125 Jahre nach Geburt des Gesellenvereins in der Backstube: Twistringer Kolpingsfamilie feiert Jubiläum am 31. Mai

Gründer sitzen 1890 auf Mehlsäcken

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125 Jahre Kolpingsfamilie Twistringen: Vorsitzender Walter Beckmann und Vorstand Ernst Brackmann (r.) mit der Gründungsurkunde von 1890, links Kurt Müller mit einer alten Aufnahme vom dem Gesellenhaus an der Bahnhofstraße.

Twistringen - Von Theo Wilke. Sieben Gesellen – vom Zigarren- und Schuhmacher bis zum Tischler und Schlosser – sitzen auf Mehlsäcken in Bellersens Backstube am Kirchhof. Es ist der 18. Mai 1890. Die Männer sind sich einig. Sie wollen etwas gegen die sozialen Missstände tun, wie schon Adolph Kolping 1846 in Elberfeld: Gemeinsam mit Vikar Ganseforth gründen die Twistringer ihren Gesellenverein. 125 Jahre später nun feiert die Kolpingfamilie Ende Mai ihr Jubiläumsfest.

Das Programm dafür steht: Am Sonntag, 31. Mai, um 11Uhr beginnt ein besonderer Gottesdienst in der St.-Anna-Kirche, gehalten von Diözesanpräses und Osnabrücks Domkapitular Reinhard Molitor (früher Monsignore in Twistringen) sowie St.-Anna-Pfarrer Arnold Kuiter. Bereichert wird die Messe durch den Kirchenchor unter Leitung von Regionalkantor Johannes Schäfer, inhaltlich ausgerichtet von der Kolpingsfamilie.

Ab 12 Uhr folgt ein Bannermarsch mit Vertretern aller Kolpingsfamilien auf Bezirksebene zum Pfarrzentrum. Dort ist ein Empfang geplant, der vom Chor „Churchies“ unter der Leitung von Claudia Melcher eröffnet wird. Landrat Cord Bockhop und Bürgermeister Martin Schlake werden unter den Gästen sein und Grußworte sprechen.

Kolpings-Vorsitzender Walter Beckmann wird die wesentlichen Ereignisse seit Gründung im Jahre 1890 ansprechen (siehe nebenstehende Zeittafel). Gegen 13.30 Uhr ist ein gemeinsames Mittagessen vorgesehen. Für den Festtag wird noch eine Ausstellung über die Entwicklung vom ersten Katholischen Gesellenverein zur heutigen Kolpingsfamilie vorbereitet. Sie zählt zurzeit 180 Mitglieder – in 1950er- und 1960er-Jahren waren es sogar um die 300.

Beckmann, der Vizevorsitzende Kurt Müller und Vorstand Ernst Brackmann blättern in alten Unterlagen. Vikar Ganseforth sei der erste Präses und geistige Vater des Katholischen Gesellenvereins gewesen und sieben Jahre nach der Gründung sei das Gesellenhaus an der Bahnhofstraße bezogen worden.

Damals gab es für junge Gesellen auf der Wanderschaft endlich eine vernünftige Bleibe, Gemeinschaft und Geborgenheit, allgemeine und religiöse Bildung. Getreu dem Anliegen des Begründers der Bewegung, Kaplan Adolph Kolping. Für den Sozialreformer waren seine Gesellen die besten Missionare.

Walter Beckmann erzählt unter anderem, dass vor allem während der beiden Weltkriege das Vereinsleben in Twistringen sehr gelitten habe. Ab 1937 hätten die Nazis „sehr gestört“. Ein Vereinsleben habe es eher im Stillen gegeben. Wenn bei den regelmäßigen Treffen im Gesellenhaus ein Nazi auftauchte, „wurde sofort Karten gespielt“, berichtet Beckmann, der seit 20 Jahren Vorsitzender ist, ebenso lange wie sein Vorgänger Waldemar Günter.

Die aus dem Gesellenverein hervorgegangene Kolpingsfamilie habe Stadt, Gesellschaft, Soziales und auch Politik in Twistringen mitgeprägt, betonen Beckmann, Müller und Brackmann. Nicht nur durch die ersten Karnevals- und Theaterabende, durch soziales Engagement oder Spendenaktionen. Besonders erinnert der Vorstand an den Neubau des Pfarrzentrums an der Steller Straße, der im Mai 1976 als neues Domizil eingeweiht wurde.

Im Vorfeld brachten die Mitglieder Eigenleistungen im Wert von rund 30000 Mark ein, außerdem 150000 als Erlös aus dem Verkauf des Kolpingshauses an der Bahnhofstraße, eine weitere Zahlung aus der Kolpingskasse von 20000 sowie 25000 Mark aus einer zusätzlichen Spendenaktion. Unterm Strich investierte die Kolpingsfamilie etwa 225000 Mark in das Pfarrzentrum, dass insgesamt rund eine Million kostete.

„Wir setzen uns seitdem generationenübergreifend ein“, so Beckmann, etwa mit der Jugendgruppe und Jungen Familien. Glaubensfragen, Vorträge, Reisen, politische Foren, Klinik und vieles mehr bewegen die Mitglieder. Walter Beckmann: „Wir scheuten uns auch nicht, kritische Themen wie Missbrauch in der Kirche oder die Baumfällaktion auf dem Friedhof anzupacken.“ Zurzeit engagiere man sich gemeinsam mit der Stadt und der Caritas in Sachen Flüchtlinge.

Zeittafel:

18. Mai 1890: Sieben Handwerker gründen den Katholischen Gesellenverein Twistringen in Bellersens Backstube am Kirchhof

5. Mai 1897: Hauskauf an der Bahnhofstraße; ab November Gesellenhaus

1899: Fortbildungsschule für 33 Gesellen und 22 Lehrlinge eingerichtet; seit dem Jahr auch jährliche Verlosungen durch die Kolpingsfamilie

1919: Erster Meisterkurs nach dem Krieg

2. Februar 1926: Erster Gesellenball (heute Winterball)

1932: Bildung einer gemischten Handwerksinnung; Gesellenprüfung in Twistringen für alle Prüflinge aus dem Kreis Syke

18. Mai 1950: Erstes Stiftungsfest nach 60 Jahren

Februar 1954: Erste Handwerker-Schau mit 19 Berufen und 28 Ausstellern – ein Vorläufer der späteren Gewerbeschauen in Twistringen

1961: Die Kolpingsfamilie startet erste Karnevalsfeier – ab 1971 Karneval der Vereine

1972: Verkauf des Gesellen- hauses, Bahnhofstraße – Gasthaus Zum Ostertor/Penne übergangsweise Treffpunkt

23. Mai 1976: Einweihung des Pfarrzentrums, Steller Straße, als neues Domizil der Kolpingsfamilie

1976: Aufnahme von Kolpingsschwestern, 1981: erste Jungkolpingsgruppe, ab 2000: Gruppe Junge Familien

31. Mai 2015: 125-Jahr-Feier, ab 11 Uhr, St.-Anna-Kirche

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