Dr. Winter: Zu wenig Patienten

Landarztpraxis in Twistringen droht die Insolvenz

Twistringen - Von Frauke Albrecht. Der Traum von der Landarztpraxis ist geplatzt: Dr. med. Martin Winter droht nach gerade mal sieben Monaten Praxisbetrieb in Twistringen die wirtschaftliche Insolvenz.

Und das, wo Ärzte auf dem Land doch händeringend gesucht werden. Auf Facebook postet er offen seine Situation und macht mehrere Schuldige aus: Berufskollegen und die Kassenärztliche Vereinigung. Winter fordert die Leser auf, die Geschichte zu teilen und an die Presse weiterzugeben.

Kassenärztliche Vereinigung werfe ihm vor, zu viele Gespräche mit Patienten zu führen

Mit Engagement und dem Gefühl, gebraucht zu werden, sei er nach Twistringen gekommen. Doch die Patienten bleiben aus. Winter glaubt an üble Nachrede. Kollegen täten alles, „damit die Praxis leer bleibt“, schreibt er. Ein Gerücht macht die Runde: „Der bleibt nicht lange.“

Winter wendet sich an die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen, die ihn mit einem Startkapital in Höhe von 50.000 Euro unterstützt hat. Diese soll ihm geraten haben, seine Abrechnung zu optimieren. Er würde zu viele Gespräche mit Patienten führen.

Winter fühlt sich allein gelassen – der Druck macht ihn krank. Der Arzt wird zum Patienten. Sein Hausarzt und seine Frau verbieten ihm, seine Praxis zu betreten. Sein Psychiater soll ihm geraten haben, zu schreiben. Das tut er auf Facebook. Er warte auf einen Termin in einer Klinik ganz weit weg, so der letzte Satz.

Weit von der benötigten Patientenzahl entfernt

Für eine Stellungnahme war Winter gestern nicht zu erreichen. Auch die Twistringer Ärzte hatten wegen des Brückentages allesamt ihre Praxen geschlossen. Der Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Verden, Michael Schmitz, war ebenfalls nicht im Büro.

„Ich kenne nicht den speziellen Fall, kann nur allgemeine Aussagen treffen. Aber es ist eher ungewöhnlich, dass Ärzte auf dem Land aus finanziellen Gründen ihre Praxis aufgeben müssen“, sagt der Pressesprecher der KVN Niedersachsen, Detlef Haffke.

Ein Arzt auf dem Land benötige in der Regel 1200 bis 1500 Patienten, um ein Auskommen zu haben. Mit diesem Bedarf hatte Winter kalkuliert. Er sei weit davon entfernt.

Vor einem Jahr klagten die Mediziner: „Wir sind am Limit“

Rückblende: Im Mai 2016 gab es in Twistringen mehrere Infoveranstaltungen zum Thema Ärztemangel. Eingeladen hatten Bürgermeister Martin Schlake und Bernhard Landwehr vom Sozialverband. Aktuell können etwa 1000 Patienten nicht vor Ort versorgt werden, hieß es.

Die ansässigen Mediziner klagten: „Wir sind am Limit angekommen, und werden sogar von Patienten, die wir nicht mehr aufnehmen können, bedroht.“ Es sei eine unwürdige Situation.

Michael Schmitz von der KVN bestätigte damals, dass die Lage vor Ort dramatisch sei. Die Ärzte müssten überdurchschnittlich viel arbeiten. Man wolle versuchen, die Situation so schnell wie möglich zu entschärfen.

Von dieser Situation erfuhr Winter. Damals noch Chefarzt einer Vorsorge- und Rehabilitationsklinik der Insel Amrum. Da seine Familie in Nordwohlde lebt, entschied sich der Facharzt, eine Praxis in Wohnortnähe zu suchen. Seine Wahl fiel auf Twistringen. Er eröffnete am 1. November 2016.

Rubriklistenbild: © dpa

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