Familie Chatto seit vielen Jahren in Twistringen integriert

23-jährige Nichte lebt noch ganz alleine in Syrien

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Abed, Loranz und Simone Chatto, Aamer, Aberra und vorne Großvater Abdalla Chatto (v.li.) vor dem Tannenbaum, der bereits seit dem 1. Dezember im Wohnzimmer steht.

Twistringen - Von Sabine Nölker. Die Welt scheint Kopf zu stehen. Weltweit sind fast 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Konflikten und Verfolgung. In Europa spricht man schon lange von einer Flüchtlingskrise, die Angst und Unsicherheit hervorruft. Doch neu ist das Thema nicht. Von 1953 bis 2014 flüchteten 4,1 Millionen Menschen in unser Land, die meisten von ihnen haben sich in unsere Gesellschaft integriert. Wie Simone und Lorans Chatto, die fast seit drei Jahrzehnten in Twistringen leben und arbeiten.

Als Lorans Chatto 1986 aus seiner Heimatstadt Al Hassake von Syrien nach Deutschland kam, war Deutschland noch ein geteiltes Land. Deshalb war es für den ehemaligen Vorarbeiter im Straßenbau auch keine Schwierigkeit, ein Urlaubsvisum für Ost-Berlin zu bekommen. Von Damaskus aus flog er in die ehemalige Hauptstadt der DDR. Nach 22 Tagen konnte er nach Hamburg ausreisen, wo er zwei Monate in einem Flüchtlingsheim untergebracht war, bis er schließlich nach Twistringen kam.

Bis 1995 bekam er immer nur eine auf drei Monate begrenzte Aufenthaltsgenehmigung, ständig drohte die Abschiebung. „Leider durfte ich nicht gleich arbeiten und ich hatte die Auflage, den Landkreis Diepholz nicht zu verlassen.“ Gemeinsam mit seinem Bruder bekam er eine Wohnung an der Ziegelei zugewiesen. Als er endlich eine Arbeitserlaubnis hatte, begann er bei Gemüse Meyer in Binghausen und machte sich später mit einem Pizzaservice selbstständig.

Seine Frau Simone kam 1989 nach Deutschland. Sie hatte ein Urlaubsvisum für Prag erhalten. Dort angekommen, setzte sie sich in ein Taxi und ein Schleuser brachte sie über die Grenze nach Berlin. Von da an ging es weiter zu ihrem Bruder nach Gütersloh. Kurz darauf lernte sie ihren heutigen Mann kennen und sie zog nach der Hochzeit zu ihm nach Twistringen. Trotz der Geburt ihrer drei Kinder Abed, Aberra und Aamer hat die ausgebildete Schneiderin immer gearbeitet, ob in der Küche eines Restaurants oder später als Änderungsschneiderin in einem Fachgeschäft. „Arbeit war immer wichtig für mich, selbst Geld zu verdienen und nicht vom Staat abhängig zu sein.“ Vor neun Monaten machte sie sich dann mit einem Braut- und Abendmodengeschäft in Twistringen selbstständig.

Die Chattos sind syrisch-orthodoxe Christen. Würden sie heute noch in Syrien leben, wäre ihr Leben ständig durch die ISIS bedroht. „Wir konnten dank der Hilfe des Landkreises Diepholz auch unsere Eltern und Geschwister nach Deutschland holen“, erzählt Lorans Chatto. Die Kosten für die Reise und die Visa zahlten er und seine Frau. Besonders glücklich war die Familie, als vor zwei Jahren die Großeltern hier gesund ankamen. „Leider verstarb meine Mutter Suad plötzlich und vollkommen unerwartet nur einen Monat später“, sagt Lorans Chatto, aber sein 87-jähriger Vater Abdalla Chatto lebt gesund unter seinem Dach.

Große Sorgen macht sich Simone Chatto um ihre 23-jährige Nichte, die ganz alleine in Syrien zurück blieb. Die ehemalige Lehramts-Studentin musste ihr Studium abbrechen, weil die IS die Universität zerstört hat. „Dort, wo sie jetzt lebt, rückt der IS täglich näher“, ist ihre Sorge. Was passiert, wenn eine gläubige Christin der Terrormiliz in die Hände fällt, daran mögen sie und ihre Familie nicht denken.

Abed, Aberra und Aamer sind alle in Deutschland geboren. Sie fühlen sich als Deutsche und engagieren sich alle drei in den Schülervertretungen ihrer Schulen und sind im Stadtschülerrat. Aber sie spüren auch eine leichte Veränderung bei den Menschen. „Ein neuer Lehrer auf meiner Schule fragte mich, woher meine Familie komme“, sagt die 17-jährige Aberra. Als sie sagte, dass ihre Familie ihre Wurzeln in Syrien habe, spürte sie Mitleid. „Die Menschen gehen auf einmal vorsichtiger mit mir um.“ Aamer und Abed erleben sogar oftmals, dass Menschen die Straßenseite wechseln, wenn sie ihnen entgegen kommen. Leute, die sie kennen, fragen sogar auf einmal, ob sie auch Deutsch sprechen können.

Die Familie verfolgt täglich die Geschehnisse in Syrien. Aber dennoch freuen sie sich, dass fast alle Famileinmitglieder inzwischen in Deutschland angekommen sind. Gemeinsam feieren sie auch das Weihnachtsfest. „Eigentlich gibt es bei uns syrisch-orthodoxen Christen die Geschenke erst am 25. Dezember“, sagt Simone Chatto. „Aber wir leben in Deutschland und passen uns den Traditionen an.“ Was sie jedoch beibehalten, sind die 14 Tage Fastenzeit vor Weihnachten. „Dann gibt es bei uns kein Fleisch, keine Milchprodukte und keine Eier.“ Dafür sei die Tafel am ersten Weihnachtstag aber sehr üppig. „Wir treffen uns dann mit rund zehn Familien, es gibt traditionelles Essen wie Weinblätter mit Hackfleisch und Reis gefüllt, Schafsfleisch und Geflügel.“

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