Gruppe von freiwilligen Helfern wertet Bach auf

In Rüssen entsteht eine Kinderstube für den Atlantischen Lachs

Freuen sich über die Aufwertung des Baches: (v.l.) Bürgermeister Jens Bley mit den Projektbeteiligten Ralf Gottwald, Jörg Tanger, Toni Gottwald, Tobias Kolhoff, Michael Kache und Michael Kolhoff.
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Freuen sich über die Aufwertung des Baches: (v.l.) Bürgermeister Jens Bley mit den Projektbeteiligten Ralf Gottwald, Jörg Tanger, Toni Gottwald, Tobias Kolhoff, Michael Kache und Michael Kolhoff.

Rüssen – Der Atlantische Lachs scheut keine Strapazen. Er schwimmt sage und schreibe 5 000 bis 6 000 Kilometer zu seinen Laichgebieten, um sich dort zu vermehren. Auf einem Großteil dieses Weges vom Atlantik bis in die Flüsse Europas müssen die Fische gegen die Strömung ankämpfen. Selbst Verletzungen halten sie oftmals nicht auf. Aufgeschlitzte Flossen? Egal, weiter! Für einige Lachse könnte das Ziel dieser beeindruckenden Reise künftig Rüssen heißen.

Eine Gruppe freiwilliger Helfer richtet dort, in einem Teil der Heiligenloher Beeke, Kiesbetten als Laichplätze für den Atlantischen Lachs ein. Die Männer brennen für ihre Sache. Eine Portion Idealismus gehört wohl dazu, um jeden Samstagmorgen voller Elan die Arbeitshandschuhe überzuziehen und durchs Wasser zu waten. Das Bachstück liegt in der Nähe der Essemühle. Die Fläche drumherum gehört Jörg Tanger. Der findet: „Mit welcher Euphorie die hier zugange sind, das ist sagenhaft.“


Diese Euphorie hört man auch heraus, wenn Tobias Kolhoff über das Projekt spricht. Er gehört zu denjenigen, die den Lachsen ein schönes Laichgebiet herrichten. Und ist überzeugt: „Der Bach hat richtig Potenzial. Das kann eine richtig gute Kinderstube werden!“


Die Grundidee hatte Ralf Gottwald. Er kennt die Beeke noch aus seiner Kindheit. Das Gewässer liegt ihm am Herzen. Gottwald, Tobias Kolhoff und Jörg Tanger haben das Bachstück für das Projekt von der Stadt Twistringen gepachtet. Im Rathaus sind sie mit ihrem Vorhaben sofort auf offene Ohren gestoßen. Die Verwaltung half, die nötigen Voraussetzungen zu schaffen.

An der Stelle sei der Einsatz von Anke Schweers hervorzuheben, sagt Bürgermeister Jens Bley. Er bedankt sich bei ihr und der ehrenamtlichen Truppe: „Toll, dass ihr euch dafür einsetzt, wieder Lachse in die Gegend zu kriegen!“

Ob genau in diesem Bach schon einmal Lachse geschwommen sind, dafür fehlt ein Beleg. Verwunderlich wäre es nicht: Früher gab es in Deutschland viele Lachse. Der Rhein galt als bedeutendster Lachsfluss Europas. Laut der Kampagne „Salmon back“ der Umweltschutzorganisation WWF starben die Fische in den 1950ern wegen schlechter Wasserqualität und des Baus von Staudämmen zusehends aus.

Gut zehn Leute packen derzeit in Rüssen mit an. Sie sind zwar Mitglieder in verschiedenen Fischereivereinen, haben sich für das Projekt aber als Privatpersonen zusammengeschlossen. „Wir schlagen keinen Nutzen daraus. Wir dürfen den Lachs nicht fangen, wir dürfen ihn nicht verspeisen“, erklärt Tobias Kolhoff und verweist auf die Schonzeit.

Es gehe darum, etwas für die Natur zu tun. „Wenn wir beginnen, das Gewässer aufzuwerten, werden automatisch auch andere Fischarten und somit die Biodiversität profitieren.“

Vor rund vier Wochen hat die Truppe mit den Arbeiten am Bach begonnen. Sie bekommt dabei Unterstützung von heimischen Landwirten, etwa bei der Beschaffung des Materials. Ziel ist es, im Frühjahr ein paar Tausend Baby-Fische in die Beeke zu setzen. Die sollen zuvor in einer Brutanlage schlüpfen.

Im Bach wachsen die kleinen Brütlinge rund zwei Jahre lang zu sogenannten Smolts heran, bevor sie wie auf Anpfiff über Hunte, Weser und Nordsee in den Atlantik schwimmen. „Da fressen sie sich zwei Jahre richtig Speck auf die Rippen“, erzählt Kolhoff. Anschließend brechen sie wieder zu ihrer Brutstätte auf. Auch wenn’s verrückt klingt: Sie finden den Weg.

Bis sich die aktuellen Mühen in Rüssen auszahlen und die ersten Fische (hoffentlich) zurückkommen, ziehen also noch mindestens vier Jahre ins Land. Ein Prozent kehrt Schätzungen zufolge zurück – wobei sich natürlich nie genau vorhersagen lässt, wie viele Lachse zuvor zum Beispiel von Barsch, Sattelrobbe oder Mensch gefressen werden. Nach der Vermehrung rauschen die Fische schnell wieder gen Atlantik ab. Die Eier bleiben in den Laichgebieten, und der Kreislauf beginnt von Neuem.

Eine natürliche Vermehrung ist aber noch Zukunftsmusik. Zurück in die Gegenwart: Wenn die fischbegeisterte Gruppe derzeit werkelt, lassen sie beispielsweise Steine über eine Art Rutsche ins Wasser purzeln. „Wir schaffen gerade ein Bett, in das Mama und Papa die Brut nachher reinlegen“, verbildlicht Kolhoff. Mit Steinen und kleinen Konstruktionen aus Totholz, sogenannten Strömungslenkern, bringen sie zudem mehr Bewegung ins Wasser – oder wie sie es selbst ausdrücken: Sie bringen es zum Tanzen. Mehr Bewegung bedeutet mehr Sauerstoff, und Sauerstoff bedeutet Leben.

Stück für Stück, Jahr für Jahr wollen die Helfer den Bach weiter aufwerten. „Das ist sauviel Arbeit“, weiß Initiator Ralf Gottwald. „Wir machen das aber gerne.“

Von Katharina Schmidt

Steine purzeln in den Bach. Sie dienen zum Bau der Fisch-Kinderstube in der Heiligenloher Beeke.
Strömungslenker für Bewegung im Wasser.

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