Kurz vor 22 Uhr rollt der erste Bus auf das Schulgelände an der Hohen Straße

Sie sind da: Flüchtlinge in Twistringen

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Ankunft in der Dunkelheit: Ein Polizist sichert die Zufahrt für den Reisebus mit Flüchtlingen.

Twistringen - Von Anke Seidel. Als der erste Bus auf das Gelände rollt, sind hinter den Scheiben müde Gesichter zu sehen: Mehr als 100 Flüchtlinge sind gestern Abend kurz vor 22 Uhr in Twistringen eingetroffen.

Das ehemalige Schulzentrum an der Hohen Straße wird für mindestens vier Wochen ihr neues Zuhause sein. Für alle Beteiligten ist die Erstaufnahme-Einrichtung, die der Landkreis im Auftrag des Landes und unter Federführung des DRK (Deutsches Rotes Kreuz) eingerichtet hat, absolutes Neuland. Die Leitung hat Michael Escher übernommen.

Doch bei der Ankunft der neuen Bewohner führt Axel Vetter, Leiter des DRK-Rettungsdienstes, die Regie. Er hat die Einrichtung gemeinsam mit seinem Team aus haupt- und ehrenamtlichen Helfern sowie mit Unterstützung des Technischen Hilfswerks (THW) und der Kreisfeuerwehrbereitschaft gestaltet – und dabei nicht wenige Hürden zu meistern gehabt. Wie die Beschaffung von Matratzen und Bettwäsche zum Beispiel, die mittlerweile Mangelware und deshalb nur noch zu horrenden Preisen zu haben sind.

Ein Stück Schokolade und zwei Handtücher auf jedem Bett: (v.l.) Landrat Cord Bockhop, Kreisrat Markus Pragal, Klaus Speckmann, Ulrike Hirth-Schiller und Axel Vetter in einem Schlafraum.

Landrat Cord Bockhop hat seinen Urlaub unterbrochen, um sich vor Ort ein Bild von der Einrichtung zu machen. Gemeinsam mit Kreisrat Markus Pragal sowie Klaus Speckmann als Leiter des Landkreis-Fachdienstes Sicherheit und Ordnung bespricht er am Nachmittag die letzten Einzelheiten mit Axel Vetter und Ulrike Hirth-Schiller, der Geschäftsführerin des DRK. Obwohl die beiden Busse mit den Flüchtlingen schon vor Stunden an der österreichisch-bayerischen Grenze gestartet sind, wissen weder DRK noch Landkreis, wie viele und welche Menschen sie aufnehmen müssen: Eine behördliche Verordnung, nach der eine Begleitperson oder der Busfahrer der Erstaufnahme-Einrichtung die genaue Anzahl der Menschen (vor allem der Kinder) per Handy übermittelt, gibt es nicht. Landkreis und DRK rechnen vor allem mit Menschen aus Syrien und dem Irak.

Unter den Helfern macht sich eine erwartungsvolle Spannung breit, während die Vertreter des Landkreises und des DRK die Einrichtung sowie den geplanten Ablauf der Ankunft, die Organisation der Unterbringung und des Alltags der Presse vorstellen.

Axel Vetter (rechts) erläutert den Ablauf der Registrierung. Mit im Bild Klaus Speckmann, Leiter des Landkreis-Fachdienstes Sicherheit und Ordnung.

Danach muss die Öffentlichkeit draußen bleiben: Zum Schutz der Menschen, die nach 4000 Kilometern Fluchtweg auf der Suche nach Sicherheit und Ruhe sind – und denen die Organisatoren wenigstens ein Minimum an Privatsphäre bieten wollen, soweit das in Gemeinschaftsunterkünften mit bis zu 28 Schlafplätzen in Hochbetten überhaupt möglich ist. Mitarbeiterinnen des DRK beziehen Kopfkissen und Steppdecken mit weinrotem und beigem Bettzeug. In den Gemeinschaftsräumen, den ehemaligen Klassenzimmern, verbreitet die Heizung angenehme Wärme. Zwei weiße Handtücher und ein Schokoriegel mit dem Schild „Welcome“, liegen am Ende auf jedem Kopfkissen.

In einem Ausgaberaum stapeln sich die Klarsichtbeutel mit Duschgel, einer Zahnbürste und Zahncreme, die jeder künftige Bewohner bei der Ankunft erhält. In fünf Sprachen und Symbolen erklären Schilder an den Wänden, wo die Menschen die sanitären Anlagen finden. In der Mensa kleben auf jedem Tisch Schilder mit den Regeln am Tisch: „Hände waschen! Nacheinander! An den Tisch setzen.“ Auch die Geschirr-Rückgabe wird den Flüchtlingen kurz schriftlich und bildlich erklärt.

Flüchtlinge brauchen Ruhe

Denn beim Frühstück, Mittag- und Abendessen müssen sich die Menschen am Büfett bedienen. Orientalische Linsensuppe steht am Abend auf dem Speiseplan. Während diese Mahlzeit noch auf dem Herd in der Küche des DRK-Seniorenheims Barrien köchelt, nimmt der Verkehr auf der Hohen Straße in Twistringen ungeahnte Dimensionen an: Mit Autos, Fahrrädern und zu Fuß versuchen Neugierige immer wieder, einen Blick auf die Neuankömmlinge zu erhaschen.

Flüchtlinge sind in Twistringen angekommen

Ihre Chancen stehen schlecht. Denn der Sicherheitsdienst schirmt das Gelände kategorisch ab – und hat Order, nur die Busse mit den Flüchtlingen aufs Gelände zu lassen. Damit ihre Ankunft entspannt und reibungslos läuft, hat Axel Vetter im Eingangsbereich zwei Mobiltoiletten aufstellen lassen – und zwei Ärzte gebeten, den Empfang der Flüchtlinge in der Mensa aufmerksam zu begleiten. Per Sichtkontrolle sollen die Mediziner deren Gesundheitszustand einschätzen – und mit einem Infrarot-Fieberthermometer in Sekundenschnelle die Körpertemperatur eines jeden Neuankömmlings messen. Denn Fieber ist ein wichtiger Hinweis auf eine Infektionskrankheit, die dann sofort behandelt werden kann.

An die Mensa schließt sich ein kleines Zelt an, in dem Helfer die Neuankömmlinge registrieren: Namen, Alter, Herkunftsland und etwaige Familienangehörige in Deutschland.

Weil viele Flüchtlinge per Handy Kontakt zu Verwandten in ihrem Herkunftsland oder an anderen Orten aufnehmen wollen, sind Steckdosen und W-LAN enorm wichtig – und in der Erstaufnahme-Einrichtung verfügbar.

Einen Sanitäts- und einen Versorgungsraum (für Handtücher und Hygieneartikel) haben die Organisatoren ebenso eingerichtet wie einen Container mit acht Waschmaschinen und Trocknern. Vor allem aber haben sie einen Raum mit Teppichboden in ein Spielzimmer verwandelt, damit Kleinkinder mit ihren Müttern einen Rückzugsraum haben.

„Die Menschen müssen zur Ruhe kommen“, betont Ulrike Hirth-Schiller, „und sie müssen vor Kriegsgewinnlern geschützt werden“, begründet sie die Abschirmung der Einrichtung vor der Öffentlichkeit. Dass Menschen mit dubiosen Versprechungen versuchen, an Flüchtlingen zu verdienen, ist in anderen Einrichtungen schon vorkommen.

Dringend brauchen die Helfer in Twistringen noch Sprachmittler, die beim Übersetzen helfen. Sie sollten sich unter Telefon 05441/9762006 melden. Denn es ist durchaus denkbar, dass die Flüchtlinge weitaus länger als vier Wochen in Twistringen bleiben. Das könne man sich angesichts der Bilder im Fernsehen an fünf Fingern abzählen, so Landrat Cord Bockhop. Er appelliert an das Land: „Wir brauchen eine ehrliche Einschätzung!“

Ulrike Hirth-Schiller hofft derweil, dass sich der Alltag in der Twistringer Not-Unterkunft schnell einspielt. Sie freut sich über hilfsbereite Menschen, die mit Spenden helfen wollen. Doch genau die können ob der großen Herausforderungen an der Hohen Straße zurzeit nicht angenommen werden.

„Aber in jeder DRK-Einrichtung im Landkreis“, blickt sie auf die Kleiderkammern. Die Nachbarn an der Hohen Straße will sie demnächst zu einem Besuch einladen – dann, wenn die Bewohner ihre Ruhe gefunden haben und sich ihr neues Leben eingespielt hat.

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