Weniger Zentimeter, mehr Hindernisse

Kleinwüchsige berichten von Hürden auf dem Weg zum Führerschein

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Maik Beermann (Mitte) hat selbst eine kleinwüchsige Tochter. Er und seine Frau kennen die Probleme, die ein paar Zentimeter weniger mit sich bringen können – und haben eines ihrer Fahrschulautos umrüsten lassen. Mit auf dem Bild: Jan Bökenheide (r.) und André Schneider (l.).

Landkreis  Diepholz - Von Katharina Schmidt. Eine Fahrschule auswählen, anmelden, los geht’s. Die ersten Schritte Richtung Führerschein sind einfach. Eigentlich. Für Jan Bökenheide aus Diepholz und André Schneider aus Lüneburg war es nicht so leicht. Die 19-Jährigen sind kleinwüchsig.

Eine geeignete Fahrschule zu finden, war für sie aufgrund ihrer Körpergröße nicht so mühelos wie für andere – ganz zu schweigen von zusätzlichem Papierkram und Behördengängen. Umso glücklicher sind die beiden, auf die Twistringer Fahrschule Beermann gestoßen zu sein. Diese spezialisiert sich nun neben ihrem herkömmlichen Angebot auch auf die Verkehrsausbildung für Kleinwüchsige.

Anfragen aus weiten Teilen Deutschlands

Anfragen aus weiten Teilen Deutschlands zeigen: Die Nachfrage ist da. Dem Fahrlehrer Maik Beermann und seiner Frau Nadja geht es aber nicht darum, neue Kunden zu gewinnen. Sie haben selbst eine kleinwüchsige Tochter. Bis diese hinter dem Steuer sitzen darf, werden noch einige Jahre vergehen – helfen wollen die Beermanns aber schon jetzt. Auf Veranstaltungen des Bundesverbands Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e.V (BKMF) hören sie immer wieder Erfahrungsberichte, die sie erschüttern. Ein Mitglied habe auf dem Weg zum Führerschein ohne ersichtlichen Grund eine medizinisch-psychologische Prüfung (MPU) ablegen müssen, nennt Nadja Beermann ein Beispiel. Ein anderer dürfe aufgrund seiner Größe nicht so schnell fahren wie andere.

Neben diesen Einzelfällen hat das Paar festgestellt, dass es Kleinwüchsige generell schwer haben, eine passende Fahrschule zu finden. Viele Betriebe würden von ihnen verlangen, dass sie ihr eigenes Auto mitbringen. Andere kassieren ihnen zufolge satte Aufschläge oder lehnen kleinwüchsige Schüler komplett ab. „Deswegen haben wir entschieden, dass wir für diese Menschen etwas anbieten wollen.“

Pedalverlängerung und Sitzanpassung

Der Unterricht für André und Jan in Twistringen unterscheidet sich nur in einem Punkt von dem normalen Programm: dem Fahrzeug.

Wer deutlich kleiner als die Norm ist, braucht ein entsprechend umgerüstetes Auto. Die Fahrschule Beermann hat deshalb für einen ihrer Wagen eine Pedalverlängerung und seine Sitzanpassung gekauft. Diese können innerhalb kürzester Zeit ein- und ausgebaut werden. Samt TÜV-Abnahme und Eintragung im Fahrzeugschein hat die Verlängerung 1800 Euro gekostet. In dem Fahrzeug, einem Modell mit Schaltgetriebe, fährt André Schneider. Jan Bökenheide lenkt währen der praktischen Fahrstunden hingegen einen auf seine Bedürfnisse angepassten Automatik-Leihwagen. Immerhin ist jeder Kleinwüchsige anders – so auch Schneider und Bökenheide. Obwohl sie die gleiche Kleinwuchsform (Achondroplasie) haben, sind ihre Körper unterschiedlich gebaut.

Theorie bestanden – jetzt trennt André Schneider (l.) und Jan Bökenheide nur noch die praktische Prüfung von ihrem Führerschein.

Wenn Kleinwüchsige eine Fahrschule gefunden haben, die auf ihre Bedürfnisse eingehen kann und will, stehen oftmals noch Behördengänge zwischen ihnen und der ersten Fahrstunde. „Jeder muss in dem Landkreis den Führerschein machen, in dem er wohnt“, erklärt Maik Beermann. Ausnahmen? Nur mit Genehmigung. So musste André Schneider erst bei der Verwaltung des Landkreises Lüneburg anfragen, bevor es für ihn in Twistringen losgehen konnte. In seinem Fall hat die Behörde mitgespielt. Das ist aber nicht immer so. Maik und Nadja Beermann hatten beispielsweise eine Anfrage von einem Kleinwüchsigen aus Thüringen, der bei ihnen seinen Führerschein machen wollte, aber mangels Genehmigung nicht durfte. Maik Beermann wünscht sich für Kleinwüchsige weniger bürokratische Hürden. „Die Leute freuen sich, sind hochmotiviert – und dann lässt es der Landkreis nicht zu“, bedauert er.

Nicht nur Sehstärke wird kontrolliert

Übrigens: Mit der Fahrschulsuche und dem Antrag, in einem anderen Landkreis einen Führerschein machen zu dürfen, ist es für Kleinwüchsige noch nicht getan. Bei Jan Bökenheide und André Schneider wurde mehr kontrolliert als die Sehstärke. Jan berichtet von Blutproben und anderen medizinischen Tests. André ergänzt: „Ich musste hundert Meter laufen, um zu beweisen, dass ich ein Warndreieck aufstellen kann. Außerdem musste ich zeigen, dass ich einen Schulterblick machen kann.“ Kann er ohne Probleme – und so trennen ihn und Bökenheide mittlerweile nur noch die praktische Prüfung vom Führerschein.

Sie freuen sich schon auf die neue Unabhängigkeit. „Ich kann nicht so viel laufen. Ich möchte auch zu Freunden und ins Kino, ohne, dass mich irgendwer dahinfahren muss“, erzählt Jan. André stimmt zu. Er beginnt bald eine Ausbildung. „Da muss man auch ein bisschen flexibel sein.“

Dass kleinwüchsigen Menschen so viele Steine in den Weg gelegt werden, empfinden die beiden als diskriminierend. Die Beermanns können das nachvollziehen – und hoffen, dass es ihre Tochter später leichter haben wird.

Weitere Informationen zum Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien gibt es auf der Verbands-Homepage.

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