Grüne in Twistringen

„Nicht alles abnicken“: Die Urgesteine Hermann Niederwestberg und Heinfried Dießelberg hören auf

35 Jahre im Rat der Stadt Twistringen: Hermann Niederwestberg.
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35 Jahre im Rat der Stadt Twistringen: Hermann Niederwestberg.

Twistringen – Die Twistringer Grünen gehen mit zehn neuen Kandidaten ins Rennen um die Kommunalwahl. Wie kürzlich berichtet, bleiben von den „alten Hasen“ lediglich Sylvia Holste-Hagen und Jürgen Schulze dabei. Die zwei Urgesteine – der bisherige Fraktionsvorsitzende Hermann Niederwestberg und sein Parteikollege Heinfried Dießelberg – hören auf.

Niederwestberg war 35 Jahre im Rat – als er anfing, war er quasi allein auf weiter Grünen-Flur. „Das war 1986 – ich erinnere mich genau. Das hat schon für Furore in Twistringen gesorgt“, erzählt Niederwestberg. „Ich hatte gar keinen Namen mehr, sondern war nur ,der Grüne’. Das war eine spannende Sache. Ich war relativ unerfahren, habe mir Bücher besorgt und Fortbildungen besucht.“ Niederwestberg sah schnell ein, dass er als Einzelkämpfer nicht viel ausrichten konnte und so bildete er mit der SPD eine Gruppe. „Das war toll“, erzählt er. „Das waren noch echte Sozis, alte Haudegen waren dabei, die mir viel geholfen haben.“ Es sei eine spannende Zeit gewesen. „Damals wurde noch kontrovers diskutiert – wir haben gefochten“, schwärmt Niederwestberg. Bei allen Emotionen habe man aber immer auch wieder auf die sachliche Ebene zurückgefunden. Das vermisse er heute.

In seinem Rückblick hatten es die Grünen schwer – und haben es noch. „Der Rat ist konservativ gestaltet“, sagt Niederwestberg. Er sieht seine Fraktion immer noch als Einzelkämpferin. Auch wenn sie mit der Zeit größer geworden sei. Vor 19 Jahren ist Heinfried Dießelberg dazugekommen. Seit 2011 sind die Grünen zu viert. „Eine gute, agile Truppe, es war ein tolles Zusammenarbeiten“, ziehen beide ihr persönliches Fazit.

„Wir sind wahrgenommen worden“, sagt Niederwestberg. Er hätte sich aber mehr gewünscht. Wolfgang Schäuble hätte einmal gesagt, dass er mithilfe der Politik gestalten könne. „Das hat uns gefehlt“, bedauert der Fraktionsvorsitzende. Die Grünen hätten nie die Mehrheit gehabt, aber „wir haben versucht, uns einzubringen. Das hat viel bewirkt. Und ich hatte auch das Gefühl, dass es in Twistringen Menschen gab, die glücklich waren, dass wir im Rat waren.“ Keine Partei hätte so viele Redebeiträge gehabt und Anträge gestellt wie die Grünen. „Wir haben aktive Politik betrieben. Unser Job war und ist: Dagegen halten und nicht alles abnicken.“

„Wir haben viele Kontroversen im Rat geführt“, blickt auch sein Kollege Dießelberg auf die vergangenen Jahre. Es habe Spaß gemacht, es gab aber auch viele Kämpfe auszufechten.

Auch wenn sich die Grünen in vielen Punkten nicht durchsetzen konnten, so hätten sie manches Mal Alternativen aufgezeigt und zu zahlreichen Themen Position bezogen und diese in der Öffentlichkeit vertreten. Und immerhin hätten sie an einigen Konsensentscheidungen mitgewirkt – Dießelberg nennt den Standort des Gymnasiums und die Entscheidung für die Zentralklinik.

Als Erfolg wertet Dießelberg, die Gleichbehandlung bei den Kita-Trägern erreicht zu haben. „Es gab einige dicke Bretter zu bohren.“

Dießelberg geht mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Wir haben in den vergangenen Jahren leider nicht alles erreichen können.“

Manches Mal sei die Arbeit frustrierend gewesen. Vor allem, dass es nicht gelungen sei, eine Baumschutzsatzung auf den Weg zu bringen, bedauern beide. Niederwestberg: „Das haben wir, glaube ich, drei- oder viermal versucht. Die ist immer abgebügelt worden. Das sind Dinge, die ich schade finde.“

Auch die Sanierung der B51 halten die Grünen für falsch. „Die Stadt Bassum ist da viel weiter“, sagt Niederwestberg. Der ganze Rat habe sich in Bassum gegen den 2+1-Ausbau der B 51 ausgesprochen. In Twistringen war der ganze Rat für die Sanierung. „Jeder, der das befürwortet und dann sagt, er möchte Bäume erhalten, ist unglaubwürdig“, sagt Niederwestberg.

Die Sensibilisierung für den Grünbereich sei noch nicht gelungen, ist auch Dießelberg überzeugt. Noch immer verschwänden zu viele Bäume und Grünflächen – vor allem im privaten Raum. Ein Umdenken scheine im Twistringer Rat noch nicht angekommen zu sein.

Für Niederwestberg mit ein Grund, dass er sich entschieden habe, nicht mehr anzutreten. „Es hat mit der Gesamtsituation zu tun.“

19 Jahre im Rat der Stadt Twistringen: Heinfried Dießelberg.

Auch Dießelberg sieht den richtigen Zeitpunkt gekommen, um aufzuhören. Er spürt allgemein eine negative Stimmung – auch im Rat – und kritisiert den zunehmenden Populismus. „Vielleicht ist es der Einfluss der sozialen Medien, und die Politik versucht, dem hinterherzuhecheln.“ Er habe bereits im Herbst mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören. „Ich wollte nicht irgendwann als Faktotum enden. Es wird Zeit, andere ran zu lassen.“ Anfangs habe er sich Sorgen gemacht, dass es schwierig werden könnte für die Grünen, eine starke Liste aufzustellen. Doch nach der aktuellen Aufstellung ist er überzeugt, dass diese Sorge unbegründet war. „Das ist eine richtig gute Liste“, so Dießelberg und freut sich nun auf die Freizeit. Die politische Arbeit sei ein Zeitfresser – wenn man sie denn richtig machen möchte. Und das sei stets sein Anliegen gewesen.

Es sei an der Zeit, den Bürgern Danke zu sagen, die sie gewählt und ihnen auch Mut zugesprochen haben. Nun müssen andere übernehmen.

In die Zukunft gerichtet gebe es genug zu tun: Die Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes – „der ist eine Katastrophe, nicht vorzeigbar“, so Niederwestberg. Schade sei die Entscheidung zur Turnhalle Bahnhofstraße. „Das ist nicht in unserem Sinne. Schade für die Bücherei. Sie hat so einen tollen Standort“, bedauert der Grüne.

Große Bedeutung habe für beide das Thema Infrastruktur; auch im Hinblick auf das Zentralkrankenhaus. Niederwestberg verweist auf eine Tangente im F-Plan. „Ich halte die Verbindung von der Nienburger Straße bis zur Wildeshauser Straße für wichtig. Das wäre eine tolle Entlastung für die Innenstadt.“ Eine Riesenherausforderung nennt er die Entwicklung der künftigen Infrastruktur, die die Zentralklinik mit sich bringt. Diese sei ein wichtiger Standortfaktor für Twistringen.

Während Niederwestberg die politische Arbeit erst einmal ruhen lassen möchte, kann sich Dießelberg gut vorstellen, in einem künftigen Grünen-Ortsverband mitzuwirken. Ein solcher soll nämlich in Twistringen gegründet werden.

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