Fast 25 Jahre unterwegs durchs Industriegebiet und über die Dörfer

Peter Spils letzte Tour im Bäckerwagen

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Peter Spils hat gestern seine letzte Tour im Verkaufswagen gefahren. Zum Abschied gab’s für seine Kunden ein Stückchen Kuchen. Hier freut sich gerade der kleine Lennard mit seiner Urgroßmutter drüber. 

Twistringen - Von Michael Walter. Huuuuuup! – Unüberhörbar biegt Peter Spils auf die kleine Einfahrt zum Firmenparkplatz ein. Keine zehn Sekunden später öffnet sich die Tür des Mitarbeitereingangs: Ein knappes Dutzend Männer und Frauen stürmt seinen Verkaufswagen und deckt sich mit belegten Brötchen für die Frühstückspause ein.

Fast 25 Jahre lang hat Spils Betriebe im Twistringer Gewerbegebiet und Privatkunden auf den Dörfern beliefert. Gestern zum letzten Mal.

„Ich geh in Rente“, sagt er seinen Kunden und schiebt jedem noch ein Stückchen Kuchen mit der Aufschrift „Danke“ in die Tüte. Den hat sein Arbeitgeber gleich blechweise extra gebacken. Ein paar Dutzend Mal wird Spils das an diesem Tag noch machen. Und die Reaktion ist jedesmal gleich: Ungläubiges Staunen. So selbstverständlich gehört er für die Leute zu ihrem Alltag.

Peter Spils ist ein echter Twuster Jung: 1954 in Stelle geboren und groß geworden, nach der Volksschule Bäcker gelernt und dann 20 Jahre in dem Beruf gearbeitet. „Damals hab ich schon hin und wieder mal aushilfsweise den Verkaufswagen gefahren“, erzählt er. „Mal war jemand krank, mal im Urlaub. Und dann bin ich eingesprungen.“ Eines Tages hatte er dann fest den Job in der rollenden Verkaufsstelle übernommen. „Und dann stand irgendwann der alte Weymann vor mir und hat mich gefragt, ob ich nicht lieber bei ihm arbeiten wollte.“ Er wollte. Und dabei ist es bis zum Schluss auch geblieben. „Ich hab in meinem ganzen Leben nicht eine einzige Bewerbung geschrieben“, sagt Spils. „Das kann auch in die Zeitung.“

Gefühlte 100.000 Mal die gleiche Bewegung

Huuuuuup! – Der nächste Stopp ist erreicht. Griff nach hinten: Den Schalter drücken, der die Klappe überm Verkaufstresen elektrisch öffnet. Gefühlte 100. 000 Mal hat Spils diese Bewegung gemacht. Dann quetscht sich der große Mann durch das kleine Schott nach hinten in den Verkaufsraum: „Moin!“ Mit einem freundlichen Lachen begrüßt er seine Kunden. Manche auch mit einem dummen Spruch. Würde man sagen, er kennt jeden zweiten mit Vornamen, wäre das stark untertrieben. „Wenn sich zwei Leute vor meinem Wagen über einen Dritten unterhalten, weiß ich fast immer, um wen es geht“, sagt Spils. „Selbst wenn der Name gar nicht fällt.“

Vier Mal pro Woche unterwegs

Seine jetzige Kunden-Generation hat er aufwachsen sehen, die davor alt werden, und seine ersten Kunden sind ihm mittlerweile schon zu weiten Teilen weggestorben. „In Beckeln war das zuletzt besonders schlimm“, sagt er. „Viele Leute, die ich kennengelernt habe als ich anfing, sind dort innerhalb eines Jahres gestorben.“ Das bewegt ihn ziemlich stark. „Vor ein paar Tagen waren sie noch bei dir am Tresen, und auf der nächsten Tour gibt es sie nicht mehr.“

Viermal pro Woche war Spils mit dem Bäckerwagen unterwegs. Immer zuerst im Gewerbegebiet, dann über die Dörfer. „Mittwochs war immer die längste Tour“, erzählt er. „Da war ich meistens erst abends um sieben oder halb acht durch. Und ich bin morgens um sieben schon losgefahren.“

Nur einmal nicht: Da war plötzlich das fast fertig beladene Auto weg. Peter Spils war nur nochmal schnell in die Backstube gegangen, um etwas zu holen. Und in dem Moment hatte jemand den Wagen gestohlen. Zwei Tage war Spils vor Gewissensbissen regelrecht krank, weil er sich die Schuld dafür gab. Dann fand die Polizei das Fahrzeug – in Holland. Heute kann Spils darüber lachen. „Da hat jemand einen schönen Ausflug gemacht. Genug zu essen hatte er ja dabei.“

Die Lücken in den Regalen werden größer

Huuuuuup! – Es geht auf Mittag. Gingen vorher vor allem belegte Brötchen und Kakao über den Tresen, sind es jetzt Brot und Kuchen. Die Lücken in den Regalen werden größer. Und je mehr leere Kuchenbleche Spils beiseite räumt, desto klarer wird ihm: Jetzt ist es bald soweit. Und auf einmal stehen diesem Riesenkerl die Tränen in den Augen. „Na klar nimmt einen das mit“, sagt er. Einmal schlucken, durchschnaufen, und dann geht’s weiter. Der nächste Kunde wartet schon.

Gibt es einen Wunsch oder einen Kindheitstraum, den er sich als Rentner erfüllen möchte? Peter Spils denkt einen Moment nach und schüttelt dann den Kopf. Langweilig wird ihm trotzdem nicht, da ist er ganz sicher. Er hat noch ein bisschen Landwirtschaft als Nebenerwerb. „Da hab ich genug zu tun“, lacht er. „Kühe melken und meine Frau ärgern.“

Seine Verkaufstouren wird eine Kollegin dreimal die Woche fortsetzen. Und vielleicht fährt Peter Spils ja dann und wann doch nochmal den Bäckerwagen. Als Urlaubsvertretung.

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