Von Hand aufgezogen

Ein kleiner Rabauke: Die zahme Krähe Einstein

Ganz schön neugierig, dieser Einstein. Auf dem Bild ist er noch jünger.
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Ganz schön neugierig, dieser Einstein. Auf dem Bild ist er noch jünger.

In Twistringen lebt eine ungewöhnliche Krähe. Ihr Name ist Einstein. Auch wenn Einstein gerne mit Artgenossen Zeit verbringt – der Rabenvogel kommt immer wieder zu Jessica Seebach zurück. Die Twistringerin hat ihn von Hand aufgezogen und ins Herz geschlossen. Dabei ist ihr „Steini“ manchmal ein kleiner Rabauke.

Twistringen – Einstein hockt auf einer Stuhllehne und lugt neugierig umher. Die Frau mit Kamera, Notizblock und Stift scheint ihm noch nicht ganz geheuer zu sein. Rarck, Argh, Rarck – der Rabenvogel gibt ein paar Krächzlaute von sich, dann widmet er seine Aufmerksamkeit einer Nuss.

„Ich habe ihm am 17. Juni gefunden“, beginnt Jessica Seebach zu erzählen. Einstein, damals noch ganz klein, lag alleine und geschwächt in der Nähe des Denkmals am Twistringer Sportplatz. In jenen Tagen war es sehr windig gewesen, vielleicht ist er aus dem Nest geweht. „Es ist tatsächlich auch so, dass Krähen ihre Jungen manchmal aus dem Nest schubsen und sie dann noch weiter versorgen. Aber es war so heiß, und er hing schon richtig in den Seilen. Er brauchte dringend Wasser“, so Jessica Seebach.

Sie nahm ihn mit nach Hause und päppelte ihn auf. Ein paar Stunden später wollte sie versuchen, ihn zurück zum Denkmal bringen. Dabei fand sie einen weiteren, noch schwächeren Vogel. Letzten Endes saß sie dann mit zwei kleinen Krähen zu Hause. „Ich hab bei einer Auffangstation in Vechta angerufen. Die Frau erklärte mir, dass sie sowas nicht mehr mache. Aber sie meinte, das sei gar nicht so schwer, und ich könne es ruhig selber versuchen.“

Schwupps, da hatte sie neben ihren beiden Töchtern Isabel (12) und Anna Lena (10) noch zwei Krähenkinder: Albert und Einstein. „Die beiden haben von alleine nichts gefressen, wir mussten sie füttern“, sagt die 34-Jährige. „Nachts haben sie durchgeschlafen. Morgens haben sie sich dann gleich lautstark gemeldet.“ Frühstückszeit! Jessica Seebachs Mutter half, die Jungvögel zu umsorgen.

Ein Lieblingsplatz ...
... ist auf der Schulter.

Albert, von vornherein der Schwächere von beiden, starb. Einstein hingegen wurde immer munterer. „Irgendwann fing er an, herumzuflattern – und Quatsch zu machen.“ Jessica Seebach erzählt grinsend, wie er zum Beispiel Nüsse in der Wohnung versteckte. „Und er hat natürlich angefangen, alles einzudrecken. Deswegen haben wir hier alles abgedeckt.“

Decken liegen auf dem Sofa im Wohnzimmer, über den Stühlen hängen Handtücher. So eine Krähe ist eben nicht stubenrein. Aber das nimmt Jessica Seebach für ihren „Steini“ in Kauf.

Sie hat ihn richtig ins Herz geschlossen. Beobachtet man die beiden, gewinnt man den Eindruck, das beruht auf Gegenseitigkeit. Nachdem Einstein sich daran gewöhnt hat, dass da die Frau von der Zeitung auf dem Sofa sitzt, fliegt er quer durch den Raum zu seiner Ersatzmama. Jessica Seebach streckt den Arm aus und der Vogel hält sich daran fest. Die Twistringerin streicht ihn über den Schnabel, er buckt etwas an. „Zuerst hat er mir die Arme zerkratzt. Aber er hat recht schnell gelernt, wie er sich festhalten muss, damit er mir nicht wehtut“, erinnert sie sich. „Wenn wir hier fernsehen, kommt er auch manchmal angeflogen und legt sich zu uns hin.“ Oft sei Einstein ganz verkuschelt, hin und wieder würden sie und der Vogel richtig herumalbern.

Einstein (Mitte) mit (v.l.) Anna Lena, Jessica und Isabel.

Um der Krähe das Fliegen beizubringen, stand sie im Garten und wedelte demonstrativ mit dem Armen. „Das musste ich aber nicht oft machen.“ Einstein wurde schnell flügge. „Irgendwann fing es an, dass er auch mal über Nacht wegblieb, oder sogar ein paar Tage lang.“ Der Rabenvogel kehrte aber stets zurück. Ab und zu sehen Jessica Seebach und ihre Töchter Einstein mit anderen Krähen. „Die haben ihn auch schon nach Hause gebracht. Wir glauben, dass es seine Familie ist.“

Mhhhh, Futter!

Einstein ist buchstäblich frei wie ein Vogel. Er ist immer bei Familie Seebach willkommen. Ihn hält aber niemand auf, wenn er vom Balkon aus wegflattert. „Er ist auch ein wildes Tier, er gehört raus“, so Jessica Seebach.

Auf der Stuhllehne schläft es sich gut

Nachts bevorzug die Krähe meistens die warme Stube. Am liebsten schläft er auf einer Stuhllehne. Auch der Kratzbaum gehört zu seinen Lieblingsplätzen. Von dem Pflanzen auf dem Fensterbrett hält er dagegen nicht allzu viel, da mussten schon welche dran glauben.

Auf Einsteins Speiseplan stehen unter anderem getrocknete Insekten und Tatar, frisch vom Schlachter. „Rührei mache ich ihm auch öfters, mit Honig oder Ahornsirup.“ Darüber hinaus gibt’s für Einstein Mineralstein, Vitamintropfen, Körner, Nüsse und Obst. Nektarinen mag er besonders.

Die Twistringerin hatte zuvor nichts mit der Vogelaufzucht am Hut. Sie hat sich da so reingefuchst, mit Videos und Texten zum Thema. Tierlieb war sie aber schon immer. Sie und ihre Töchter haben vier Kaninchen, vier Meerschweinchen und zwei Kater. Und nun eben noch Einstein, dessen Markenzeichen ein paar weiße Federn unterm Schnabel sind.

Der Vogel leistet Jessica Seebach zum Beispiel auch beim Wäscheaufhängen im Garten Gesellschaft. Dadurch kam es im Übrigen, dass ein Passant auf die zahme Krähe aufmerksam wurde – und so letztlich die Kreiszeitung.

Einstein planscht gern.

Die Krähe ist der Star auf zahlreichen Videos der Familie Seebach. Die Aufnahmen zeigen Einstein, wie er im Wasser planscht. Einstein, wie der das Foto einer Cousine ankräht. Oder Einstein, wie er morgens verschlafen lustige Geräusche macht – dabei klingt er laut Isabel ein bisschen wie ein Babydinosaurier. Die Zwölfjährige hat seine Geschichte sogar aufgeschrieben. Unvergessen: Das eine Mal, als Einstein aus Panik vor einer elektrischen Heckenschere wegflog, und sie ihn erst Tage später wiederfanden. „Ich konnte mein Glück kaum fassen!“, heißt es in Isabels Zeilen über das Wiedersehen.

Laut Jessica Seebach sind Krähen nach zwei Jahren geschlechtsreif. „Vielleicht findet er dann einen Partner“, überlegt sie. So schön es mit Steinchen auch ist – Anna Lena verdeutlicht: „Wir wollen erreichen, dass er da leben kann, wo er hingehört.“

Von Katharina Schmidt

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