Gästeführung im Sitzen im Rathaussaal

Franziskanerinnen lindern Not der Scharrendorfer Kranken

Diese Sechs bereicherten die Gästeführung (v.l.): Hildegard Imm, Lydia Schierenbeck, Fred Skripalle, Marion Urbanski, Gaby Wessels und Maria Thamm. - Foto: Büntemeyer

Twistringen - Von Heiner Büntemeyer. Für die Besucher der Gästeführung im Sitzen waren die Vorträge einerseits eine angenehme Erinnerung an die Rundgänge dieses Sommers, gleichzeitig sorgten sie aber auch schon für Vorfreude auf die Führungen im kommenden Jahr. Begrüßt wurden die Zuhörer von Heike Harms, die sich über den voll besetzten Rathaussaal freute.

Zunächst stellten sich „Grete Grabhorst“ und „Auguste Pfeil“ alias Gaby Wessels und Maria Thamm vor. Beide Damen hatten sich ihrer Geschichte entsprechend gekleidet. Grete Grabhorst als verarmte Grundbesitzerin und Maria Thamm als „Pilze-Guste“, die einige ältere Twistringer noch kennen. Sie erzählten sich gegenseitig ihre Lebensgeschichte, die eine als Sagengestalt, die wegen ihrer Weisheit und Gerechtigkeit verehrt wurde. Sie hatte neidische, gierige Adelige hereingelegt und soll angeblich ihren restlichen Reichtum in einer Butterkarre im Waldgebiet der Dehmse vergraben haben. Auguste hingegen, die ehemalige Toilettenfrau des Bremer Essighauses, verbrachte ihre letzten Lebensjahre in einer Bretterbude am Rand des Moores. Dort schuf sie sich ihr kleines Paradies, kaufte Erzeugnisse bei Bauern auf und verhökerte sie in Bremen.

Warum „ärgerliche Gartenecken“ kleine Schatzkisten für die Gesundheit sind, erklärte Hildegard Imm. Sie informierte die Zuhörer über die Heilkraft von Löwenzahn, Giersch, Vogelmiere & Co. Wie vital und vermehrungsfreudig diese Pflanzen sind, weiß jeder Gartenbesitzer. Ihnen gab Hildegard Imm den guten Rat, sich besser mit ihnen zu arrangieren, statt zu versuchen, sie auszurotten.

„Feuerwehrfrau“ Marion Urbanski berichtete über das Feuerlöschwesen in vorigen Jahrhunderten, erinnerte an den ersten aus Twistringen dokumentierten Brand im Jahre 1769, der dank einer Eimerkette von hilfsbereiten Nachbarn gelöscht werden konnte.

1897 sei in Twistringen eine Turnerfeuerwehr gegründet worden, die mit einer Brandglocke in St. Anna und dem Feuerhorn des Nachtwächters alarmierte. Die 1902 gegründete Pflichtfeuerwehr sei dagegen auf eine Initiative des Kriegervereins zurückzuführen.

Sie erinnerte an ehemalige Löschgeräte, Feuerwehrfahrzeuge, Gerätehäuser und Feuerwehrmänner. Erst 1967 habe die Stadtverwaltung das Feuerlöschwesen in Twistringen in die Hände genommen.

Lydia Schierenbeck hatte sich intensiv mit den Schicksalen der Twistringer Juden beschäftigt. Das Ergebnis ihrer Recherchen stellte sie an Hand mehrerer Twistringer Häuser vor, die einst im Besitz jüdischer Familien waren. Auch über den Verbleib der Juden berichtete sie, denn mit ganz wenigen Ausnahmen endete deren Leben in den Konzentrationslagern. Lediglich Marga Silberberg überlebte in Argentinien.

Fred Skripalle berichtete über das Bestattungswesen und die verschiedenen Twistringer Friedhöfe. Dabei erinnerte er an die „Scharrendorfer Krankheit“, die im 19. Jahrhundert zahlreiche Opfer gefordert hatte. Seinerzeit waren Franziskanerinnen nach Twistringen gekommen, um diese Not zu lindern. Einige blieben in der Stadt. Auf ihre Initiative hin wurde 1894 das Twistringer Krankenhaus errichtetet.

Die Gastgeber hatten sich für ihre Gäste einen besonderen Service überlegt: Zwischen den Vorträgen wurden regionale Spezialitäten serviert.

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