Christ sein in Palästina: Gastreferentin Khadra Zreineh hält beeindruckenden Vortrag im Pfarrzentrum

„Deutschland hat mir gezeigt, dass keine Mauer ewig steht“

Die palästinensische Christin Khadra Zreineh konnte sich der Aufmerksamkeit des Publikums sicher sein. - Foto: Nölker

TWISTRINGEN - Mucksmäuschenstill war es, als die palästinensische Christin Khadra Zreineh am Mittwochabend im Twistringer Pfarrzentrum über ihr Leben im Heiligen Land berichtete. Die Zuhörer erfuhren mitunter Dinge, die schon lange aus den Nachrichten verschwunden sind. In ihrem einprägsamen Referat sprach die in Deutschland geborene und aufgewachsene Christin über die tägliche Angst, über persönliche Erlebnisse – und warum sie Palästina nicht den Rücken kehrt, sondern lieber vor Ort Friedensarbeit leistet.

1963 in Engelskirchen bei Bonn geboren, wächst sie im zwar zweigeteilten, aber dennoch behüteten Deutschland auf. Die Familie sei jedes Jahr in den Ferien nach Palästina gefahren, aber „eben nur in den Urlaub“. Bis ihr Vater 1978 während eines Heimatbesuchs beschließt, dass die Familie dort bleiben soll. „Das habe ich meinem Vater sehr übel genommen“, so die vierfache Mutter. „Ich wollte in Deutschland Kinderärztin werden, war nicht einmal von der Schule abgemeldet.“

Heute sei sie stolz, Palästinenserin zu sein; sie führt Besuchergruppen aus aller Welt durch Bethlehem und erzählt von ihrem Einsatz für Frieden im Heiligen Land. „Doch meine Heimat ist Deutschland.“

Khadra Zreineh lebt mit ihrer Familie, Ehemann Bassem, vier Kindern und vier Enkelkindern in Bethlehem. Sie erlebte alle Schrecken der ersten Intifada und des Golfkriegs und ab 2002 den Bau der Mauer.

Das 6 000 Quadratkilometer große Palästina, in dem knapp fünf Millionen Menschen leben, wird von einer neun Meter hohen, zurzeit 410 Kilometer langen Mauer umgeben. „Es sollen am Ende 750 Kilometer werden.“

Nach dem Fall der Mauer in Deutschland schrie die Welt „Nie wieder eine Mauer!“, doch Zreineh fragt sich, ob das nur für Deutschland gelte. „Wann verstehen die Menschen endlich, dass Mauern und Krieg keinen Frieden bringen?“. Aber ihr Glaube sei stärker als die Angst. „Deutschland hat mir gezeigt, dass keine Mauer ewig steht.“ Nur die Mauern in den Köpfen von Politikern und Extremisten auf beiden Seiten könne man nicht so einfach einreißen.

„Wir Christen in Palästina haben außer der Politik noch ein anderes Problem“, klärt sie auf. Man sitze zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite seien die Juden, auf der anderen die Muslime. Die Christen wären eine Minderheit geworden. Dabei war deren Anteil früher einmal 85 Prozent gewesen. Doch wer könne, wandere nach Europa und vor allem Deutschland aus. Sie nicht, obwohl sie es könnte, doch ihr sei es wichtig, Friedensarbeit zu leisten. Deshalb reist sie durch Deutschland und hält Vorträge.

„Unser Haus ist für alle offen“, ob Christen, Juden, Muslime oder Atheisten. „Palästinenser hassen keine Juden, denn jeder hat mindestens einen Freund auf der anderen Seite der Mauer.“ Doch würden die Israelis sich strafbar machen, wenn sie Freunde in Palästina besuchen. „2000 Jahre lang lebten wir friedlich zusammen, warum sollten wir das nicht auch jetzt können?“ Doch die Mauern in den Köpfen der Verantwortlichen seien zu hoch. „Es muss politische Hilfe von außen kommen, wir schaffen es nicht allein.“

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