Corona-Folgen: Harsche Kritik von Kita-Erzieherinnen in Twistringen und Heiligenloh

„Ein Schlag ins Gesicht“

Weder Eltern noch andere Besucher dürfen zurzeit in die Kita. Vor der Pusteblume berichten Nadja Eckel (v.l.), Dagmar Beuke-Pölking und Melanie Sieverding über die Situation der ErzieherInnen in den Twistringer Kitas. 
Foto: Theo Wilke
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Weder Eltern noch andere Besucher dürfen zurzeit in die Kita. Vor der Pusteblume berichten Nadja Eckel (v.l.), Dagmar Beuke-Pölking und Melanie Sieverding über die Situation der ErzieherInnen in den Twistringer Kitas. Foto: Theo Wilke
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Twistringen/Heiligenloh – Seit Montag kein Corona-Notbetrieb mehr: Alle Jungen und Mädchen dürfen endlich wieder in ihre Kita. Was natürlich die Eltern am meisten freut, wenn auch zunächst ein eingeschränkter Regelbetrieb läuft. Eltern, Omas und Opas haben aber weiterhin keinen Zutritt. Nach der Ankündigung der Lockerung aus dem Ministerium in Hannover reagierten Erzieherinnen und Erzieher erschreckt und teilweise geschockt in den Tagesstätten auf Twistringer Stadtgebiet.

Und verunsichert seien sie immer noch, weil ihnen niemand sage, wie sie sich selbst optimal vor dem Virus schützen können. Die Kinder kommen ohne Mundschutz. Dem Personal ist das Tragen freigestellt, weil Kitaarbeit von Angesicht zu Angesicht wichtig ist – genau wie die Mimik.

Die Kita-Leitungen beklagen sehr, dass sie die Wertschätzung ihrer Arbeit vermissen. Und sind stinkig auf Kultusminister Grant Hendrik Tonne, weil der Fachkraft-Kind-Schlüssel weiterhin ausgesetzt bleibe. „Das ist das Schlimmste. Das ist für uns alle ein Schlag ins Gesicht“, kritisiert Nadja Eckel. Auf Landes- oder Kreisebene würden die personellen Ressourcen stets nur im Nebensatz erwähnt.

Eckel leitet den Kindergarten Lollypop in Heiligenloh. Die 43 Jungen und Mädchen, davon vier integrative Kinder, sowie 20 Hortkinder werden zeitlich versetzt betreut, erst mal bis zu den Sommerferien. Ab 1. August ist, wie andernorts auch, der normale Kita-Betrieb wieder vorgesehen.

„Wir haben nur einen kleinen Waschraum“, betont Eckel. Da könne man sich vorstellen, wie lange das dauere, wenn die Gruppen getrennt voneinander essen und sich waschen, und nach Absprachen nach draußen dürfen. Der Alltag ist anders strukturiert, auch die Bring- und Holsituation für die Eltern. „Der Vormittag ist durchgetaktet. Aber es ist keine pädagogisch sinnvolle Betreuung und Förderung möglich. Vertretungen aus Krankheitsgründen werden aus den eigenen Reihen abgedeckt“, schildert Eckel.

Erst am 12. Juni habe man einen richtigen Hygieneplan vom Land bekommen, heißt es.

Dagmar Beuke-Pölking ist stellvertretende Leiterin des Kinder- und Familienzentrums Pusteblume der Lebenshilfe an der Vechtaer Straße, mit Waldkindergarten in der Dehmse. Alle 100 Jungen und Mädchen dürfen seit dieser Woche wieder kommen.

Der Wald-Kiga sei ein Thema für sich, so Beuke-Pölking. Sie habe sich vom Kreisgesundheitsamt eine Genehmigung holen müssen. Denn im Wald gibt es kein fließend Wasser, dadurch die Einhaltung der Corona-Hygieneregelungen schwierig. „Das Gesundheitsamt hat zugestimmt, dass die Waldkinder Wasser aus Kanistern nutzen dürfen. „Das geht ganz gut“, sagt Beuke-Pölking.

„Wir sind zum Glück besser aufgestellt. Jede Gruppe hat ihren eigenen Waschraum. Die Kinder werden gut betreut und haben viele Ausweichräume“, erklärt Melanie Sieverding, stellvertretende Leiterin in der St.-Josef-Einrichtung an der Steller Straße. Dies könne sie auch für die Kita St. Marien nebenan und in Marhorst sagen. Allgemein herrsche aber überall eine Verunsicherung bei Kindern und Kita-Beschäftigten, betont Sieverding.

Die Zusammenarbeit und die Unterstützung durch die Stadt habe bislang ganz gut geklappt, meint Dagmar Beuke-Pölking. Und Nadja Eckel weiter: Die Kita-Leitungen hätten sich auf Initiative der Stadt regelmäßig zum Austausch mit Abstand getroffen. „Und um zu erfahren, ob jeder seine Aufgabe mit Herz erfüllt“, so Eckel.

Dagmar Beuke-Pölking unterstreicht, um was es im Grunde geht: Vor zweieinhalb Wochen habe man erfahren, dass am 22.  Juni ein eingeschränkter Regelbetrieb starten sollte. „Wir waren entsetzt und alle etwas geschockt“, schildert die stellvertretende Kita-Leiterin in der Pusteblume.

Von Beginn des Lockdown an, seit März und auch noch im April und Mai seien die Erzieherinnen und Kollegen in keiner Weise von den verantwortlichen Behörden gesehen worden. Nadja Eckels Eindruck: „Kitas werden kaum genannt.“ Die Beschäftigten seien zunächst nicht bei den systemrelevanten Berufen vorgekommen. „Aber wir sollten eine Notbetreuung sicherstellen.“

Beuke-Pölking ist richtig sauer: „Da kann man sehen, wie die Arbeit in den Kitas, Krippen und Horteinrichtungen wertgeschätzt wird – nämlich gar nicht.“

Bei der Aufstellung der Corona-Hygiene-Anordnungen und Leitlinien habe man sich keine Gedanken darüber gemacht, wie sich das Personal schützen sollte. „Wir werden völlig vergessen“, beklagt Beuke-Pölking.

Für die Kitas würden alle paar Wochen neue Verordnungen und Beschränkungen aufgestellt, aber bei Lehrkräften an den Schulen sorge man für Maßnahmen bis zu den Sommerferien. „Wir mussten uns selbst den Kopf machen“, fügt Eckel hinzu, wie es laufen sollte.

Die Kritik gehe klar an den niedersächsischen Kultusminister Grant Hendrik Tonne. „Sehr spät sind wir in die systemrelevanten Berufe aufgenommen worden“, äußert sich auch Melanie Sieverding enttäuscht. ErzieherInnen betreuten jeden Tag Kinder und tragen eine große Verantwortung.“

Bekannt ist, dass laut Minister 20 bis 30 Prozent der Erzieher zur Corona-Risikogruppe gehören. Deshalb hält es Tonne für möglich, nicht ausgebildete Personen behelfsweise zur Betreuung der Kinder heranzuziehen. Dies hat die Kita-Leitungen erschreckt. Nadja Eckel: „Sollten wir uns Hilfskräfte von der Straße holen?“ Auch für Beuke-Pölking und Sieverding „ein Unding“.

Auf die Frage nach den dringendsten Wünschen, erklärt Beuke-Pölking: „Der Personalschlüssel ist eine Katastrophe.“ Aber wenn der nicht ausreiche, könnten eben nicht alle Kinder kommen. Sie wünscht sich, dass die Qualität in den Kitas von oberster Stelle Wert geschätzt wird. „Wir Erzieherinnen sind sehr gefährdet.“ Schullehrkräften würde der Corona-Test angeboten, den Beschäftigten in den Kindertagesstätten nicht. Das sei ungerecht.

Und wenn die Familien im August aus dem Urlaub zurückkehren und gleichzeitig neue Kinder in den Kitas aufgenommen werden, wächst die Sorge vor dem Corona-Virus bei den Erzieherinnen und Kollegen. Nadja Eckel: „Wir wünschen uns, dass wir mit dem versorgt werden, was Sinn macht. Die Krise darf nicht auf unseren Rücken ausgetragen werden.“

Von Theo Wilke

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