Mit ordentlich Wut im Bauch

Corona-Lockerungen: Fitnessstudios und Tanzschulen beklagen schlechte Informationspolitik

+
Eine unterdurchschnittliche Informationspolitik geht Tanzschulbetreiberin Nadine Reiners (l.) und Fitnessstudiobetreiber Frank Hömer (r.) zwar auf die Nerven. Ihr Lächeln lassen sie sich aber nicht nehmen.

Landkreis Diepholz -  Mitternacht in Köln vor anderthalb Wochen: Vor einem Fitnessstudio hat sich eine lange Schlange gebildet, die Menschen dürfen wieder Sport machen.

Frank Hömer, Betreiber der „aktiv & vital“-Fitnessstudios in Twistringen und Goldenstedt, ärgert sich. Nicht für seine Kollegen, sondern über die bundesweit uneinheitlichen Regeln und eine mangelhafte Informationspolitik, die dem Unternehmer jede Planungssicherheit genommen hat. Erst am Mittwoch erklärt die Landesregierung, es sei geplant, dass Sporthallen und Fitnessstudios am Montag, 25. Mai, wieder öffnen können. Das Warten scheint ein Ende zu haben.

Seinem Ärger hatte Frank Hömer da längst in einem offenen Brief an Niedersachsens Ministerpräsidenten Stephan Weil Ausdruck verliehen: „Politische Verantwortung bedeutet nicht, dass man den Weg des geringsten Risikos geht“, heißt es dort. Insbesondere in der Krise müssten Grundrechtseingriffe stetig auf ihre Verhältnismäßigkeit überprüft werden. Und spätestens beim Vergleich mit Branchen wie dem Einzelhandel müsste das Ergebnis lauten, dass Fitnessstudios wieder öffnen dürfen.

„All dies haben die Ministerpräsidenten, die verantwortungsvolle Öffnungen der Fitness- und Gesundheitsstudios zugelassen haben, erkannt. Sie wollen es offenbar nicht erkennen“, klagt Hömer. Zumal Fitnessstudios mehr seien, als ein Ort zum Zeitvertreib: „Wir sind ein in der Wissenschaft anerkannter Baustein der Gesundheitsprävention.“

Corona-Pandemie: Fitnessstudios und Tanzschulen klagen über schlechte Informationspolitik

Mit den gleichen Problemen wie die Fitnessstudios, kämpfen die Tanzschulen. Dabei ist es erst diese Woche klar geworden, dass beide Branchen in einem Boot sitzen. Zu Wochenbeginn hatte der Landkreis Diepholz bereits alles vorbereitet, um zu verkünden, dass dem Neustart des Unterrichts nichts mehr im Wege stehe, da Lockerungen für Bildungseinrichtungen eingeführt wurden.

Doch in letzter Sekunde „wurde uns seitens der Landesregierung mitgeteilt, dass eine Tanzschule nicht als Bildungseinrichtung gewertet wird, sondern nun doch als Indoor-Sportstätte. Für solch widersprüchliche Aussagen fehlt mir jedes Verständnis“, erklärt Landrat Cord Bockhop. „Ich würde mir wünschen, dass sowohl Tanzschulen als auch Fitnessstudios, die ausreichend Abstand und die Einhaltung der Hygienemaßnahmen sicherstellen können, ihren Betrieb wieder aufnehmen können.“

Auch in der Corona-Pandemie erlaubt: Fitnessangebote an der frischen Luft.

Lockerung der Corona-Maßnahmen: Landrat Bockhop kritisiert „widersprüchliche Aussagen“

Auch wenn der Landrat seine Forderung auf beide Branchen erstreckt, ist eine Ungleichbehandlung weiterhin möglich. In der niedersächsischen Verordnung über infektionsschützende Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus sind Fitnessstudios als ein Teilbereich genannt, Indoor-Sportstätten als ein zweiter. Da bislang nur die Ankündigung des Landessportministeriums vorliegt, ein Verordnungs-Entwurf jedoch noch nicht, werden alle Beteiligten sich hüten, zu früh in Euphorie zu verfallen. Entscheidend ist nicht die Ankündigung, entscheidend ist der Wortlaut der Verordnung.

Dabei hat das Hin und Her Britta Kirchner von der Tanzsschule Kirchner in Syke schon genug Nerven gekostet: „Erst hieß es, wir dürfen ab dem 25. Mai öffnen, dann wieder nicht. Das nervt echt“, sagte Kirchner am Dienstag. Ein Gefühl, das Nadine Reiners, Geschäftsführerin der Tanzschule „NR Dance & Event Tanzschule Reiners“ aus Weyhe, genau kennt. Alltag bedeutete vor der Ankündigung: Die Kunden fragen Reiners, wann es wieder losgeht, „und ich weiß nicht, was ich dann antworten soll“.

Fitnessstudios und Tanzschulen in der Corona-Krise: Ärger mit den staatlichen Soforthilfen

Und als wäre dieser unsichere Blick in die Zukunft nicht schon genug Last auf den Schultern der Unternehmer, gibt es auch noch Probleme mit den Soforthilfe-Programmen: „Ich kann die Worte ,Wir unterstützen die Betriebe‘ nicht mehr hören. Wir haben keine Unterstützung erhalten und ich habe auch von anderen Betrieben gehört, dass die nichts bekommen“, sagt Reiners. Die Tanzschule Kirchner ist ein Fall, bei dem es geklappt habe, zu Sorglosigkeit führe das aber nicht: „Wir haben relativ früh 3.000 Euro als Soforthilfe bekommen. Ansonsten leben wir von unseren Rücklagen“, erklärt Britta Kirchner. Immerhin – und das ist die gute Nachricht – hält die Klientel weiterhin zur Fahne. „Wir haben nur ganz wenige Kündigungen bekommen.“

Was bei aller Unsicherheit nie zur Frage stand und was Fitness- und Tanzbegeisterte freuen wird: Die Betriebe sind bereit. Frank Hömer orientierte sich bei seinen Vorbereitungen an den Auflagen von Hessen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Er plant, ein paar Kurse nach draußen zu verlegen. Dort, im 1.000-Quadratmeter-Tanzschulgarten trainieren bei Nadine Reiners seit Montag die Hip-Hop-, Ballett- und Wettkampfgruppen wieder. Die Premiere sei gut verlaufen.

Doch wie steht es um Paartanz mit dem unausweichlichen Körperkontakt? Britta Kirchner argumentiert: „Wir könnten sofort loslegen.“ Erst nur mit Erwachsenen, die Paare aus nur einem Haushalt, maximal zehn gleichzeitig im Saal mit reichlich Abstand und die einzelnen Gruppen zeitlich so versetzt, dass sie sich nicht begegnen. Dazu Mundschutz und Desinfektionsmittel – da sollte nach menschlichem Ermessen doch nicht viel schiefgehen können. Das aber scheint Hannover noch nicht so zu sehen. „Die Sportausübung muss kontaktlos zwischen den beteiligten Personen erfolgen“, heißt es in der Ankündigung. Da bleibt nur die Hoffnung, auf eine Ausnahmeregelung in der fertigen Verordnung.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Fossilien-Grube Messel 25 Jahre Welterbe

Fossilien-Grube Messel 25 Jahre Welterbe

Von Black Power bis George Floyd: Sport als politische Bühne

Von Black Power bis George Floyd: Sport als politische Bühne

Unterwegs mit einem abgespeckten Slim-Bike

Unterwegs mit einem abgespeckten Slim-Bike

Wolle, Wärme und Wandern im Sarntal

Wolle, Wärme und Wandern im Sarntal

Meistgelesene Artikel

Seit zehn Wochen keine Einnahmen: Wann endlich wieder ins Kino?

Seit zehn Wochen keine Einnahmen: Wann endlich wieder ins Kino?

Corona-Pandemie: Gemeinde will mit Aktion „Weyhe bleibt munter“ positives Zeichen setzen

Corona-Pandemie: Gemeinde will mit Aktion „Weyhe bleibt munter“ positives Zeichen setzen

Freibad Siedenburg öffnet am 2. Juni

Freibad Siedenburg öffnet am 2. Juni

Auffahrunfälle auf A1: Polizei bittet um mehr Aufmerksamkeit

Auffahrunfälle auf A1: Polizei bittet um mehr Aufmerksamkeit

Kommentare