Kreuzbund-Gruppe in Twistringen

„Die Lütte verträgt mehr als Uroma“ - zu Besuch bei der Selbsthilfegruppe für Suchtkranke

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Etwa 10 bis 14 Personen nehmen in der Regel an den Treffen teil. Die Gespräche sind vertraulich. Die Anwesenheit der Zeitung ist eine Ausnahme.

Twistringen - Zuerst hat Waltraud nur abends getrunken. Dann immer früher. Bis sie sich eines morgens bei dem Gedanken erwischte: „Die Flasche steht da. Die muss leer.“ Mehrere Therapien und Rückfälle später spricht Waltraud sehr offen über ihre Sucht. Momentan ist sie trocken. Aber sie weiß: Ihre Krankheit kann sie wieder einholen.

Gemeinsam mit 15 anderen sitzt sie in der hellen Küche desCaritas-Hauses in Twistringen. Dort trifft sich jeden Montag um 19 Uhr die Selbsthilfegruppe des Kreuzbundes. Willkommen sind Menschen mit allen möglichen Suchterkrankungen und deren Angehörige. Derzeit nehmen an den Treffen jedoch nur trockene Alkoholiker teil, einige mit Partner.

So auch Waltraud. Ihr Ehemann Heinrich, seit Kurzem kommissarischer Leiter der Gruppe, sitzt auch an dem großen Tisch. Er hält sich zurück, lässt die anderen reden, ohne ins Wort zu fallen oder die Konversation in eine bestimmte Richtung zu lenken. Waltraud erzählt: Seit dem Tag, als ihre Therapie begann, trinkt auch er keinen Tropfen mehr. „Mein Mann hat diese Krankheit nicht. Er hat das mir zuliebe getan.“

Alkohol stellt Beziehungen auf die Probe

Keine Selbstverständlichkeit. Heidi sagt selbstbewusst: „Ich trinke hin und wieder gern mein Glas Wein.“ Sie begleitet ihren Mann Werner zur Selbsthilfegruppe. „Ich bin der Säufer“, sagt er lachend. Wobei Werner seit 2002 trocken ist. Er betont, er habe absolut kein Problem damit, wenn Heidi Alkohol trinkt. „Wir haben darüber gesprochen.“ 

Das sei extrem wichtig. Denn ohnehin würde durch die Krankheit eine Beziehung auf sehr wackelige Beine geraten. Nicht nur weil ein Partner ständig besoffen ist, mitunter komplett die Kontrolle über sein Leben verliert, sondern auch durch die Lügen, die er sich ausdenkt. „Wir sind sehr gute Schauspieler“, sagt eine Teilnehmerin.

Verstecken gehört zur Sucht

Das bestätigt Christoph. Damit er nicht auffliegt, hatte er sich mehrere Verstecke für seine Pullen gesucht. Er habe auch stets darauf geachtet, in unterschiedliche Supermärkte zu fahren, um nicht als der Mann aufzufallen, der jeden Tag eine Flasche Wodka kauft. 

Ein bestätigendes Nicken geht durch den Raum. Die Teilnehmer wissen genau, wovon Christoph spricht. Das ist etwas, was die Sucht begleitet.

Teilnehmer froh, dass sie aufgeflogen sind

Und sie alle würden nicht dort sitzen, wenn sie nicht doch irgendwann aufgeflogen wären. „Gott sei Dank ist das passiert. Sonst würden wir vielleicht schon auf dem Friedhof liegen“, sagt Willi.

Manch einer hat wegen der ständigen Fahne Probleme bei der Arbeit bekommen, wurde verlassen oder landete im Krankenhaus.

Alkohol gehörte in der Familie dazu

Renate musstezweimal ihren Führerschein verlieren, weil sie betrunken Auto gefahren war, bevor ihr klar wurde, dass sie Hilfe brauchte. „Bei mir in der Familie war es ganz normal, zu trinken“, erzählt sie. Wer – gerade als Frau – viel vertrug, dem wurde auf die Schulter geklopft. Und ab der Konfirmation hieß es: „Die Lütte verträgt mehr als Uroma!“ 

Es sei allerdings zu weit gegangen, wenn man sich daneben benommen hatte, erzählt Renate. „Hinfallen oder so ging nicht. Da hieß es dann: Was sollen die Leute denken?

Probleme mit Alkohol weggespült

Bei Renate begünstigten noch Depressionen den Weg in die Sucht. Andere erzählen von Schicksalsschlägen oder belastenden Situationen. Anstatt daran zu arbeiten, haben sie das Problem schlicht weggetrunken.

Eine der Grundvoraussetzungen für alle, die dauerhaft trocken bleiben möchten: Das eigentliche Problem erkennen. Und drüber sprechen. Ganz viel.

Gemeinsam auch über die Sucht lachen

Dafür ist die Gruppe da. Alle betonen, wie wohl sie sich dort fühlen. Weshalb sie teilweise eine lange Autofahrt auf sich nehmen. „Wir unternehmen auch Sachen zusammen“, erzählt Heidi. 

Das stärke neben dem Zusammenhalt das Vertrauen und die Fähigkeit, gemeinsam zu lachen. Hin und wieder über sich selbst. Wie sie zu betrunken waren, um sich an ihre Vorratsverstecke zu erinnern. Das Thema ist ernst, die Atmosphäre ist trotzdem locker. Jeder kommt zu Wort. Und alle erzählen.

Scham bei Rückfällen in die Sucht

Die Menschen in der Gruppe brauchen einander auch in Situationen, in denen es brenzlig wird, erzählt Waltraud. Jeder hat eine Telefonliste, und es ist okay, anzurufen. Entweder wenn man kurz davor ist, rückfällig zu werden, oder wenn es passiert ist. „Man schämt sich so. Das ist einem so unangenehm“, berichtet Waltraud. 

Doch sie weiß inzwischen, dass sie krank ist, und dass niemand davor sicher ist. Und das weiß auch ihr Ehemann. Ein Bekannter hätte ihn mal gefragt: „Bist du eigentlich mit deiner Dame noch zusammen?“ Das ist eine Krankheit, hat Heinrich geantwortet. Man verlässt doch seine Frau nicht, nur weil sie krank ist.

Infos:

Weitere Infos unter www.kreuzbund-twistringen.de und bei Heinrich Siemers unter 04243 / 86 97.

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