Landwirt Frank Ehlers äußert Skepsis

Initiative Tierwohl: „Kosmetik für den Konsumenten“

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Die Initiative soll das Tierwohl entscheidend verbessern.

Landkreis Diepholz - Von Robin Grulke. Lautes Grunzen, schrilles Quieken und dumpfes Rummsen sind zu hören, wenn die Schweine gegen eine der Trennwände rammen. Die rosa Vierbeiner stehen nicht still, sie springen über liegende Artgenossen und schrecken zunächst zurück, wenn sie ein unbekanntes Gesicht erblicken.

Im Schweinemastbetrieb von Frank Ehlers in Borwede sieht es aus, wie in wohl jedem anderen. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Der Betrieb des Landwirtes nimmt an der Initiative „Tierwohl“ teil. Einer Aktion, von der sich die Fleischindustrie gesellschaftliche Akzeptanz und Vertrauen in die Landwirte bei der Fleischproduktion erhofft. Doch wie genau funktioniert sie?

Die Initiative hat einen Katalog mit Pflicht-, Wahl- und Wahlpflichtkriterien aufgestellt. Die Pflichtkriterien umfassen 20 Punkte, die von den Betrieben umgesetzt werden müssen, um an der Initiative teilnehmen zu können. Dazu gehören unter anderem regelmäßige Trinkwasserkontrollen, rutschfeste Stallböden und Mindesttemperaturen in den Ställen.

Landwirte müssen sich außerdem entscheiden: Entweder gewähren sie den Tieren zehn Prozent mehr Platz oder ständigen Zugang zu Raufutter. Frank Ehlers hat sich für den Zugang zu Raufutter entschieden. Deshalb verfügt nun jede Bucht über einen Spender mit Maissilage. Weitere Kriterien sind freiwillig und müssen für eine Teilnahme an der Initiative nicht erfüllt werden.

Doch was auf Landwirtschafts-Laien wie effektive Veränderungen wirken mag, ist in der Realität kaum der Rede Wert. „Wenn man den Tieren ein bisschen mehr Platz gibt, ist das sicherlich besser. Insgesamt wirkt sich das aber nicht gravierend aus“, sagt Kreislandwirt Wilken Hartje. Es seien „Kleinigkeiten“, die sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung seien.

So soll „zusätzliches organisches Beschäftigungsmaterial“ in Form eines Holzbalkens den Tieren in der Theorie genug Ablenkung bieten, damit sich die Schweine nicht aus Langeweile in die Schwänze beißen.

Wäre die Methode erfolgreich, so gäbe es einen Lichtblick in der ewigen Diskussion über das Ringelschwanzkupieren, des Kürzens der Schwänze bei Ferkeln. Allerdings weisen auch die Tiere in Frank Ehlers‘ Betrieb vereinzelt Bissspuren auf. „Wer ein Allheilmittel gegen das Schwänzebeißen gefunden hat“, so der Landwirt, „braucht in seinem Leben nicht mehr zu arbeiten.“

Das Programm scheint immer beliebter zu werden. Alleine im Kreis Diepholz nehmen bereits 50 Betriebe teil, 59 weitere stehen auf der Warteliste. Sie können erst teilnehmen – und so notwendige finanzielle Vorleistungen wieder einnehmen – wenn die Initiative weitere finanzielle Mittel gesammelt hat.

Insgesamt hat Frank Ehlers 90 000 Euro investieren müssen, damit sein Betrieb für die Initiative geeignet ist. Allerdings beschränkten sich die Veränderungen für den Landwirt auf den Einbau von je einem Raufutterautomaten und einem Holzbalken pro Bucht.

Die übrigen Kriterien wie zum Beispiel direkter Einlass von Tageslicht hatte Ehlers bereits unwissentlich umgesetzt. Das sei „bei neu gebauten Ställen normal“, so Ehlers. Das investierte Geld wollen die Landwirte natürlich auch wieder reinholen. So erhalten sie für erfüllte Kriterien ein „Tierwohlentgelt“.

Die Initiative zahlt einen festen Betrag pro Schlachtschwein, sofern bestimmte Kriterien umgesetzt sind. Ständiger Zugang zu Raufutter ergibt zwei Euro, zusätzliches organisches Beschäftigungsmaterial (wie der Holzbalken an einer Kette) macht sich mit einem Euro pro Tier bezahlt. Doch wer löhnt für die Initiative?

Einzelhandelsketten wie Aldi, Edeka, oder Rewe zahlen je vier Cent pro verkauftem Kilo Schweine- oder Geflügelfleisch auf ein Tierwohl-Konto ein. So sollen in den nächsten drei Jahren rund 255 Millionen Euro für die Initiative zusammenkommen.

Doch das reicht nicht: Insgesamt befinden sich derzeit 3 304 Betriebe auf der Warteliste der Initiative (Stand 1. Dezember). Es gäbe „keinen konkreten Lösungsansatz für diese Herausforderung“, sagt Dr. Patrick Klein als Pressesprecher der Initiative „Tierwohl“. „Im Moment werden Verhandlungen geführt, und bei diesen Verhandlungen werden viele Möglichkeiten in Erwägung gezogen“, schildert Klein.

Das Fleisch, das aus teilnehmenden Betrieben stammt, wird in den Märkten nicht als solches gekennzeichnet. Da teilnehmende Märkte nicht ausschließlich Fleisch aus diesen Betrieben verkaufen, haben Kunden keine Möglichkeit, Fleisch aus „Tierwohl“-Betrieben zu honorieren und gezielt zu kaufen. Frank Ehlers betitelt dieses System als „Kosmetik für den Konsumenten“.

Durch vier Cent pro Kilogramm Fleisch ließe sich der Markt nicht revolutionieren.

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