Abbenhausen Teil eines europäischen Pilotprojekts / Auf Augenhöhe mit Rom

Dorf erforscht die Energie-Zukunft

Ziehen an einem Strang, auch wenn gebührender Abstand in Corona-Zeiten sein muss: (v.l.) Dr. Stephan Tenge, Bürgermeister Jens Bley, Ortsbürgermeister Bernhard Kunst, Benjamin Petters, Landrat Cord Bockhop und Hermann Karnebogen.
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Ziehen an einem Strang, auch wenn gebührender Abstand in Corona-Zeiten sein muss: (v.l.) Dr. Stephan Tenge, Bürgermeister Jens Bley, Ortsbürgermeister Bernhard Kunst, Benjamin Petters, Landrat Cord Bockhop und Hermann Karnebogen.
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Twistringen-Abbenhausen – Die europäische Energiebranche blickt auf den Twistringer Ortsteil Abbenhausen: Das 650-Seelen-Dorf ist Teil eines internationalen Pilotprojektes, das die Energieversorgung der Zukunft erforscht – auf Augenhöhe mit der Weltmetropole Rom und der griechischen Stadt Mesioga.

Das Ziel ist es, erneuerbare Energien künftig deutlich flexibler und effizienter als bisher zu nutzen. Fakt ist heute: Weil die Aufnahme-Kapazität der Stromnetze begrenzt ist, müssen Windkraftanlagen immer wieder abgeregelt werden. Die Folge: Grüner Strom verpufft, muss aber von den Verbrauchern über das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) bezahlt werden.

Branchenkenner sprechen von Geisterstrom, der aber in der Zukunft dringend in der Steckdose gebraucht wird: „Bis 2050 soll der Anteil der erneuerbaren Energien auf 95 Prozent steigen“, erläutert Dr. Stephan Tenge, Technikvorstand bei Avacon, das erklärte Ziel der Bundesregierung. Avacon habe aber schon heute eine Grünstromquote von 180 Prozent.

Das Projekt in Abbenhausen bezeichnete Tenge am Donnerstag während der Präsentation bei Avacon in Syke als „Speerspitze der Forschung in Europa“. Was mit welchen technischen Mitteln erprobt wird, erklärte Benjamin Petters als Referent für intelligente Stromnetze bei Avacon. Bis 2023 läuft das Modell unter dem Namen Platone und im Auftrag der Europäischen Kommission. 13 Projektpartner sind dabei, darunter drei Netzbetreiber.

Platone setzt auf eine ganz neue Strategie: nicht auf eine überregionale Versorgung, sondern bewusst auf Energiegemeinschaften. Dafür, so sind sich Fachleute einig, ist der ländlich geprägte Ort bestens geeignet. Denn in diesem Bereich produzieren nicht nur Windkraftanlagen Strom, sondern in zahlreichen Haushalten ebenso Fotovoltaikanlagen und Wärmepumpen. Genauso gebe es dort Batteriespeicher.

In Abbenhausen übersteigt die Produktion erneuerbarer Energien den Verbrauch deutlich. 200 Kilowattstunden (kWh) Leistung hat Avacon dort gemessen – bei einem Verbrauch von 50 kWh in der Spitze, so Benjamin Petters. Erster Schritt des Pilotprojekts ist die Bildung der Energiegemeinschaften – Haushalte, die an ein gemeinsames Stromverteilernetz angeschlossen werden und daraus ihren ganz individuellen Bedarf decken: Sei es das Aufladen des hauseigenen Batteriespeichers, das Betreiben der Elektroheizung oder der Ladestation für das Auto.

Ein Großbatteriespeicher in Containergröße (Speicherkapazität: 600 kWh), gekoppelt mit einem speziellen Mess- und Steuerungssystem, ist das Herzstück dieser Insellösung. Er speichert Energie-Überschüsse. Eine intelligente Ortsnetzstation regelt die Spannung. Zum System gehören genauso das Flexibilitätsmanagement und ein lokales Monitoring.

Auf diese Weise sollen die Stromverteilnetze nicht nur effizienter gestaltet werden. Genauso sollen die Voraussetzungen für eine regionale Wertschöpfung entstehen – und vor allem Klimaneutralität geschaffen werden.

Kostenlos erhalten die teilnehmenden Bürger in Abbenhausen Messgeräte für die Stromerzeugung sowie den Verbrauch. Avacon bietet ihnen ein Finanzierungsmodell für Batterie-Haushaltsspeicher. Der Feldtest soll im März 2021 beginnen, das Projekt im August 2023 enden.

Landrat Cord Bockhop freute sich über die Chance, bei einem internationalen Forschungsprojekt dabei zu sein. Warum es sinnvoll und notwendig ist, begründete der Landrat so: „Wir bezahlen Geld dafür, dass wir Energie ins Ausland liefern können. Und dann kaufen wir Strom teuer zurück, weil wir ihn nicht speichern können.“ Cord Bockhop warb mit Nachdruck für ein Umdenken: „Wir haben eine andere Verantwortung. Und wir wollen klein denken!“ Twistringens Bürgermeister Jens Bley sprach von einem klimafreundlichen System für Strom: „Es ist sehr sinnvoll, den Strom vor Ort zu verbrauchen.“ Er wünschte sich deshalb Akzeptanz für das Projekt. Abbenhausens Ortsbürgermeister Bernhard Kunst zeigte sich zuversichtlich, dass sich zahlreiche Bürger daran beteiligen: „Da besteht ein hohes Interesse.“

Von Hermann Karnebogen als Avacon-Kommunalreferent war zu erfahren, dass die Ausschreibung für den Batteriespeicher bereits abgeschlossen ist. Liefern wird ihn demnach das Rolls-Royce-Unternehmen MTU. Mit dem regelbaren Ortstrafo arbeitet Avacon Netz längst in der Praxis. Das erste Modell war bereits 2010 in Siedenburg eingesetzt worden.

Von Anke Seidel

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