Projekt „Energieplattform Twistringen“

Erneuerbare Energien: Die Spitzen tun weh

Elektroniker Paul Bansner (links) hat sich weder von strömenden Regen noch von langen Leitungs-Wegen davon abhalten lassen, in den Teilnehmer-Haushalten die nötige Technik zu installieren. Auf dem Bild steht er mit Manuela und Mike Ellerhaus vor einem Wechselrichter.
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Elektroniker Paul Bansner (links) ließ sich weder von strömendem Regen noch von langen Leitungs-Wegen davon abhalten, in den Teilnehmer-Haushalten die nötige Technik zu installieren. Auf dem Bild steht er mit Manuela und Mike Ellerhorst vor einem Wechselrichter.

Das von der EU geförderten Projekt „Energieplattform Twistringen“ schreitet voran. Es soll helfen, die Energiewende günstiger und effizienter hinzubekommen.

Abbenhausen – Kaffee kochen, nur wenn die Sonne scheint? Bei Windstille nicht waschen und mit dreckigem Hemd zur Arbeit? Das große Problem mit Solar- und Windenergie ist die Unbeständigkeit. Das Wetter schwankt, und damit auch die Stromproduktion. Waschmaschine, Herd, Kühlschrank und Co. sollen aber stets einsatzbereit sein. „Die Menschen sind nur begrenzt bereit, ihren Energieverbrauch an die Erzeugung anzupassen“, sagte Avacon-Pressesprecher Ralph Montag am Mittwoch bei einer Infoveranstaltung im Dorfgemeinschaftshaus Abbenhausen.

Dabei ging es um die „Energieplattform Twistringen“. In dem von der EU geförderten Projekt erforscht die Avacon das Zusammenspiel von Speicher- und Steuersystemen. Ein Ziel des Ganzen: Vor Ort erzeugter grüner Strom soll auch dann fließen, wenn dicke Wolken am Himmel hängen.

Die Avacon hat kürzlich die fünf am Projekt beteiligten Haushalte – alle verfügen über eine Solaranlage – mit modernen Batteriespeichersystemen ausgestattet (wir berichteten). So auch den Haushalt von Manuela und Mike Ellerhorst. Die beiden hatten schon länger mit einer Solaranlage geliebäugelt. Das Avacon-Projekt gab ihnen den letzten Anstoß, sich Photovoltaikmodule aufs Carport zu packen. Scheint die Sonne oder ist ihr jüngst installierter Speicher gefüllt, verbrauchen sie nun eigenen Strom. Sie freuen sich, dadurch weniger abhängig vom Netz zu sein. „Jetzt, wo man selbst Strom erzeugt, macht man sich auch viel mehr Gedanken um den Verbrauch: Muss die Wäsche gerade jetzt laufen? Oder kann das vielleicht noch ein paar Stunden warten?“, erzählt Manuela Ellerhorst.

Energieplattform Twistringen: Der nächste Schritt

Einer der nächsten Schritte ist, durch einen Algorithmus intelligent zu steuern, wann genau sich die Speicher von Familie Ellerhorst und den anderen freiwilligen Teilnehmern befüllen sollen. Momentan geschieht das, sobald die Solaranlage mehr Strom produziert als im Haus gerade benötigt wird. Ist der Speicher voll, geht die überschüssige Energie ins Netz. Laut Projektleiter Benjamin Petters wäre es oft aber sinniger, den Speicher nicht immer sofort zu befüllen.

Wieso das so ist: Wenn die Sonne vom Himmel knallt, laufen Solaranlagen auf Hochtouren und speisen viel Strom ein. Viel grüne Energie ist im Grunde eine gute Sache. Aber diese Spitzen tun laut Pressesprecher Ralph Montag auch richtig weh – und zwar in finanzieller Hinsicht. Beim Netzausbau. Das hängt damit zusammen, dass die Spitzen nicht ewig anhalten. Montag verdeutlicht: „Man muss leistungsstarke, dicke Leitungen bauen, die die meiste Zeit über nicht gebraucht werden.“ Das sei teuer, und letztlich müssten die Kosten für die Energiewende alle tragen.

Mit einer optimierten Steuerung würden die Speicher an einem sehr sonnigen Tag nicht gleich morgens gefüllt, sondern ein paar Stunden später in der prallen Mittagssonne. Weniger Energie geht dann zu Spitzenzeiten ins Netz. Die „schmerzhaften“ Spitzen sind damit nicht mehr ganz so spitz. Eine Wetterstation soll dem Algorithmus helfen, schlaue Entscheidungen zu treffen.

Unterm Strich sollen die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Energieplattform Twistringen“ also helfen, die Energiewende günstiger und effizienter hinzubekommen. Die Batteriespeicher in den Haushalten sind nur ein Teil des Puzzles.

Schon vor einiger Zeit hat die Avacon einen Großspeicher ans Stromnetz angeschlossen. Er befindet sich im Inneren eines türkisfarbenen Containers an der Straße Meyerhof. Grob vereinfacht macht der Großspeicher das, was auch die kleineren Speicher in den Haushalten machen, allerdings im großen Stil. Überschüsse werden gespeichert, um sie bei Bedarf freizugeben. Im weiteren Verlauf des Projektes will die Avacon die teilnehmenden Haushalte, die aktuell noch separat agieren, an den Großspeicher anschließen. Eine Energiegemeinschaft soll entstehen.

Der Stromnetzbetreiber ist aktuell auch dabei, einen online einsehbaren Energiemonitor für den Ort zu erstellen. „Ziel ist es, in Echtzeit zu sehen: Was passiert in Abbenhausen energietechnisch?“, erklärt Projektleiter Petters. Insgesamt gibt es in der Ortschaft 16 Photovoltaikanlagen. Petters: „Wir haben hier eine sehr hohe Dichte an PV-Anlagen. Wenn eine große Wolke über die Ortschaft zieht, sind alle betroffen.“

Zusammen mit der Einspeisung aus Windenergie ist die lokale Energieerzeugung in Abbenhausen laut Avacon schon heute doppelt so hoch wie der Verbrauch. In einer Pressemitteilung des Unternehmens heißt es: „Der Solarstrom-Zubau wird perspektivisch weiter Fahrt aufnehmen. Der Trend, einen Batteriespeicher mit der eigenen Solarstrom-Anlage zu kombinieren, ebenfalls. Deshalb untersucht Avacon schon heute Netzführungsstrategien für die Energiezukunft.“

Die Energieplattform Twistringen ist Teil des europäischen Forschungsprojektes Platone und auf vier Jahre angelegt. Ob der Großspeicher im türkisfarbenen Container nach Projektabschluss in Abbenhausen stehen bleibt, steht noch nicht fest.

Von Katharina Schmidt

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