175 Flüchtlinge werden am Mittwoch in Twistringen erwartet / Die Vorbereitungen laufen

Ein Obdach vor dem Wintereinbruch

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Haben sich gleich als Sprachmittler für die Flüchtlinge angeboten: Hischtar (vorne) und Jorma Agam (l.) sowie Semira Jelo mit Klaus Speckmann (r.) und Wolfram van Lessen.

Twistringen - Von Theo Wilke. Rolf Abraham, der am Schulzentrum wohnt, steht auf: „Als Bürger dieser Stadt habe ich vollstes Vertrauen in Sie und ihre Arbeit.“ Beifall im Saal. Mehr als 200 Bürger machen am Donnerstagabend bei der Infoveranstaltung im Rathaus deutlich, dass Flüchtlinge in Twistringen willkommen sind und dass man helfen will. Die ersten 175 Flüchtlinge werden am Mittwoch in Twistringen erwartet.

Anfangs sind „Hände und Füße meist genug“, um sich zu verständigen. Danach braucht Axel Vetter (DRK), Leiter der Notunterkunft an der Hohen Straße, aber Sprachmittler. Hischtar, Jorma und Semira haben sich am Donnerstagabend im Rathaus gleich angeboten, als ehrenamtliche Dolmetscherinnen bei der Aufnahme und Betreuung der Menschen zumeist aus Syrien, Irak und Iran zu helfen. Ein Bürgertelefon für werktags ist eingerichtet.

Bürgertelefon:

05441/976-2006

Landrat Cord Bockhop: „Die täglichen Schreckensbilder motivieren uns.“ Und weiter: „Wir können hier nicht die politischen Probleme lösen.“ Hier gehe es darum, vor dem Winter verzweifelten Menschen ein Obdach zu bieten. Er dankt der Stadt, dem DRK, THW, der Feuerwehr und vielen freiwilligen Helfern. Vor einer Woche erst sei der Landkreis vom Land um „Amtshilfe“ ersucht worden, ergänzt Erster Kreisrat Wolfram van Lessen.

Klaus Speckmann, Kreisfachdienst-Leiter für Sicherheit und Ordnung zählt im Detail auf, was für die Notunterkunft wichtig ist. Kleine Sporthalle und Schulaltbau werden übers Wochenende vorbereitet. Ein Sicherheitsdienst ist bereits vor Ort, kümmert sich ab nächste Woche auch um eine Zugangskontrolle.

Die Flüchtlinge erhalten Ausweise im Scheckkartenformat. Sie werden kurz ärztlich untersucht und erfasst, später in der Diepholzer Klinik umfassender behandelt und durch die Landesaufnahmebehörde registriert. Bis dahin vergehen etwa vier bis acht Wochen. Dann werden die Flüchtlinge auf die Kommunen verteilt.

Ein Sanitätsdienst wird in den ersten Tagen rund um die Uhr da sein, danach reduziert mit Sprechstundenangeboten.

Die Flüchtlinge kommen aus Syrien, Irak, Iran, Afghanistan oder auch Eritrea – sehr junge Menschen, im Durchschnitt um die 35 Jahre. „Es werden nicht alle bleiben, sondern weiterziehen zu Verwandten, in andere Bundesländer oder ins Ausland“, weiß Klaus Speckmann. Wer nach der Aufnahme noch nicht registriert ist, „darf sich frei bewegen, den dürfen wir auch nicht festhalten“.

Flüchtlinge würden zunächst vor allem Ruhe suchen und wollten ankommen, meint Speckmann. Darauf aus dem Publikum die Frage: „Wird das alles schön geredet, oder wie viel Konfliktpotenzial ist da?“ Die Antwort gibt Polizeidirektor Bernd Kittelmann von der Inspektion: Bislang sei nichts nennenswertes im Bereich des Aufnahmelagers in Diepholz passiert, auch kein Anstieg an Diebstählen. Die Polizei sei rund um die Uhr präsent – jetzt auch in Twistringen.

Diakon Bernhard Sauer von der Pfarrei St. Anna sagt am Ende: „Das war ein guter Abend für die Twistringer.“ Er hat die Hilfsbereitschaft gespürt. Er setzt auf die Toleranz, das Verständnis und die Geduld der Menschen rund um die Flüchtlingsunterkunft.

Bei der Informationsveranstaltung gab es viele Fragen von Bürgern, die von Landkreis, DRK und Polizei beantwortet wurden. Hier eine Auswahl mit den Antworten:

Werden alle Flüchtlinge in der kleinen Sporthalle untergebracht?

Nein. Es gibt im alten Schulbau weitere Schlafräume, etwa für Familien oder auch allein reisende Frauen. Menschen unterschiedlicher Religionen sollen möglichst getrennt voneinander aufgenommen werden. In der Turnhalle sollen Holzwände für ein bisschen Privatsphäre sorgen.

Ist an eine Betreuung insbesondere für Kinder und Jugendliche gedacht, die länger bleiben?

Ja, zunächst sorgt das DRK als Betreiber für die Unterbringung und Verpflegung, in der zweiten oder dritten Woche wird eine Betreuung mit qualifiziertem Personal organisiert.

Wie kann die Bevölkerung helfen?

In der Anfangsphase noch nicht. Spender sollten nicht ungezielt beispielsweise mit Kleidung kommen. Die Bitte: Aufrufe der Hilfsorganisationen abwarten.

Wie sieht es mit den sanitären Anlagen aus?

Es gibt ausreichend sanitäre Bereiche, auch nach Geschlechtern getrennt. Nur für das Personal wird ein Dusch-Container aufgestellt.

Werden Flüchtlingskinder beschult?

Nein, weil nach der Erstaufnahme in einigen Wochen viele Familien Twistringen wieder verlassen.

Gibt es eine Nachtruhe?

Nein, die Flüchtlinge können sich frei bewegen, solange sie noch nicht offiziell registriert sind. Allerdings gelten Hausordnung und Alkoholverbot. Erfahrungsgemäß sind die Flüchtlinge so erschöpft, dass die meisten schlafen.

Können sich Jugendliche auch Sportvereinen anschließen?

Theoretisch ja, dann wäre die Mitgliedschaft nur für vielleicht vier bis acht Wochen. Die Frage bleibt, ob das Sinn macht.

Wer finanziert das alles, oder müssen sich Stadt und Landkreis beteiligen?

Die Kosten für die Erstaufnahme im Rahmen der „Amtshilfe“ werden vom Land komplett erstattet. Allerdings – so die Kritik des Landkreises – nicht die Erstuntersuchung nach der Ankunft und auch nicht die sozialpädagogische Betreuung. Der Landrat hofft, dass diese Kosten später auch erstattet werden.

Ist abzusehen, dass weitere Erstaufnahmestellen im Landkreis eingerichtet werden?

Bei mehr als 10000 neuen Flüchtlingen pro Woche in Niedersachsen geht die Kreisbehörde davon aus, dass das nächste Amtshilfeersuchen bald kommen wird.

Warum ist Twistringen ausgesucht worden?

Im Gegensatz zu anderen Immobilien hat der Standort an der Hohen Straße einen großen Vorteil: Es ist ein Ensemble mit vielen geschlossenen Räumen.

Vor allem ältere Hauseigentümer sind in Sorge, dass der Landkreis Räume beschlagnahmen könnte. Ist damit zu rechnen?

Der Landkreis wird wie bisher weiter nach Wohnraum suchen. Beschlagnahme ist kein Thema.

Was ist mit dem Schulbetrieb an der Haupt- und Realschule?

Der Schulbetrieb läuft unverändert weiter. Stabile Bauzäune mit Sichtschutz werden den Bereich der Flüchtlinge vom Schulzentrum und der Wohnbebauung trennen.

Wird die Polizeistation auch nachts besetzt sein?

Nein. Das macht aus Polizei-Sicht keinen Sinn. Die Beamten werden stattdessen nachts regelmäßig Streife fahren.

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