Jugendhilfeausschuss nimmt Töchter und Söhne psychisch Kranker in den Blick

Mama fällt aus: Wenn Kinder Kinder versorgen müssen

Jens Lubomirski. - Foto: Seidel

Twistringen - Von Anke Seidel. Es kann alles andere als Faulheit sein, wenn ein Kind die Schule schwänzt: Möglich, dass es seine Geschwister versorgen und den Haushalt organisieren muss, weil Mutter oder Vater psychisch krank ist. „Zwölfjährige schmeißen den Haushalt und versorgen ihre Geschwister – und das perfekt!“, berichtet Jens Lubomirski im Jugendhilfeausschuss über reale Fälle im Landkreis Diepholz.

Die Fakten des Sozialraum-Regionalleiters Süd über die Situation von Kindern psychisch kranker Eltern lösen im Sankt-Annen-Stift Twistringen große Betroffenheit aus – und den Wunsch, zu helfen. Der Ausschuss-Vorsitzende Heinfried Schumacher (SPD) plädiert für ein Symposium, bei dem Ärzte, Therapeuten, Beratungslehrer sowie Vertreter von Hilfe-Einrichtungen gemeinsam am Tisch sitzen. Kreisrat Markus Pragal begrüßt das. Denn dass alle Beteiligten zusammen arbeiten müssen, um psychisch kranken Eltern und ihren Kindern zu helfen, daran hat Referent Lubomirski keinen Zweifel gelassen. Detlef Klusmeyer betont als Leiter des Jugendamtes, wie komplex das Problemfeld ist. Schon bei den Zahlen: Fakt ist, dass im Landkreis Diepholz 35 760 Kinder und Jugendliche leben (Stand 2015). Aber wie viele davon wenigstens ein psychisch krankes Elternteil haben, kann Lubomirski nicht sagen. Einer bundesweiten Studie zufolge hat fast jedes vierte Kind „ein vorübergehendes, wiederholtes oder dauerhaft psychisch erkranktes Elternteil“, zitiert der Referent. Genaue Zahlen für den Landkreis Diepholz gibt es nicht. Einer „groben Erhebung“ für die Sozialräume im Südkreis zufolge leben in der Stadt Diepholz rund 80 Mädchen und Jungen mit einem psychisch kranken Elternteil. Im Diepholzer Land sind es mehr als 30 und im Sulinger Land mehr als 50. In bis zu 30 Fällen, so zeigt eine Doppelgrafik, spielt außerdem eine Suchterkrankung eine Rolle. „Der Suchtmittel-Missbrauch ist stetig auf dem Vormarsch“, beschreibt Lubomirski eine fatale Dynamik.

Wie verändern Depression, Schizophrenie, bipolare Störungen oder Sucht die Eltern? „Das Denken und Fühlen, die Wahrnehmung und das Verhalten ist anders“, so die Antwort. Für ihre Kinder entwickeln die Betroffenen demnach zu wenig Gefühle (mangelnde Emotionalität) und zu wenig Verantwortung. Sie haben in der Regel nur wenig Freunde, wegen ihrer Erkrankung Schuldgefühle und leben isoliert. Gleichzeitig verschweigen sie ihre Situation – und müssen trotzdem Alltagsbelastungen und Abwertungserlebnisse verkraften.

Ihre Töchter und Söhne haben in der Regel keine stabile Bezugsperson, der sie sich anvertrauen können. Sie sind deshalb in großer Gefahr, depressive Störungen oder Verhaltensauffälligkeiten zu entwickeln. Der Referent stellt klar: Vernachlässigungen, Misshandlungen und sogar sexueller Missbrauch können zu den Folgen gehören.

Lubomirski lässt keinen Zweifel: „Für das Jugendamt ist es schwer, an Betroffene heranzukommen.“ Er betont die enorme Bedeutung der Zusammenarbeit von Ärzten, Therapeuten und anderen Fachkräften – und berichtet von Versuchen des Jugendamtes, den betroffenen Kindern eine Paten-Familie an die Seite zu stellen. „Aber ein Achtjähriger kann nicht mit dem Auto fahren“, beschreibt der Referent das Problem der Erreichbarkeit gerade im ländlichen Raum.

Die Ratslosigkeit im Plenum ist spürbar. Michael Albers (SPD) beklagt den enormen Mangel an Therapeuten. Marlis Winkler (Diakonie) berichtet von nachweislich 170 Kindern suchtkranker Eltern im Landkreis. „Und die Dunkelziffer ist hoch!“ Ihre Forderung: „Für diese Kinder muss ein niederschwelliges Angebot her.“

Dass Hilfe für Kinder und Eltern durch enge Kooperation zwischen Erwachsener- sowie Kinder- und Jugend-Psychiatrie möglich ist, darauf verweist Verena Schwartz als stellvertretende Jugendamtsleiterin mit Beispielen aus Rotenburg und Hamburg.

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