Beuke seit 10 Jahren Bio-Betrieb

Glückliche Tiere in Mörsen – aber viel Papierkram

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Helmut Beuke hat vor zehn Jahren auf Bio-Betrieb umgesattelt.

Twistringen - Von Julia Kreykenbohm. Boak, boak, boak, erklingt es gedämpft auf dem Boden und von der Seite. Etwa 4 000 Perlaugen schauen neugierig auf Landwirt Helmut Beuke, der gemächlich durch die Hühnerschar wandert. Wen hat er da mitgebracht?

Wieso macht das Gerät in den Händen der Frau Blitze? Und wie schmecken ihre Schuhe? Nein, ängstlich sind die Legehennen nicht, lassen sich auch auf den Arm nehmen. Und wem das Ganze doch etwas zu seltsam wird, entwischt durch eine der Öffnungen in der Wand nach draußen in den „Wintergarten“ wie Beuke schmunzelnd sagt. Gemeint ist ein überdachter Anbau neben dem eigentlichen Stall.

Beukes Hühner haben Platz. Sechs Tiere stehen auf einem Quadratmeter Stallfläche und haben einen zusätzlichen Auslauf von vier Quadratmetern. Das ist eine der Vorgaben, die ein Betrieb erfüllen muss, wenn er sich mit dem Siegel „Bio“ schmücken möchte. Eine andere ist, dass 50 Prozent des Futters selbst angebaut werden müssen und dass es nicht mehr als 12.000 Tiere unter einem Dach sein dürfen.

Verbands-Vorgaben schärfer als die EU-Vorgaben

„Das sind die Verbands-Bio-Vorgaben“, erläutert Beuke, der vor zehn Jahren seinen Hof in Twistringen, Ortsteil Mörsen, auf Bio umgestellt hat. „Die sind noch eine Spur schärfer als die EU-Bio-Vorgaben. Um diese zu erfüllen, reicht es, einen Stall auf eine Wiese zu stellen und bei 30.000 Tieren die Grenze zu ziehen. Das Bio-Futter kauft man dazu. Beim Verbands-Bio muss der ganze Betrieb umgestellt werden.“

Warum hat er sich dennoch dafür entschieden? „Es war ein kontinuierlicher Prozess“, erläutert der 56-Jährige. „Wir wollten immer etwas besser machen.“ 1989 habe der Betrieb auf Bodenhaltung umgesattelt. Das hieß: neun Tiere auf einem Quadratmeter Stallfläche. 1993 wurde es Freilandhaltung – also neun Tiere auf einem Quadratmeter und ein Auslauf von vier Quadratmetern. 2007 stellte er auf Bio um.

Das hieß auch Veränderungen bei der Junghennen-Aufzucht, die er betreibt. Die 2 000 Küken werden nicht, wie in konventionellen Betrieben möglichst eng gehalten, wo viele von ihnen anfangen, sich gegenseitig zu picken, sondern haben in dem 31 Grad warmen Stall Platz zum Umherwuseln.

Vier Jahre dauerte die Umstellung

„Es dauert etwa vier Jahre, bis man seinen Betrieb komplett umgestellt hat“, schätzt Beuke. Zuvor hat er sich im Internet darüber informiert und sich auch einen Kooperationspartner genommen, weil er nicht genug Fläche besitzt, um ausreichend Futter anzubauen.

Die Umwandlung hat er bis heute nicht bereut, denn den Tieren gehe es besser und auch wirtschaftliche habe es sich gelohnt, da der Umsatz gestiegen sei. Ein Ei aus Freilandhaltung hat er für acht Cent verkauft. Jetzt bekommt er von der Packstelle 18 bis 19. „Wir haben nun andere Kunden“, sagt Beuke, der nun zu 100 Prozent selbst vermarktet, Hofläden und Supermärkte beliefert, während er vorher zehn Prozent vermarktete und den Rest an Wiesengold lieferte. „Bio hat sich in Deutschland etabliert, aber wir sind erst bei 75 Prozent.“

Als „immens“ bezeichnet Beuke jedoch die Bürokratie: „Das ist der größte Aufwand.“ Nahezu alles müsse dokumentiert werden, es gebe teilweise absurde Vorschriften, die Zeit kosten. „Etwa eine Stunde pro Tag“, sagt der 56-Jährige und zeigt seine Büro-Schränke, in denen zahlreiche Aktenordner stehen.

Kontrollen teils belastend

Manchmal belastend seien auch die Kontrollen, von denen zwei unangekündigt und eine angekündigt erfolgen. Aber für die Sicherheit aller seien sie nun mal ein Muss. „Es gibt Dioxin-, Salmonellen- und Grundwasserproben“, zählt Beuke auf. Teurer ist auch das Futter für die Junghennen-Aufzucht, für das er jetzt 60 Euro zahlt, während konventionelle Betriebe bis zu 30 Euro hinblättern.

Auf Bio umzustellen, sei nicht zwingend für jeden Betrieb etwas, sagt Beuke. Gerade für die kleinen Höfe sei es schwer. Darum würde er sich mehr Unterstützung von der Politik wünschen. „Die Landwirte brauchen Planungssicherheit, und die gibt es nicht, wenn Verordnungen erlassen und ein Jahr später wieder gekippt werden.“ Zudem müsste klar abgesteckt sein, ab wie viel Kilometer man noch von ,aus der Region’ sprechen kann. „Zurzeit können Konzerne behaupten, regionale Produkte zu vertreiben, obwohl diese aus Osteuropa kommen, denn Europa ist ,Region’“, sagt Beuke. Das sei toll für die Großen – aber die Kleinen guckten in die Röhre, wie so häufig in der Landwirtschaft. Ein Grund, warum viele aufgeben – oder sich gezwungenermaßen vergrößern.

Zuschüsse wären hilfreich

Finanzielle Zuschüsse wären hilfreich, ebenso wie eine beratende Begleitung bei der Umstellung, die zum Beispiel den Landwirten sagt, wo sie ihre Produkte hinliefern können. Beuke musste sich das über Jahre selber erarbeiten und hat einige frustrierende Situationen erlebt.

Hilfreich kann auch ein Austausch mit anderen Betrieben sein. Gelegenheit dazu bietet sich bei einer Veranstaltung am Freitag, 1. Dezember, in Twistringen. Das Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen stellt in der Domschänke, Kirchstraße 15, von 10 bis 12 Uhr die Ergebnisse einer Öko-Legehennen-Betriebszweigauswertung vor. Die Teilnahme ist kostenlos. 

Anmeldung unter Telefon 04262/95 93 00 oder per E-Mail an anmeldung@oeko-komp.de. Von 15 bis 17 Uhr kommt auf Einladung von Naturland der Legehennen-Stammtisch zusammen. Anmeldungen werden bis Donnerstag, 30. November, unter 02527/93 02 13 oder per E-Mail an k.schweizer@naturland.de erbeten.

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