Einrichtungen in Twistringen und Diepholz unterbelegt

Gähnende Leere in Flüchtlingsunterkunft

+
Das Areal wirkt wie verwaist: In der Flüchtlingsaufnahmeeinrichtung an der Hohen Straße in Twistringen, die der Landkreis im Auftrage des Landes eingerichtet hat, leben im Augenblick nur elf junge Flüchtlinge – obwohl Platz für 200 wäre.

Twistringen/Diepholz - Von Anke Seidel. Ausnahmezustand – genau der ist Alltag in der zentralen Flüchtlingsaufnahmestelle an der Hohen Straße in Twistringen. Bis zu 200 Menschen aus sieben verschiedenen Nationen und mit völlig unterschiedlichen Lebensgeschichten haben dort in den vergangenen Monaten eine erste Bleibe gefunden. Jetzt herrscht gähnende Leere in den ehemaligen Schulräumen im Herzen Twistringens. Nur elf junge Männer leben dort zurzeit. Neun davon sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Auf dem Fernseher in der ehemaligen Aula, heute Mensa und zentrale Begegnungsstätte der Unterkunft, verfolgt eine Gruppe junger Sportbegeisterter einen Boxkampf. In dieser Stunde sind Bilder der verzweifelten Menschen, die derweil an den geschlossenen Grenzen in Mazedonien ausharren müssen, nicht zu sehen. Dramatische Szenen hatten sich an der Nahtstelle zwischen Mazedonien und Griechenland ereignet. Dort setzte die mazedonische Polizei gegen den Ansturm der Flüchtlinge sogar Tränengas ein.

Als Mensa dient die Aula des ehemaligen Schulgebäudes. Das Foto zeigt Helfer und Offizielle bei einem Pressetermin vor der Inbetriebnahme der zentralen Flüchtlingsunterkunft im Oktober.

An der Essensausgabe in der Twistringer Einrichtung, in der die Mitarbeiter des DRK (Deutsches Rotes Kreuz) in den vergangenen Monaten Tag für Tag bis zu 200 Flüchtlinge versorgt haben, sind die Regale blank geputzt: Ein Ausnahmezustand ganz anderer Art für die Mitarbeiter der Aufnahmestelle. Der Sicherheitsdienst am Eingang des umzäunten Areals ist nach wie vor rund um die Uhr besetzt. Aber niemand weiß, ob und wann wieder Busse mit Flüchtlingen in Twistringen ankommen. „Einige Mitarbeiter feiern jetzt erstmal ihre Überstunden ab, andere nehmen Urlaub“, erklärt Michael Escher als Leiter der Landesaufnahmestelle auf Anfrage. Niemand weiß, wie es in den nächsten Wochen weiter geht – und das belastet. „Wir sind alle ein bisschen traurig, dass wir unterbelegt sind“, formuliert es Michael Escher vorsichtig. Denn alle seine Mitarbeiter seien hoch motiviert: „Es ist ein tolles Team.“

Genau das hatte sich nach Herrichtung der Unterkunft im Herzen Twistringens Ende Oktober erst finden müssen. Nein, sagt der Einrichtungsleiter. Zu Anfang sei nicht alles glatt gelaufen.

Danach aber habe sich alles aber wunderbar eingespielt, die Mitarbeiter seien zusammengewachsen. Aber jetzt stehen sie „auf Standby“, wie es Escher formuliert. Nach den vergangenen Monaten ein Ausnahmezustand – genau wie Flucht und Vertreibung.

Am späten Abend des 28. Oktober waren die ersten beiden Busse mit mehr als 100 Flüchtlingen in Twistringen eingetroffen. Längst nicht alle hatten dort Quartier bezogen. „In der Regel reist etwa ein Drittel der Menschen weiter“, nennt Michael Escher einen Erfahrungswert. Es sind Menschen, die zu Verwandten in Deutschland oder in den Nachbarländern wie den Niederlanden, Dänemark oder Schweden wollen.

372 Menschen aus sieben Nationen waren seitdem an der Hohen Straße untergebracht, wurden dort registriert sowie medizinisch versorgt. Sie konnten sich von den Strapazen der Flucht erholen, bis die Städte und Gemeinden die ihnen zugeteilten Menschen in ihre eigenen Einrichtungen brachten.

„Super“ habe sich dabei die zuständige Koordinatorin der Landesaufnahmebehörde verhalten, so Escher, weil sie auf persönliche Wünsche der Flüchtlinge nach Möglichkeit Rücksicht genommen habe: „Sie hat zum Beispiel zwei Familien, die während der Flucht gemeinsam viel durchgemacht haben, auch gemeinsam in einer Gemeinde untergebracht.“

Aus Syrien, dem Irak und Afghanistan stammten die meisten Flüchtlinge in Twistringen. Aber auch Menschen aus Gambia, Somalia, Palästina und dem Irak waren darunter.

Die ersten Gruppen waren zwischen sieben und acht Wochen in Twistringen untergebracht: „Es musste sich ja erst alles einspielen“, sagt Escher. Danach habe sich die Zeit auf etwa vier Wochen verkürzt. Die letzten Familien seien am 15. Februar abgereist. Wie es jetzt weitergeht, ist völlig offen.

Ähnlich ist die Situation in der Außenstelle Diepholz der Landesflüchtlingsunterkunft Bramsche. Knapp 400 Flüchtlinge hatte Einrichtungsleiter Rainer Scherer mit seinen 24 Mitarbeitern im vergangenen Herbst dort betreut. In der Einrichtung unter Federführung der Malteser leben zurzeit etwa 100 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, dem Iran und dem Irak, aus dem Kosovo und aus Pakistan. Wenn die aktuelle Entwicklung anhalte, dann sinke die Zahl in der kommenden Woche auf 50, so Scherer. 288 Plätze könnten jedoch in den Räumen am Fliegerhorst Diepholz belegt werden. Auch Rainer Scherer und seine Mitarbeiter beginnen, Überstunden abzubauen. Beim Leiter selbst sind es rund 200, bei seinen Mitarbeitern bis zu 80. Aufmerksam im Blick hat Rainer Scherer Tag für Tag die Situation an der bayerisch-österreichischen Grenze. Dort würden zurzeit pro Tag zwischen 50 und 80 Flüchtlinge ankommen. Nach dem Königsteiner Schlüssel, also der bundesweit geltenden Verteilerquote, ist demnach mit einem Transport nach Diepholz in Kürze nicht zu rechnen. Gut möglich also, dass auch Rainer Scherers Mitarbeiter in Kürze in den Urlaub gehen.

Mehr zum Thema:

Christine Kaufmann (†): Bilder aus ihrem Leben

Christine Kaufmann (†): Bilder aus ihrem Leben

Küken liefern „PiepSchau“ in der Grundschule Asendorf

Küken liefern „PiepSchau“ in der Grundschule Asendorf

Ostermarkt in Brunsbrock

Ostermarkt in Brunsbrock

Was jetzt teuer ist - und wo Sie sparen können

Was jetzt teuer ist - und wo Sie sparen können

Meistgelesene Artikel

Frage zum Frühlingserwachen: „Wer braucht schon Moore?“

Frage zum Frühlingserwachen: „Wer braucht schon Moore?“

Polizei ermittelt gegen Bassumer Jugendtrainer

Polizei ermittelt gegen Bassumer Jugendtrainer

Frühjahrskonzert mit musikalischer Reise 

Frühjahrskonzert mit musikalischer Reise 

Frühlingsmarkt lockt Besucher

Frühlingsmarkt lockt Besucher

Kommentare