Als Freiwillige in Rumänien

Jule Havekost: „Integration der Roma ist nicht gewollt“

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Auf ins Land der Anhalter und Mitfahrer: Jule Havekost zieht es wieder nach Rumänien.

Twistringen - Von Theo Wilke. Die Wiedersehensfreude nach vielen Monaten ist groß. „Ich liebe dich bis zum Himmel und zurück“, betont Laura. Die Erstklässlerin in der Roma-Klasse der rumänischen Stadt Cluj umarmt und knutscht Jule Havekost stürmisch ab.

Auch andere Kinder, die die Twistringerin in ihrem Freiwilligenjahr im Kindergarten an der Roma-Siedlung „Dallas“ erlebt hat, belagern die 20-Jährige. Auf eigene Faust ist Jule in diesem Jahr schon zweimal nach Rumänien zurückgekehrt: „Anzukommen, ist einfach schön. Man fühlt sich schon sehr heimisch.“

Dass Rumänien ein Land mit viel Licht und Schatten ist, weiß Jule Havekost aus Köbbinghausen inzwischen aus eigener Anschauung. Und doch sagt sie: „Einmal Rumänien und dann immer wieder.“ Ihre Augen leuchten, wenn sie von ihren Besuchen, der atemberaubenden Landschaft und ihren Begegnungen mit Einwohnern schwärmt. Bevor sie im Oktober ihr Studium auf Grundschullehramt beginnt, wird die 20-Jährige wohl noch mal ins „Land der Anhalter und Mitfahrer“ trampen.

Sie hat Sehnsucht nach den Menschen dort, nach „ihren Kindern“ aus der Patarat-Siedlung am Stadtrat von Cluj, der nach Bukarest größten Stadt des Landes. Und sie spricht gerne rumänisch. Dabei: Das mangelhafte Bildungssystem dort beschäftigt sie schon sehr – und die Erkenntnis: „Die Integration der Roma ist nicht gewollt!“ Die Zigeuner, wie sie sich selbst nennen, bleiben „vollkommen in ihrem Kosmos“.

Eingeschult und diskriminiert

Ein miterlebter Schultag hat die Twistringerin erschreckt und entsetzt. Da hat sie hautnah mitbekommen, wie schwer es in Rumänien ist, eine vernünftige Bildung zu bekommen. Die Frage „Was wird aus den Kindern?“ habe sie noch lange nach den Erlebnissen bei den staatlich eingeschulten Roma-Kindern beschäftigt.

Erschreckend und traurig seien die Zustände für die Kinder. Sie würden sehr stark diskriminiert, besonders in der Schule. Die Jungen und Mädchen würden, von rumänischen Kindern getrennt, in einem extra Gebäude unterrichtet. Auch in den Pausen gebe es kaum Berührungspunkte, weil bewusst verhindert, weil Eltern sich gegen den Umgang ihrer Kinder mit den Roma wehren.

Fröhliche Roma-Kinder in der staatlichen Schule in Cluj. Das Bild täuscht: Sie werden sehr stark diskriminiert.

Hinzu kommt: „Durch einen sehr niedrigen Lohn von knapp 300 Euro im Monat fehlen vielen Lehrkräften die Motivation und Kraft, den Kindern wirklich etwas beizubringen“, so Havekost. In der zweiten Klasse könnten noch nicht mal alle Kinder schreiben. „Und ich sehe das ganze verschenkte Potenzial in den Kindern, die wirklich was draufhaben.“ Unter diesen Umständen werde ein Großteil von ihnen vermutlich in der Patarat-Siedlung hängen bleiben und eines Tages vielleicht ihre Familie mit dem Sortieren von Müll ernähren.

Wer die Schule im Stadtteil Someseni betritt, muss durch die Einlasskontrolle des Hausmeisters und den Ausweis abgeben. Als Jule in die Klasse kommt, sind die Kinder überrascht, schauen zunächst ungläubig, erkennen die Deutsche dann aber wieder. Besonders Laura und Crkna. „Das war total rührend“, sagt Jule.

Im Kindergarten hat sie 17  Jungen und Mädchen betreut, in die Schule gehen täglich nur gut eine Handvoll. Gründe dafür sind: gleichgültige Lehrkräfte, Prügeleien im Schulbus, Eltern, die von morgens bis abends auf der städtischen Müllkippe sind, um für den Lebensunterhalt Wertstoffe zu verkaufen. Kinder bleiben einfach zu Hause.

„Im Kindergarten erfahren sie Respekt und Fürsorge, lernen den richtigen sozialen Umgang“, erklärt Jule. Mit fünf oder sechs Jahren seien sie noch unverdorben. Nach der Einschulung aber erlebt die Deutsche die Kinder auch böse, schimpfend und beleidigend. Sie hätten viel von ihren Eltern übernommen.

Englischstunde endet im Chaos

Die Englischstunde in der ersten Klasse endet im Chaos. Die Roma-Kinder zeigen „null Interesse. Es werden Flaschen geworfen“. Jule Havekost schlägt der Lehrerin ein in der Kita erfolgreiches Obstspiel vor. Aber die unterhält sich lieber mit dem Gast. Der erfährt, dass sich Lehrer in Rumänien jedes Jahr neu auf eine Stelle bewerben müssten, zu wenig verdienen und nirgendwo richtig sesshaft werden. Da herrsche eine große Unsicherheit. Und dann noch diese Roma-Klasse. Die Kinder seien schlecht erzogen, hört Jule.

Der Klassenlehrer lässt die Jungen und Mädchen gut eine halbe Stunde warten. In der Zeit laufen sie auf den Fluren herum, klettern auf Tische und werfen mit Brot nach herumstreunenden Hunden. „Sie machen alles außer still sein. Dabei gibt es in jedem Raum eine Videoüberwachung. Die können auch Eltern abrufen“, schildert Havekost.

Die Schulstunde der Erstklässler endet im Chaos. Ein ernüchterndes Erlebnis für die Twistringerin. Aber nichts, was Jules Zuneigung zu den Roma-Mädchen erschüttern würde. In diesem Jahr soll es noch ein weiteres Wiedersehen geben.

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