Ärger über Gaffer und fehlende Rettungsgassen

Fordernder Feuerwehr-Dienst: Auf der A1 oder beim Gefahrgut-Einsatz

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Kreisbrandmeister Michael Wessel.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. 750 Einsätze haben Feuerwehrkräfte in den 164 Tagen dieses Jahres geleistet – freiwillig und unentgeltlich. Nur ein knappes Drittel davon waren klassische Löscheinsätze, berichtet Kreisbrandmeister Michael „Mike“ Wessels.

Immer öfter ist die Feuerwehr bei anderen, zum Teil kuriosen Lagen gefordert. So hielt im April ein weißes Pulver, das Bürger in Brinkum in Briefumschlägen fanden, 53 Einsatzkräfte rund acht Stunden lang in Atem. Erst dann stellte sich heraus: Das Pulver ist harmlos, es besteht aus Zucker und Stärke.

Eine solche „biologische Einsatzlage“ war Neuland für Michael Wessels und seine Kollegen, die auf alle anderen nur denkbaren Einsätze mit ihrer Alarm-Ausrücke-Ordnung, kurz AAO, sorgfältig vorbereitet sind. Der Fall in Brinkum – Amtshilfe für die Polizei – hat das Spektrum erweitert: „Eine solche Alarm-Ausrücke-Ordnung haben wir jetzt auch für biologische Einsatzlagen“, sagt der Kreisbrandmeister, der das ehrenamtliche Engagement in der Feuerwehr mittlerweile als „zweiten Beruf“ bezeichnet.

Denn nicht nur die technische Ausstattung der Feuerwehren ist im Laufe der Jahre deutlich ausgeweitet worden, sondern auch die Ausbildung einer Feuerwehrkraft: „Früher war das ein mehrwöchiger Lehrgang, heute dauert das zwei Jahre“, sagt der Kreisbrandmeister.

Einbrecher mit Drehleiter gefasst

Rettungseinsätze, Personensuche, Bergen von Unfallopfern, Hilfeleistung nach Unwettern oder Amtshilfe für die Polizei: Das Spektrum ist groß. So halfen Feuerwehrkräfte der Polizei beispielsweise dabei, flüchtige Einbrecher vom Dach eines Gebäudes zu holen – mit einer Drehleiter.

Nicht immer gehen Einsätze glimpflich aus. So gab es bei der Rettung einer übergewichtigen Frau in Sulingen zwei Verletzte, als ein Feuerwehrmann sie über ein Nebendach in Sicherheit bringen wollte: Das Dach brach ein, die Frau und ihr Retter erlitten Beinverletzungen.

Leisten müssen die Ehrenamtlichen auch Einsätze, die sie an ihre ganz persönlichen Grenzen bringen – wie die Bergung eines 270 Kilogramm schweren Mannes in Syke, der offenbar schon längere Zeit tot in einer Dachgeschosswohnung gelegen hatte. Zehn Feuerwehrkräfte hätten ihn aus dem Haus getragen, berichtet der Kreisbrandmeister.

Die Zusammenarbeit mit den hauptberuflichen Feuerwehrkräften in Bremen ist gut. Ein Taucher aus der Hansestadt half bei einer Personensuche im Silbersee in Stuhr. Ein 20-Jähriger erlitt einen tödlichen Badeunfall.

Bislang 30 A1-Unfall-Einsätze im Jahr 2018

Die Helfer aus Groß Mackenstedt und Brinkum sind im Schnitt alle fünf Tage nach Unfällen auf der Autobahn A 1 gefordert. 30 solcher Einsätze, so der Kreisbrandmeister, haben sie 2018 bisher geleistet. Viel zu oft haben sie damit zu kämpfen, dass Autofahrer keine Rettungsgasse bilden „oder die Rettungsgasse einfach nutzen, um selbst schneller voran zukommen“, so Wessels.

Obwohl ehrenamtlich im Einsatz, haben die Helfer zunehmend mit aggressiven Reaktionen zu kämpfen: „Einsatzkräfte werden beschimpft“, sagt Wessels. Zum Beispiel dann, wenn ein Gefahrenbereich abgesperrt werden müsse und Autofahrer das nicht akzeptieren.

Zu kämpfen haben Einsatzkräfte auch immer wieder mit den „hässlichen Nebenwirkungen“ moderner Kommunikationstechnik. Sie seien schon dabei gefilmt worden, wie sie nach einem tödlichen Unfall am Gleis Körperteile des Opfers bergen mussten, schildert der Kreisbrandmeister einen ganz konkreten Fall. Heute könnten Filme im Bruchteil einer Sekunde um die Welt geschickt werden. Dass manche Aufnahmen strafrechtlich relevant sein könnten, „daran denken diese Menschen nicht“.

5083 ehrenamtliche Feuerwehrkräfte

Exakt 5083 Feuerwehrkräfte engagieren sich im Landkreis Diepholz ehrenamtlich. Hat die Organisation Nachwuchssorgen? Der Kreisbrandmeister verneint – und verweist auf die Jugendfeuerwehr als Nachwuchs-Organisation. „Das Problem ist aber, dass der lange Atem der neuen Generation nicht besonders ausgeprägt ist“, so der Kreisbrandmeister, „viele fangen was an, sind dann aber wieder weg“. Einen Knick gebe es oft nach dem Abitur, wenn junge Menschen zum Studium in andere Städte ziehen: „Sie kommen selten wieder.“ Aufgabe der Feuerwehr-Führungskräfte werde es in der Zukunft deshalb sein, „die Leute bei der Stange zu halten“.

Dass Feuerwehrleute während ihrer Arbeit zum Einsatz ausrücken müssen, ist im Landkreis Diepholz kein Problem. „Wir haben zum Glück noch viele Arbeitgeber, die Verständnis aufbringen“, sagt Michael Wessels, „denn es könnte sie ja genauso treffen“. Die Fähigkeiten der Feuerwehrleute würden im Übrigen sehr geschätzt: „Sie sind teamfähig, verantwortungsbewusst und lösungsorientiert. Das sind Charaktere, die bei Firmen auch gerne gesehen werden!“

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