Interview: Der Schauspieler und Gefängnisarzt Joe Bausch über Sterbebegleitung, Würde und „Tatort“-Leichen

Klare Botschaft: „Du bist nicht allein!“

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Im „Tatort“ seziert er Leichen, im wirklichen Leben heilt er Straftäter: Der Schauspieler und Gefängnisarzt Joe Bausch gehört als Botschafter des Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verbands zu den Referenten der ersten Hospiz- und Palliativfachtagung im Landkreis Diepholz.

TWISTRINGEN. Im Kölner „Tatort“ ist er immer wieder dem Tod auf der Spur. Im realen Leben behandelt er als Mediziner Gefangene: Joe Bausch, Schauspieler und Gefängnisarzt im westfälischen Werl, erlebt Leben und Tod aus scheinbar unvereinbaren Perspektiven. Während der ersten Hospiz- und Palliativ-Tagung im Landkreis Diepholz referiert der 62-Jährige am 12. September in Twistringen über das Thema „Palliativ für alle?“Über seine Arbeit und seine Botschaft spricht er vorab im Interview. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Bausch, Sie kommen als Botschafter des Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verbands nach Twistringen. Was ist Ihre Kernbotschaft?

Joe Bausch: Der Tod gehört in die Gesellschaft, wird aber weitgehend tabuisiert. Als Botschafter möchte ich der Öffentlichkeit nahe bringen, dass es die Palliativmedizin und die Hospiz-Betreuung gibt. Und klarstellen: Es ist gut, sich zu Lebzeiten damit zu beschäftigen.

Die Botschaft ist: Das gibt es! Du bist nicht allein! Es gibt Organisationen und Netzwerke, die das leisten, was Familien heute oft nicht mehr leisten können oder wollen. Denn es gibt immer mehr Menschen, die keine Kinder haben – oder deren Kinder weit weg von ihnen leben.

Als Gerichtsmediziner Dr. Josef Roth obduzieren Sie im „Tatort“ die Opfer von Gewalttaten, unterstützen Ballauf und Schenk mit entscheidenden Fakten auf der Suche nach dem Mörder. Im realen Leben als Gefängnisarzt gehören Mörder zu Ihren Patienten. Wie leben Sie mit diesen Gegensätzen?

Bausch: Gut, sehr gut! (lacht) Das eine ist die Fiktion, das andere die Realität. Ich kann gut zwischen Fiktion und Realität unterscheiden!

Als Schauspieler ist es wichtig, die Figur so zu spielen, dass sie authentisch, gut und sympathisch wirkt. Die Leichen im „Tatort“ stehen nach dem Dreh wieder auf, gehen mit mir zum Catering und legen sich hinterher wieder hin.

Meine richtigen Mörder freuen sich darüber, dass sie einen Arzt haben, der im Fernsehen zu sehen ist. Beide Berufe – Mediziner und Schauspieler – haben unendlich viel mit Liebe zu den Menschen zu tun. Um als Arzt heilen zu können, um eine Diagnose zu stellen, braucht es Empathie. Einfühlungsvermögen ist genauso wichtig, wenn man als Schauspieler in eine Rolle schlüpft.

Das Leben ist untrennbar mit dem Tod verknüpft – und die Würde des Lebens deshalb mit einem Sterben in Würde. So sollte es sein. Was braucht es dafür ganz besonders dringend?

Bausch: Es braucht wieder das Bewusstsein dafür in der Bevölkerung. Und es braucht eine Kultur der Sterbebegleitung. Früher gab es sie – christlich geprägt.

Es braucht heute freiwillige Menschen, die empathisch sind und die Sterbebegleitung leisten können. Diese Menschen zu gewinnen, ist auch ein Teil unserer Arbeit.

Es nutzt nichts, das schönste Krankenhaus-Zimmer und die modernste Medizin zu haben, wenn die Zeit für Zuwendung und für Gespräche immer knapper wird. Denn zur Würde des Menschen gehört die Zuwendung!

Wie stehen Sie persönlich zur Sterbehilfe?

Bausch: Ich würde mich freuen, wenn das zurzeit diskutierte neue Gesetz endlich in Kraft treten würde (Anmerkung der Redaktion: der Bundestag berät zurzeit vier fraktionsübergreifende Gesetzentwürfe) – damit wir schon zu Lebzeiten darüber entscheiden können, was am Ende unseres Lebens mit uns passiert und wie mit uns umgegangen wird – und damit auch Mediziner sicher sind, was sie dann tun. Menschen sollten die Endphase ihres Lebens ohne Schmerzen erleben, und unerträgliches Leben sollte nicht ohne Not verlängert werden.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Bausch: Das ist eine schwierige Frage. Ich bin christlich – katholisch – erzogen worden und das hat meine Haltung, meine Biografie, bestimmt. Heute bin ich Buddhist. Aber ich glaube nicht an die Wiedergeburt, auch nicht an ein Leben irgendwo anders nach dem Tod. Das Leben, das wir leben, ist das einzige. Wir sollten es in Respekt vor der Natur und vor unseren Mitmenschen leben. Da bin ich ganz Buddhist!

Das Leben ist einzigartig. Deshalb sollte es jedem überlassen sein, wie er sein Leben beschließt – egal, an was er glaubt. Das Ende danach ist offen. Aber die Zeit davor können wir bewusst gestalten.

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