir da angestellt haben. Lehrer sind unverzichtbar.

Worauf müssen wir uns bildungstechnisch einstellen?

Auf einen weiteren Niedergang: Unausgereifte Reformen haben spätestens mit den Einflüsterungen der OECD das Bildungswesen systematisch ruiniert, Lehrkräfte bis zur Besinnungslosigkeit mit unsinnigen Maßnahmen beschäftigt und böse Spuren in den Bildungsbiographien der Schülerinnen und Schüler hinterlassen. Nun soll die Digitalisierung das neuen Zaubermittel sein? Mein Vorschlag: Wollen wir diese Reform nicht einfach gelassen aussitzen?

Was ist für eine erfolgreiche Schulbildung unverzichtbar?

Die Schule muss wieder zu Ruhe kommen. Eigentlich ist alles nämlich ganz einfach: Lernen geschieht am besten im inhaltlich anspruchvollen, menschlich ansprechenden und methodisch entsprechenden Unterricht. Dazu braucht es fachlich, didaktisch und menschlich gebildete Lehrkräfte und organisatorische Rahmenbedingungen (zum Beispiel kleine Klassen). Wesentlich sind aber auch die Erziehungsaufgabe des Elternhauses und ein vertrauensvolles Verhältnis in dieser pädagogischen Partnerschaft zum Wohle von Kindern und Jugendlichen. Wenn all das gegeben ist, darf dann – je nach Alter und Bildungsgang – gern irgendwann auch mal ein digitales Produkt auftauchen, es wird keinen Schaden anrichten. Wir brauchen Bildung zur Bewältigung der Digitalisierung, aber keine Digitalisierung der Bildung.

Zur Info - der Termin

Der Kreisverband Diepholz in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der sich vielfältig mit den Problemen im Schulalltag befasst, veranstaltet am Mittwoch, 13. November, um 17 Uhr im Twistringer Gasthaus Ostertor (Penne) seine Mitgliederversammlung. In diesem Rahmen referiert Dr. Matthias Burchardt zum Thema „Big brother is teaching you“.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Israel tötet Dschihad-Militärchef - Beschuss aus Gaza

Israel tötet Dschihad-Militärchef - Beschuss aus Gaza

„Eine Legende besagt: Hätte Herrmann nicht abgeschlossen, würde Friedl immer noch rückwärts laufen“

„Eine Legende besagt: Hätte Herrmann nicht abgeschlossen, würde Friedl immer noch rückwärts laufen“

Wer hat wie benotet? Die Werder-Noten gegen Gladbach im Vergleich

Wer hat wie benotet? Die Werder-Noten gegen Gladbach im Vergleich

Australiens Feuerwehr warnt vor "katastrophaler Feuergefahr"

Australiens Feuerwehr warnt vor "katastrophaler Feuergefahr"

Meistgelesene Artikel

Kirchdorfer Herbstmarkt: Die Mischung gefällt

Kirchdorfer Herbstmarkt: Die Mischung gefällt

„Luftkrieg in der Region“ 1944/45: Alarm, Angst und Tote

„Luftkrieg in der Region“ 1944/45: Alarm, Angst und Tote

Wohngebiet am Syker Hallenbad soll Profit, Umweltschutz und bezahlbaren Wohnraum vereinen

Wohngebiet am Syker Hallenbad soll Profit, Umweltschutz und bezahlbaren Wohnraum vereinen

Faustschläge auf dem Kirchdorfer Markt

Faustschläge auf dem Kirchdorfer Markt

Kommentare