Zentralkankenhaus

Kritik an Klinik-Standort

Dort soll die Zentralklinik entstehen: Thomas Tegge deutet auf die vorgesehene Fläche in Borwede.
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Dort soll die Zentralklinik entstehen: Thomas Tegge deutet auf die vorgesehene Fläche in Borwede.

Borwede – Der Zuschlag für den Zentralklinikstandort in Borwede war für die Twistringer Stadtverwaltung eine der schönsten Nachrichten des Jahres 2020. Für Thomas Tegge hingegen war es eher eine Hiobsbotschaft. Er besitzt einen Resthof mit ein paar verpachteten Flächen in unmittelbarer Nähe des vorgesehenen Standorts. Und findet: Eine Klinik ist in Borwede völlig fehl am Platz.

Kaum war bekannt, dass die Zentralklinik nach Borwede kommen soll, bekam Tegge eigenen Aussagen zufolge den ersten Anruf eines Investors, der sein Grundstück kaufen wollte. Selbst aus Österreich erhielt er ein Angebot. Tegge ist auf dem Hof in Borwede groß geworden, wohnt derzeit aber in Barnstorf. Die Angebote der Investoren waren ihm zufolge aus finanzieller Sicht keineswegs schlecht. Doch er lehnte ab.

„Ich mag es nicht, dass Leute mit Geld alles zerstören“, sagt er. „Ich habe nichts gegen ein Zentralkrankenhaus in Twistringen. Aber wie kann man auf einem Acker mit Ställen drumherum eine Klinik bauen?“

Die Bodenwerte in Borwede seien sehr gut. Er könne nicht verstehen, „dass so etwas zerstört werden soll“. Überall in Deutschland werde die Landschaft zugebaut. „Dabei brauchen wir Acker. Die Bevölkerung muss ernährt werden.“

Er geht davon aus, dass die umliegenden Ställe in Borwede starke Gerüche und Bakterien-Flug im Bereich der Klinik verursachen würden. Ein Stichwort an dieser Stelle: Gülle.

„Ebenfalls haben wir durch das trockene Jahr beim Umpflügen große Staubentwicklungen, welche starke Auswirkungen auf die Klinik hätten“, argumentiert er. Darüber hinaus verweist er auf den Geräuschpegel durch die Nähe zur Bahn und zur Bundesstraße. Er fände es „irrsinnig“, das Zentralkrankenhaus in Borwede zu bauen. Alle, selbst die Patienten, müssten in seinen Augen darunter leiden. Er vermisst das vom Landkreis angekündigte Immissionsgutachten – und überlegt, die Belastung auf seinem Grundstück privat messen zu lassen.

Mareike Rein, Pressesprecherin des Landkreises, erklärt auf Nachfrage der Kreiszeitung: „Selbstverständlich werden alle erforderlichen Gutachten, darunter auch zu den Themen Geruch und Lärm, eingeholt und zu gegebener Zeit im Rahmen der Bauleitplanung durch die Stadt Twistringen öffentlich ausgelegt.“

Bezüglich der möglichen Keimbelastung hole ein Ingenieurbüro derzeit ein Bioaerosol-Gutachten ein. „Die abschließende umweltmedizinische Bewertung wird durch das Niedersächsische Landesgesundheitsamt erfolgen.“

Thomas Tegge stört es, dass trotzdem schon jetzt Architekten mit den Planungen beginnen sollen. Er befürchtet, dass an dieser Stelle Geld verbrannt wird. Denn rechtlich dürfte der Neubau angesichts der Immissionen seiner Meinung nach an der Stelle nicht durchgehen.

Laut Mareike Rein ist eine detaillierte Kostenermittlung jedoch Voraussetzung für die Entscheidung des Niedersächsischen Sozialministeriums über beantragte Fördergelder. Und diese detaillierte Kostenaufstellung setze konkrete Planungen von Architekten und Fachingenieuren voraus.

Nicht nur mögliche Immissionen sind Thomas Tegge ein Dorn im Auge.  Für die Klinik nehme der Landkreis hohe Schulden auf. Dennoch investiere er weiter in die alten Kliniken, wundert sich der Kritiker.

Mareike Rein entgegnet: Bis zur Inbetriebnahme der Zentralklinik dürften Patienten der Krankenhäuser in Bassum, Diepholz und Sulingen erwarten, dass sich die Gebäude und die Ausstattung in einem guten und vor allem sicheren Zustand befinden. „Selbstverständlich werden funktionierende Geräte aus den bisherigen Kliniken in die neue Zentralklinik übernommen.“ Auf nicht dringliche bauliche Investitionen werde verzichtet.

Nicht zuletzt wirft Tegge dem Landkreis vor, keine Gespräche mit den direkten Anliegern geführt zu haben. Die Behörde plane „unter dem Tisch“. Und: Trotz der Onlinepetition mit aktuell mehr als 2 300 Unterstützern werde „munter weitergemacht mit der Planung“.

Landkreis-Sprecherin Mareike Rein erläutert, dass der Kreistag in öffentlichen Sitzungen über den Standort entschieden habe. Selbstverständlich sei es jetzt Aufgabe der Kreisverwaltung und des Klinikverbunds, diesen Beschluss auszuführen.

Außerdem gebe es kaum transparentere Verfahren als die Aufstellung von Flächennutzungs- und Bebauungsplänen durch die Kommunen, so auch bei der Planung des Baugebiets für die Zentralklinik. „Von der frühzeitigen Bürgerbeteiligung über die öffentliche Auslegung der Planunterlagen bis zur Beratung und Beschlussfassung in öffentlicher Sitzung des Rates wird die Öffentlichkeit informiert und kann sich mit Stellungnahmen einbringen; ebenso werden die Träger öffentlicher Belange intensiv beteiligt. Die Entscheidung erfolgt durch die demokratisch legitimierten Gremien“, schildert sie.

Weiter führt sie aus: „Im Übrigen haben Landrat Cord Bockhop und der Twistringer Bürgermeister Jens Bley kurz nach der Standortentscheidung des Kreistags vom 22. Juni 2020 in einer Einwohnerversammlung in Twistringen über das Vorhaben informiert. Auf einem Bauernhof in Borwede stellten sie sich außerdem den Fragen der Anlieger.“

Thomas Tegge kam die Einbindung der Bürger zu spät. Seiner Ansicht nach überwiegen am Standort Borwede die Nachteile.

Von Katharina Schmidt

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