Interview mit Twistringer Bürgermeister Jens Bley

Die schönste Nachricht: Zentralklinik

Wünscht sich für 2021 mehr Normalität: Bürgermeister Jens Bley.
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Wünscht sich für 2021 mehr Normalität: Bürgermeister Jens Bley.

Twistringen – 2020 ist vorbei. Was war für Twistringen wichtig, und was steht für 2021 an? Darüber spricht Bürgermeister Jens Bley im Interview. Die Fragen stellte Katharina Schmidt.

Herr Bley, wie haben Sie 2020 empfunden?

Das Jahr 2020 war für mich in zweierlei Hinsicht besonders. Zum einen war es ja eigentlich mein erstes richtiges Bürgermeisterjahr, weil es das erste Jahr ist, in dem ich von Anfang an im Amt war. Zum anderen hat es natürlich mit dem Aufkommen der Coronakrise im März eine besondere Wendung genommen.

Was waren in Ihren Augen die wichtigsten Ereignisse für die Stadt Twistringen?

In 2020 haben wir durchaus ein paar Projekte bewegt, zum Beispiel im Bereich der Pflege. In Heiligenloh entsteht die Senioren-WG mit integrierter Tagespflege. Das Thema wird aber auch an anderer Stelle weiterbewegt. Die katholische Kirche ist im Begriff, dort tätig zu werden, ebenso wie ein weiterer Betreiber, der eine Baugenehmigung für eine stationäre Pflegeeinrichtung an der Steller Straße erhalten hat. Dementsprechend sind wir da ganz gut unterwegs.

Ein schönes Projekt ist auch der Erweiterungsbau der Grundschule. Meines Erachtens ist das ein schönes Gebäude, das sich gut in das städtische Bild einfügt. Es ist mir wichtig, unseren Kindern so etwas dargeben zu können. Und wenn man gute Betreuungs- und Bildungsmöglichkeiten hat, ist das auch ein Imagefaktor für die Stadt. Da sehen wir uns auf einem sehr guten Weg. Die Haupt- und Realschule wird vom Landkreis modernisiert. Und beim Gymnasium haben wir bereits bauseits auf G9 umgestellt. Hier hat die Schulleitung wie auch das Bistum Osnabrück sehr stark unterstützt. In 2021 soll das Außengelände und die Parkplätze umgestaltet werden.

Das nächste Baugebiet, das ausgewiesen und vermarktet wird, liegt an der Werner-von-Siemens-Straße. Der Bedarf an Wohnraum ist gegeben, das merken wir immer wieder. Und wir merken, dass viele Investoren unterwegs sind und Mehrfamilienhäuser errichten, was wiederum auch wichtig für die Stadt ist. Der Bedarf an Ein-, Zwei- oder Dreizimmerwohnungen ist durchaus vorhanden, und wir müssen schauen, dass wir diesen Bedarf auch decken und nicht nur in Einfamilienhäusern denken.

Außerdem sind wir dabei, weitere Baumöglichkeiten in Stelle und Abbenhausen zu realisieren. In Randbereichen ist es aufgrund der Raumordnung nicht immer einfach, Neubaugebiete zu schaffen. Was wir dort ausweisen, dient in erster Linie der Eigenentwicklung der Dörfer.

Dann ist der Landkreis gerade dabei, die Sporthalle an der Hohen Straße zu sanieren. Parallel sind wir mit den Planungen für die neue Halle an der Bahnhofstraße vorangekommen. Es ist ja die Idee gereift, dort die Bibliothek zu integrieren. Zurzeit befindet sich diese in einem Mietobjekt. Wenn wir an der Bahnhofstraße Eigentum  schaffen, müssen wir uns nicht in ein paar Jahren die Frage stellen: Wie geht es da weiter? Und wir wollen der Bahnhofstraße mehr Leben einhauchen. Die Nähe zur Schule wäre passend. Wir können uns auch weitere Kooperationen in diesem Zusammenhang vorstellen, zum Beispiel mit anderen Bildungsträgern. Es ist auch angedacht, einen Multifunktionsraum zu errichten. Wie versprechen uns einen Ort, der Bildung, Bewegung und Kultur verbindet.

Auch die Sanierung des Schwimmparks hat uns beschäftigt. Aber die schönste Nachricht, die wir 2020 erhalten haben, war sicherlich der Zuschlag für den Zentralklinikstandort. Das hat uns sehr gefreut, weil unsererseits sehr, sehr viel Arbeit in dieses Projekt geflossen ist.

Wie ist der aktuelle Stand bei der Zentralklinik?

Wir warten derzeit noch auf die Auswertung der ganzen Gutachten, die erforderlich sind, um das Planverfahren weiter voranzutreiben und in naher Zukunft in die frühzeitige Beteiligung zu gehen. Das Klinikum ist aus unserer Sicht für Twistringen ein großer Gewinn. Damit wird sicher eine sehr gute städtische Entwicklung einhergehen.

Ein paar Projekte für 2021 haben sie schon angesprochen. Was werden weitere wichtige Themen sein?

Wir sind dabei, den Bau des Kindergartens an der Werner-von-Siemens-Straße weiter umzusetzen. Am Jahresende sind die Arbeiten für die Bodenplatte erfolgt. Wir müssen im Mai 2022 fertig sein, um alles abrechnungsfähig zu machen, daher wird 2021, was diesen Bau anbetrifft, uns fordern. Wenn der Kindergarten steht, können die Kinder, die jetzt übergangsweise in den Mobilbauten in Scharrendorf untergebracht sind, in den Neubau. Und wir haben möglicherweise die Chance, wenn dann noch Plätze zur Verfügung stehen, über einen Betriebskindergarten nachzudenken, in den ortsfremde Mitarbeiter von Twistringer Unternehmen ihre Kinder bringen können. Das können wir aber nur machen, das muss ich ganz klar betonen, wenn der Bedarf ansonsten gedeckt ist.

Wie bereits angesprochen werden wir uns auch weiter mit G9 und den Sporthallen auseinandersetzen. Der Schulsport muss aufgefangen werden, und natürlich auch der Vereinssport. Die ächzen unter den aktuellen Bedingungen. Uns fehlt eine komplette Halle. Von daher müssen wir zusehen, dass wir da in die Umsetzung kommen.

Ein Alleinstellungsmerkmal für Twistringen könnte die Tongrube werden, für die sich der Heimat- und Bürgerverein stark eingesetzt hat. Bei der Grube an der Ziegelei kann man per Hand, mit einem kleinen Löffel, nach Fossilien graben. Das bedingt, dass wir den Teich abpumpen müssten. Da sind wir gerade unterwegs mit einem Artenschutzgutachten, um zu schauen: Kann man das dort in dieser Art und Weise machen? Gleichzeitig haben wir einen Förderantrag gestellt. Wenn das da gelingt, wäre das etwas Einzigartiges. Das nächste vergleichbare Projekt gibt es in Dänemark.

Bauplantechnisch sind wir mit einem Thema unterwegs, das man Neuordnung der Wohnbebauung im Flächennutzungsplan nennt. Es geht darum, sich in der Stadt und den Ortschaften zu orientieren: Wo wollen wir noch Wohnbebauung realisieren? Gleichzeitig müssen wir uns fragen: Sind die Flächen, die wir bereits dafür ausgewiesen haben, dort noch richtig? Da spielen zum Beispiel Emissionsbelastungen eine Rolle. Möglicherweise werden wir uns in dem Zuge noch einmal mit Windenergie auseinandersetzen. Es gibt immer neue Anforderungen, und die Anlagen werden immer größer. Ein neues Gesetz, die EEG-Novelle, sagt sinngemäß aus, dass man Windenergie befürworten soll, und das wollen wir auch. Aber wie wollen es natürlich sortieren und müssen gucken, ob das mit unserem jetzigen Flächennutzungsplan übereingeht. Vielleicht müssen wir versuchen, neue Gebiete herauszukristallisieren.

Ein weiteres Thema ist der Bahnhof. Es gab immer mal die Idee, dort sichere Fahrradabstellmöglichkeiten zu schaffen. Diesbezüglich sind wir jetzt mit der Bahn in sehr guten Gesprächen. Wir hoffen, eine Förderung für dieses Projekt zu erhalten.

Stichwort Klimaschutz –was tut sich dort noch?

Das Thema ist mir sehr wichtig, und es erlangt im allgemeinpolitischen Umfeld immer mehr an Bedeutung. Im Stadtrat haben wir einem Antrag zum Upgrade des Klimaschutzkonzeptes, welches wir mit Bassum ins Leben gerufen haben, einstimmig zugestimmt. In dem Zusammenhang, und das freut mich sehr, sind wir mit ein paar Akteuren dabei, eine ehrenamtliche Klimaschutzgruppe aufzubauen. Wir können uns auch einen Klimaschutzmanager vorstellen, der das Thema hauptamtlich begleitet. Das werden wir in die Haushaltsberatungen einbringen.

Twistringen ist verschuldet. Wie hat sich die Situation 2020 entwickelt?

Wir haben mittlerweile 22 Millionen Euro Schulden. Es ist also ein Schuldenzuwachs, der zu verzeichnen ist. Der resultiert natürlich sehr stark aus den ganzen Maßnahmen. Der Grundschulbau hat viel Geld gekostet, und auch die Kita an der Werner-von-Siemens-Straße ist relativ teuer, das sind große Investitionsbrocken. Jetzt kommt noch der Bau der Sporthalle hinzu. Deswegen sind die Schulden nach oben gegangen. Wenn ich die Investitionen ausklammerer und nur die Coronasituation angucke, kann ich sagen: Da sind wir einigermaßen gut davon gekommen. Das liegt zum einen daran, dass wir eine breit gefächerte Unternehmenslandschaft haben. Gleichzeitig konnte die Belastung, die wir durch Corona hatten, durch die Hilfe vom Land gut abgefedert werden. Die große Frage wird sein: Wir geht es 2021 weiter? Sollten manche Unternehmen dann erst die Folgen der Krise spüren, wird es sich das bei den Gewerbesteuern bemerkbar machen. Dann wird die Frage sein: Stehen weitere Hilfen im Raum?

Wie stark war der Gewerbesteuerverlust 2020?

Wir haben einen Verlust von ungefähr 300 000 Euro. Aber der ist nahtlos kompensiert durch die Hilfen vom Land.

In einem früheren Interview haben Sie gesagt, Bürgermeister sei Ihr Traumberuf. Sehen sie das nach mehr als 500 Tagen im Amt noch immer so?

Da sage ich sehr deutlich: Ja! Es ist selbstverständlich ein intensiver Job, das merkt man auch an der Zeit, die ich mit diesem Amt verbringe. Aber mein Gradmesser ist eigentlich immer meine Familie. Die sagen, dass ich trotz dieser intensiven Zeit, die ich im Rathaus oder auch bei den Sitzungen verbringe, zufrieden wirke. Ich hab seinerzeit viel darüber nachgedacht, ob es die richtige Entscheidung ist, mein damals sicheres Arbeitsverhältnis aufzukündigen für das Amt des Bürgermeisters, das nicht unbedingt von Sicherheit geprägt ist. Im Nachgang betrachtet bin ich sehr froh, diesen Weg gewählt zu haben. Mir macht es Spaß, und man merkt, dass man gemeinsam mit unserem politischen Raum Sachen bewegen kann. Und das ist das Entscheidende – dass wir gemeinsam sagen können: Da entwickelt sich was.

Was wünschen sie sich für 2021?

Ich wünsche mir, dass wir eine unbekümmertere Zeit haben. Dass wir nicht mehr mit diesen furchtbaren Einschränkungen leben müssen und ein normales Leben zurückerhalten. Mir fehlt es schon, Leuten einfach mal die Hand zu geben oder auf einer Veranstaltung mit mehreren Menschen zusammen zu sein. Und von Berufswegen her ist natürlich mein großer Wunsch, dass wir das Zentralkrankenhaus umsetzen können.

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