Einladung an homosexuelle Paare

Wollen eine Kirche für alle: (v.l.) Ruth Schmedes, Claudia Menzel, Birgit Hosselmann, Andreas Gautier, Jana Wilde, Lena Niehues, Maria Stenner-Dieckmann und Maria Husmann bei der Vorbereitung der Segnungs-Gottesdienste, die Montag um 19 Uhr in Twistringen und Syke beginnen.
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Wollen eine Kirche für alle: (v.l.) Ruth Schmedes, Claudia Menzel, Birgit Hosselmann, Andreas Gautier, Jana Wilde, Lena Niehues, Maria Stenner-Dieckmann und Maria Husmann bei der Vorbereitung der Segnungs-Gottesdienste, die Montag um 19 Uhr in Twistringen und Syke beginnen.

Pastroralreferenten und Laien im Dekanat Twistringen wollen homosexuellen Paaren – wie allen anderen Liebenden auch – den Segen spenden, obwohl ihre Kirche das ablehnt. Deshalb hoffen sie auf viele Teilnehmer an ihren Gottesdiensten für alle liebenden Menschen: Montag um 19 Uhr in den katholischen Kirchen in Twistringen und Syke.

Twistringen/Syke. Jana Wilde, Pastoralreferentin in St. Anna Twistringen, ist schwer enttäuscht: Die katholische Kirche, ihre Kirche, lehnt die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren ab. Mit ihrer Kollegin Birgit Hosselmann sowie weiteren ehrenamtlich Engagierten will sie sich für die Gleichheit aller liebenden Menschen einsetzen. Deshalb gestaltet sie am Montag mit Lena Niehues, ehrenamtlich in der Gemeinde engagiert, um 19 Uhr einen Gottesdienst in St. Anna – für alle liebenden Menschen, die ihre Beziehung segnen lassen möchten.

Will heißen: Für Ehepaare ebenso wie für Verlobte und Paare ohne Trauschein, für Mütter oder Väter und ihre Kinder, für Großeltern und ihre Enkel – und selbstverständlich auch für homosexuelle Paare.

Schätzungsweise 8 000 Betroffene, so hat Dr. Andreas Gautier anhand bundesweiter Zahlen umgerechnet, leben im Dekanat Twistringen, das sich über den Landkreis Diepholz sowie Teile der Kreise Oldenburg und Nienburg erstreckt. Andreas Gautier ist Pastoralreferent der Emmaus-Pfarreiengemeinschaft (Brinkum, Bruchhausen-Vilsen, Hoya, Kirchweyhe, Syke) und gestaltet Montag Abend ebenso einen Segnungs-Gottesdienst um 19 Uhr in der katholischen Kirche zu Syke.

Der Pastoralreferent weiß um die Brisanz des Themas: Gerade solchen Menschen, die im fest gesteckten Rahmen der Kirche Halt und Heimat finden, könnten Veränderungen Angst machen. Aber mit den anderen Akteuren ist er sich einig: „Beziehungen sind grundsätzlich segenswürdig.“ Das enge Muster der katholischen Lehre „passt nicht mehr zu dem, wie heute Beziehungen gelebt werden“.

Dogma der katholischen Kirche bis heute: Eine intime Beziehung ist allein in der Ehe von Mann und Frau erlaubt. Die Akteure meinen: „Das geht an der Lebensrealität vorbei.“ Und sie wissen auch: „Segnen dürfen alle, jeder Getaufte darf das. Es ist eines der niederschwelligsten Dinge, die wir in unserer Kirche haben.“ Sakramente dürfen nur Priester spenden.

„Jede Liebe verdient Gottes Segen!“ Darin sind sich Maria Stenner-Dieckmann, Claudia Menzel, Maria Husmann und Ruth Schmedes einig. Sie gehören der Bewegung Maria 2.0 an. An der St.-Anna-Kirche ist ab morgen um 10 Uhr ein Segensweg geöffnet, der sechs Stationen zum Nachgehen und Innehalten umfasst. An jeder Station finden sich Texte und Impulse.

Mutwillig segnen im Wortsinn, also mit Mut segnen, ist das Herzstück der Aktion. Texte und Lieder des Segenswegs (bis nach dem Gottesdienst am Montag geöffnet) sind sogar per QR-Code abrufbar.

Symbol für die Aktion sind die Farben des Regenbogens, auf einer Flagge vereint. Sie soll auch an den Kirchen in Diepholz und Barnstorf wehen. Dazu gibt es Aufkleber mit einer regenbogenfarbenen Mitra und der Forderung „Change!“, also Veränderung. Außerdem mahnt die Aufschrift einer Karte in Regenbogenfarben: „Mein Gott diskriminiert nicht ... und von meiner Kirche erwarte ich es ebenso!“

Kommentar von Anke Seidel

Es ist untragbar, dass die katholische Kirche gleichgeschlechtlichen Paaren ihren Segen verweigert. Wenn sich Pastoralreferenten und Laien jetzt gegen die diese völlig lebensfremde Haltung wehren, dann ist das ein Segen – nicht nur für betroffene katholische Paare, sondern gleichermaßen für die katholische Kirche selbst.

Denn sie schafft sich gerade selbst ab. Anders ist nicht zu erklären, dass die Zahl der Kirchenaustritte so hoch ist wie nie zuvor. Allein 2019 kehrten 272  771 bundesdeutsche Katholiken ihrer Kirche den Rücken. Davon kamen 5 209 aus dem Bistum Osnabrück, dessen Stärke damit auf rund 547 000 Gläubige sank. Der Abwärtstrend scheint ungebremst.

Befeuert wird er vor allem vom Umgang mit Missbrauchsskandalen und ihren Opfern. Völlig zu Recht fordern auch Katholiken die lückenlose Aufklärung dieser unaussprechlichen Vorgänge in ihrer Kirche – genauso wie die Abschaffung des Zölibates und damit ein selbstbestimmtes Beziehungsleben für Priester. Ganz zu schweigen davon, dass sie in Gewissensnöte geraten, wenn sie auf Weisung ihres Arbeitgebers gleichgeschlechtlichen Paaren den Segen verweigern sollen.

Das ist mit nichts zu rechtfertigen. Denn seit Anbeginn des Glaubens gilt: Gottes Liebe ist allumfassend – und bedingungslos. Will heißen: Gott diskriminiert nicht. Wenn Haupt- und Ehrenamtliche das in ihren Segens- oder Liebes-Gottesdiensten zeigen, ist das ein elementarer Beweis der Glaubwürdigkeit. Genau die muss die katholische Kirche dringend leben, wenn sie überleben will.

Von Anke Seidel

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