Interview: Kreisbrandmeister Michael Wessels über neue Aufgaben

Fast ein Jahr doppelte Alarmierung

Kreisbrandmeister Michael Wessels ist per Briefwahl in seinem Amt bestätigt worden.
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Kreisbrandmeister Michael Wessels ist per Briefwahl in seinem Amt bestätigt worden.

Landkreis Diepholz – Diesmal war es eine Briefwahl: Mit 92 von insgesamt 119 Stimmen ist Michael Wessels aus Twistringen in seinem Amt als Kreisbrandmeister bestätigt worden. Auch wenn 21 Wahlberechtigte mit Nein stimmten und sich sechs enthielten: Das Ergebnis bestätigt den Kreisbrandmeister für weitere sechs Jahre in seinem Amt. Im Interview erklärt er, ob Corona auch die Feuerwehr belastet, welche Aufgaben neu anstehen und ob mit Feuerwehr-Fusionen zu rechnen ist. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Mit rund 5000 ehrenamtlichen Einsatzkräften ist die Feuerwehr die mit Abstand größte Hilfsorganisation im Landkreis Diepholz. Wirft die Corona-Krise Schatten auch auf die Feuerwehr?

Es gibt aktuell wohl keinen Bereich, in dem Corona keine Auswirkungen hat. Natürlich hat die Pandemie erheblichen Einfluss auf den Feuerwehr--Alltag. Die Feuerwehr gehört nun ‘mal zur KRITIS (kritische Infrastruktur) und muss natürlich immer einsatzbereit bleiben. Das Innenministerium gibt für die Träger der Feuerwehren Erlasse heraus, die die Einsatzbereitschaft der Feuerwehren regelt. Der letzte Erlass ist vom 30. November. Darin wird aufgeführt, was Feuerwehr noch machen darf und was nicht, was natürlich mit der Kausalität der Inzidenzzahl des jeweiligen Landkreises in Verbindung steht.

Wie ist die Situation im Landkreis Diepholz?

Der Landkreis Diepholz lag noch vor einigen Tagen mit seiner Inzidenzzahl von unter 100 im Vergleich zu anderen Landkreisen in Niedersachsen auf einem guten niedrigen Niveau, aber der Erlass sagt, dass bei einem Inzidenzwert über 50 nur „einsatzerhaltende Maßnahmen“ durchgeführt werden können. Aus- und Weiterbildung fallen da eben noch nicht drunter.    Die Einsatzkräfte müssen mindestens Mund-Nasen-Bedeckung tragen, die Anzahl der Kräfte vor Ort soll möglichst begrenzt werden, eine gesonderte AAO (Alarm- und Ausrückeordnung, Anm. d. Red.) für Einsätze mit Patientenkontakt und eine erweiterte PSA (persönliche Schutzausrüstung, Anm. d. Red.) sind nur einige Auswirkungen auf das aktuelle Feuerwehr-Leben.

Wie hat sich die Zahl der Einsätze im auslaufenden Jahr entwickelt?

Da wir in diesem Jahr bis jetzt von größeren Unwetterlagen verschont geblieben sind und auch die Haupterntezeit nicht von extremer Hitze – anders als in den beiden Jahren zuvor – geprägt war, liegen wir etwas unter dem Niveau von 2018 und 2019. Es sind aber immer noch rund 1 800 Einsätze zu verzeichnen.

Die Einführung des Digitalfunks ist ein Meilenstein für die Feuerwehr, oder?

Ein ganz klares Ja. Es ist ein Mammutprojekt, was nun aber in die finale Phase gelangt. Wir beschäftigen uns bereits seit circa sechs Jahren mit dem Thema. Die eigentliche Projektierung begann allerdings erst 2017.

Es ist eben nicht damit getan, ein neues Funknetz und neue Melder (DME, digitale Meldeempfänger) anzuschaffen und Funkmasten aufzustellen, es musste eine komplett neue Alarm- und Ausrücke-Ordnung erstellt werden. Diese musste wiederum mit dem Landkreis Verden abgestimmt werden, da beide Leitstellen als Redundanz für einander da sind. Hier haben viele Gespräche mit den Kollegen aus Verden und dem begleitenden Ingenieur-Büro stattgefunden. Aber auch die einzelnen Orts-, Gemeinde- und Stadtfeuerwehren haben viel Vorarbeit leisten müssen.

Die neuen digitalen Meldeempfänger sind personifiziert, sodass die individuelle Qualifikation eines jeden Feuerwehrmannes und einer jeden Feuerwehrfrau in der AAO berücksichtigt werden muss. Die Auslieferung ist so gut wie abgeschlossen und dann läuft der Probebetrieb für etwa ein Jahr.

Solange müssen die Kameraden und Kameradinnen eben noch mit beiden Meldern herumlaufen. Im Probebetrieb, wie der Name schon sagt, können noch Dinge, die sich in der praktischen Umsetzung befinden, geändert oder nachgesteuert werden.

Geht die Doppel-Alarmierung auf Kosten der Schnelligkeit?

Nein, darauf haben wir natürlich geachtet, dass das nicht passiert. Es „piept und vibriert“ – nur eben nacheinander, und somit muss jede Einsatzkraft bei zwei Meldern den Einsatz quittieren. Ein Umstand, der keinen überfordert und ja auch temporär ist. Im Übrigen laufen die Sirenen während des gesamten Probezeitraums und bei bestimmten Alarmstufen weiter. Sobald dann der Realbetrieb aufgenommen wird, wird es bei einigen Kommunen leise werden, da die Alarmierung dann ausschließlich über die digitalen Meldeempfänger läuft. Vorteil: Das hält uns die Schaulustigen, zumindest in der ersten Phase, fern.

Kann die Feuerwehr für die Zukunft noch genügend ehrenamtliche Einsatzkräfte gewinnen? Sind die Kinder- und danach die Jugendfeuerwehr sprudelnde Quellen für neue Feuerwehrkräfte, wenn man das so sagen darf?

Zum letzten Teil der Frage: Ja, dem ist so. Ohne die hervorragende Jugendarbeit in den Gemeinden hätten wir deutlich größere Nachwuchssorgen. Nichts destotrotz werden wir langfristig mit weniger Ehrenamtlichen die in der Tendenz steigenden Einsatzzahlen bewältigen müssen.

Ein Grund ist natürlich die Lebens- und Berufsbiografie der jungen Menschen. Sehr viele machen heutzutage Abitur und danach geht es dann oftmals in die „weite Welt“. Ich verurteile das keineswegs, aber das Ergebnis ist eben, dass nur noch ein gewisser Prozentsatz vor Ort bleibt und arbeitet und somit als Einsatzkraft zu Verfügung steht. Es gibt zum Glück auch noch „Quereinsteiger“, die aus dem jugendlichen Alter heraus sind, keine Vorkenntnisse haben und den Weg zu uns finden. Mit ihnen haben wir in der Regel sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie sind mit Ehrgeiz in der Grundausbildung dabei und erzielen auch sehr gute Übungsergebnisse. Davon hätten wir gerne mehr. Aber die Motivation, etwas ehrenamtlich für die Gesellschaft zu tun, ist bei jungen Menschen nicht mehr so vertreten, wie es einmal war.

Wie viele Menschen mit ausländischen Wurzeln sind mittlerweile dabei?

Leider finden wir hier nur vereinzelt Personen, die sich einbringen. Das Land hat seit 2016 aufwendige Kampagnen gestartet, auch in verschiedenen Sprachen, aber der Erfolg ist, soweit ich das von den umliegenden Kreisen höre, nicht nur bei uns eher bescheiden. Ich kann keine genaue Zahl nennen, weil dieses statistisch nicht erfasst wird. Sie ist sicherlich nicht Null, aber ganz dicht daran.

Steht die Feuerwehr vor einem Strukturwandel? Wird es mehr Fusionen von Ortswehren geben?

Ein ganz deutliches Ja. Im Moment geht es bei vielen FBP, also Feuerwehr-Bedarfsplänen, die mir bekannt sind, in diese Richtung. Auch Feuerwehren, die sich ein eigenes zukunftssicheres Konzept erstellen, müssen hier feststellen, dass es ohne Fusionen langfristig nicht mehr geht, die Einsatzbereitschaft 24/7 aufrecht zu erhalten. Jede Fusion ist mir lieber als einen Standort komplett zu verlieren.

Was bedeutet das ganz praktisch?

Der gesetzliche Auftrag ist im Niedersächsischen Brandschutzgesetz definiert und da müssen kommunal Konzepte entwickelt werden, damit dieser Auftrag, nämlich die nicht polizeiliche Gefahrenabwehr, erfüllt wird. Wahrscheinlich müssen die Träger der Feuerwehren, sprich die Kommunen, sich langfristig etwas einfallen lassen, um genügend Einsatzkräfte vor Ort zu behalten. Das Schlimmste wäre eine Pflicht-Feuerwehr. Aber das sehe ich aktuell in unserem Landkreis bei keiner Kommune so.

Gibt es Schwerpunktthemen, die Sie als Kreisbrandmeister in den kommenden sechs Jahren gern umsetzen möchten?

Zurzeit gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema Atemschutzpool beschäftig. Auch ein Riesenprojekt, bei dem viele Interessen und ein nicht unerheblicher finanzieller Aufwand berücksichtigt werden müssen. Der Corona-Lockdown hat uns hier allerdings in 2020 komplett ausgebremst. Wir hoffen, dass wir im nächsten Jahr weiterarbeiten können. Wann? Das wäre Glaskugel- seherei. Dann gibt es Themen, die ergeben sich einfach durch gesetzliche Änderungen – zum Beispiel durch Novellierung des Brandschutzgesetzes oder durch den neuen Erlass für Kreisfeuerwehrbereitschaften in Niedersachsen und das Katastrophenschutzgesetz. Die technischen allgemeinen Weiterentwicklungen wie zum Beispiel E-Mobilität, alternative Antriebe in der Fahrzeugtechnologie und Ähnliches lassen einem wenig Zeit zu verschnaufen. Man sagt: „Nichts ist so beständig wie der Wandel.“ Die Wahrheit in diesem Spruch ist noch nie so deutlich zu spüren gewesen wie in der jetzigen Zeit.

Von Anke Seidel

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