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„Heute nix“: Aufnahmestopp bei der Twistringer Tafel

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Von: Gregor Hühne

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Lebensmittel-Spenden.
Ohne Spenden, nichts zu verteilen: Ein Aldi-Mitarbeiter übergibt den Tafel-Mitarbeitern Peter Schmidt (vorne, 2.v.l.) und Caritas-Chef Jörg Busse (r.) Lebensmittel-Spenden aus dem Supermarkt. © Gregor Hühne

Twistringen – Nun muss auch der Chef mit anpacken: Jörg Busse, Geschäftsführer des Caritasverbands im Landkreis, sitzt selbst am Steuer, um neue Lebensmittelspenden für die Twistringer Tafel abzuholen. Die Lage ist ernst. Im Mai verhängte die Tafel einen Aufnahmestopp. Es kommen zu viele Anfragen von Bedürftigen. Dazu fehlt es an Helfern und an Lebensmittel-Spenden.

Die Kreiszeitung begleitete die Helfer am Freitag bei der regelmäßigen Sammeltour.

Zwei Fahrzeuge besitzt die Twistringer Tafel: einen Mercedes-Sprinter und einen Ford-Transit. Die Helfer bereiten die Fahrzeuge vor. Stapelweise leere grüne Klappkisten kommen in den Laderaum und werden gesichert. Die Hoffnung ist, viele davon gefüllt wieder zur Tafel zurückzubringen.

Abfahrt ist um 8.15 Uhr an der Vechtaer Straße. Die Routen stehen fest. Die möglichen Lebensmittelspender wissen, an welchen Tagen die Tafel vorbeikommt.

Der Rewe-Markt an der Steller Straße ist die erste Anlaufstation. Beifahrer Peter Schmidt springt auf dem Parkplatz aus dem Wagen und geht in den Markt. Er kündigt die Tafel-Mitarbeiter an, wie immer. Er macht diesen Job schon seit Jahren. Busse fährt währenddessen den Wagen weiter bis an die Laderampe hinter dem Lebensmittelmarkt und wartet. Eine Tür öffnet sich dort. Peter Schmidt kommt raus, hebt die Arme: „ Heute nix!“

Weiter geht es zur Landbäckerei Diekmann an der Bahnhofstraße. Statt Brötchen gibt es heute eine Kiste mit Törtchen. „Das gab es auch noch nicht“, kommentiert Peter Schmidt. Das eigne sich eher für den direkten Verzehr. Nichts für alle und schon gar nichts, um Kühllager und Vorratsräume der Tafel aufzufüllen.

Jede zeitliche Ressource ist wichtig für uns.

Jörg Busse, Caritas-Geschäftsführer

Die dritte Station ist der Aldi-Markt an der Großen Straße. Endlich kommen einige Paletten zusammen. Ein junger Aldi-Mitarbeiter hilft beim Umfüllen der Lebensmittel in die grünen Kisten der Tafel: Obst, Gemüse, etwas Brot.

Jede Tour habe etwas von einem Glücksspiel, schildert Busse: „Ob und was man bekommt, wissen wir vorher nicht.“

Busse ist seit Januar im Amt und auch für Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Dass der Geschäftsführer selbst mit anpackt, ist für ihn selbstverständlich, aber nur eine Notlösung. Momentan seien Tafel-Mitarbeiter im Urlaub. „Bin dann auch vor Ort und helfe aus“, sagt er. Langfristig brauche es mehr ehrenamtliche Helfer. Daher sucht die Tafel Twistringen ausdrücklich nach Fahrern sowie Helfern für die Sortierung und Ausgabe der Lebensmittel.

Es sei kein Geheimnis, dass die Altersstruktur der Helfer bei der Tafel immer älter werden. „Junge Leute können sich auch einbringen“, sagt Busse.

Aktuell sind Zweidrittel der Mitarbeiter bei der Tafel in Twistringen ehrenamtlich tätig. Ein Drittel seien dort über Arbeitsgelegenheiten beschäftigt. „Jede zeitliche Ressource ist wichtig für uns“, betont Busse. Das gelte auch für Leute, die nicht viel Zeit einbringen könnten. Die freitäglichen Touren dauerten beispielsweise etwa zwei Stunden.

Seit Mai werden keine neuen Bedürftigen mehr bei der Twistringer Tafel aufgenommen, so Gunda Siemers, Mitbegründerin der Twistringer Tafel. Bestandskunden würden aber verlängert. Die Leute werden aber nicht abgewiesen, sie kommen zunächst auf eine Warteliste. Darauf stünden aktuell weniger als zehn Leute. „Falls jemand längere Zeit nicht da war, rutscht er raus.“ Der Platz werde dann für einen Nachrücker frei – also eine wartende Person. Aktuell erhalten rund 350 Menschen Lebensmittel-Spenden von der Tafel.

Im Zuge der Knappheiten wurde die Lebensmittelausgabe bei der Tafel laut Siemers verändert. Donnerstag ist Ausgabetag. An dem Tag kommen rund 80 Leute. In drei Gruppen rotieren die Bedürftigen zu unterschiedlichen Uhrzeiten. Unterm Strich darf jemand drei von vier Wochen zur Tafel kommen. Dann müsse er aussetzen. Mehr sei momentan nicht machbar.

Mitmachen

Wer als Fahrer oder Helfer bei der Sortierung und Ausgabe von Lebensmittelspenden bei der Tafel Twistringen mitmachen möchte, kann sich unter 04243 / 942620 bei der Tafel an der Vechtaer Straße 6 melden.

Der Markt regelt das nicht mehr - Kommentar von Gregor Hühne

Die stetige Optimierung in der Wirtschaft hat ihre Vor- und Nachteile. Die Schattenseiten bekommen immer mehr die Tafeln zu spüren, auch in Twistringen. Die Supermärkte, die oft Lebensmittel spenden, die sich nahe dem Mindesthaltbarkeitsdatum bewegen, optimieren schon seit Jahren teils unbeachtet ihre Lagerhaltung. Das führt in der Konsequenz zu weniger abgelaufenen Lebensmitteln, die in die Tonne wandern, aber auch zu weniger Lebensmitteln, die an Einrichtungen wie den Tafeln abgegeben werden können. Ein unterschätzter Faktor, der bisweilen auch in unseren Nachbarländern unbekannt ist. In Frankreich beispielsweise braucht es Gesetze gegen Lebensmittelverschwendung in Supermärkten – völlig überflüssig in Deutschland. Bei uns, Sie kennen es sicherlich, gibt es in nahezu jedem Markt eine Abteilung mit im Preis reduzierter Ware. Produkte mit Reduziert-Aufklebern darauf finden sich verstreut in den Gängen und Regalen. Dieses System ist hoch effektiv und ein Resultat der zunehmenden Digitalisierung. Heute müssen Lageristen keine Zettellisten mehr im Auge behalten, wann und welche Milchpackung oder Apfelsorte das Zeitliche zu segnen droht. Eine schöne neue Welt, die viele erst langsam bemerken. Mit der sprichwörtlichen Kehrseite der Medaille des Fortschritts sind zusehends die Tafeln konfrontiert. Es bleibt weniger für diejenigen, die auf das angewiesen sind, was ansonsten übrig bleibt.

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