Interview mit Mediziner und Autor Dr. Matthias Thöns

„Hausärzte sind die Torhüter gegen Übertherapie“

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Dr. Matthias Thöns. 

Twistringen - „Dem Sterben einen Platz im Leben geben“ lautet das Leitthema der zweiten Hospiz- und Palliativ-Fachtagung im Landkreis Diepholz. Das reflektieren am Freitag und Samstag, 20. und 21. April, im Hildegard-von-Bingen-Gymnasium Twistringen renommierte Referenten – darunter der bekannte Mediziner und Buchautor Dr. Matthias Thöns, der am 20. April über die „Übertherapie am Lebensende“ referiert. Im Interview erklärt er, welche Folgen das haben kann – und was Menschen dagegen tun können. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Dr. Thöns, Sie haben den Bestseller „Patient ohne Verfügung: Das Geschäft mit dem Lebensende“ geschrieben. Welche Reaktionen haben Sie darauf bekommen, vor allem von Familienangehörigen?

Matthias Thöns: Tatsächlich war es etwas unvorsichtig, meine Leser am Ende des Buches zu einem Feedback aufzufordern, die Flut an Emails zeigt mir allerdings, wie sehr das Thema die Menschen bewegt. Erschreckend viele gruselige Fallberichte habe ich erhalten, genug Material, um noch einige Bücher nachzulegen. Stolz bin ich, dass ich hier und da steuernd eingreifen konnte, um Fehlentwicklungen zu bremsen, und über Berichte, wie mein Buch Familien ermutigt hat, Entscheidungen im Sinne ihres geliebten Menschen umzusetzen.

Was raten Sie Menschen, die das Leid ihrer Angehörigen am Lebensende unbedingt vermeiden wollen?

Thöns: Es gibt zwei Dinge, die unbedingt gemacht werden sollten: Das eine sind Vorsorgedokumente – also eine Patientenverfügung, die beschreibt, was man möchte und was nicht, sowie eine Vorsorgevollmacht, die jemanden benennt, der das dann entsprechend durchsetzt. Das fast Wichtigere ist aber die Zweitmeinung eines unabhängigen Arztes bei kritischen Eingriffen: Es hat sich gezeigt, dass 80 Prozent (!) der Wirbelsäulenoperationen vermeidbar sind, wenn man einen unabhängigen Arzt nach seiner Meinung fragt. Der sagt dann nämlich in vier von fünf Fällen: Versuchen Sie es noch mal mit intensiver Krankengymnastik, Entspannungsverfahren und Pillen, und die Erfolge sind gleich.

Gilt das auch für andere Bereiche?

Thöns: Chemotherapie konnte durch die frühzeitige Einbindung von Palliativärzten in der Häufigkeit fast halbiert werden – und die Krebsbetroffenen lebten trotzdem (oder gerade deswegen?!) länger. Das Deutsche Ärzteblatt lobte die Zweitmeinung, ließ sogar den leitenden Arzt einer privaten Klinikkette zu Wort kommen. Der rühmte sich mit einem Zweitmeinungsverfahren, dort werden Patienten zu einem Chefarzt einer anderen Klinik des Konzerns geschickt – und die Meinungen stimmen fast immer überein. Das ist keine Zweitmeinung. Viele Krankenkassen bieten das an, bald auch für Intensivbehandlung.

Chemo- oder Strahlentherapie, Operationen oder Gelenkersatz: Welche Kriterien müssten gelten, damit aus solchen Maßnahmen nicht ein Geschäft mit dem Lebensende wird?

Thöns: Der Patient muss davon voraussichtlich profitieren und er muss ehrlich über die Chancen und Risiken, wie auch die bestehenden Alternativen aufgeklärt werden. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, mehr noch: Der Arzt, der das nicht beachtet, macht sich eigentlich strafbar. Ein Urteil des Oberlandesgericht München hat diesbezüglich nun erstmals einen Arzt zu einem hohen Schmerzensgeld verurteilt. Der Sohn bekam 40.000 Euro. Aber mit Sätzen „wenn Sie der Intensivbehandlung nicht zustimmen, erstickt ihre Mutter“ oder „den Tumor operieren wir mal eben weg und dann können sie alles wieder essen“ oder „mit Chemotherapie gibt es noch einige gute Jahre“ werden hier und da die medizinischen Möglichkeiten etwas beschönigt – oder man kann auch sagen „dreist gelogen“.

Lässt sich schätzen, wie hoch der Umsatz mit solchen Geschäften ist?

Thöns: Jeder dritte Euro wird aktuell für Übertherapie ausgegeben, sprich 100.000.000.000 Euro in Deutschland. Zum Vergleich: Sie müssten ein Drittel weniger Krankenkassenbeiträge zahlen ohne diese Ausgaben. Aber wer möchte schon auf unsinnige Schnittbilduntersuchungen bei einfachen Rückenschmerzen, Gelenkersatz, wo er nicht nötig ist, oder Wirbelsäulenoperationen, die mehr dem Arzt als dem Patienten nützen, verzichten?

Sie plädieren für den Ausbau der Palliativmedizin. Was wünschen Sie sich als tragende Pfeiler dafür?

Thöns: Tragender Pfeiler guter Palliativmedizin ist ein Netz aus Hausarzt und speziellem Palliativteam. Hausärzte sind die Torhüter gegen Übertherapie, steuern die Versorgung nicht nur am Lebensende. Der gute Hausarzt kennt die Wünsche der Patienten und die Situation der Familie, wird hier und da zu frühzeitiger palliativer Mitversorgung raten, statt Intensivmedizin und Chemotherapie bis in die letzten Lebenswochen.

Was ist Ihre Botschaft bei der Hospiz- und Palliativfachtagung am 20. April in Twistringen?

Thöns: Lasst uns bitte zusammen die Versorgung Sterbender verbessern.

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