Der Krimi als Röntgenbild der Gesellschaft

Bestseller-Autor Klaus-Peter Wolf im Interview

Bestseller-Autor Klaus-Peter Wolf. Seine neuesten Werke sind „Rupert Undercover“ und „Ostfriesenzorn“.
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Bestseller-Autor Klaus-Peter Wolf. Seine neuesten Werke sind „Rupert Undercover“ und „Ostfriesenzorn“.

Der Bestseller-Autor Klaus-Peter-Wolf kommt nach Twistringen. Wir haben den Schöpfer der Ostfriesenkrimis in einem Interview gefragt, ob er schon mal in der Gegend war, was ihn inspiriert und wieso er gerne auch mal ein Bilderbuch in die Hand nimmt. Außerdem spricht er von seinen ersten Schritten als Schriftsteller und seinem größten Fehler als Autor.

Twistringen – Seine letzten elf Kriminalromane stiegen von Null auf Platz eins in die Spiegel-Bestsellerliste ein. Klaus-Peter Wolf, vor allem bekannt durch seine Ostfriesenkrimis, hat schon mehr als 13 Millionen Bücher verkauft. Zuletzt kamen „Ostfriesenzorn“ und „Rupert Undercover“ auf den Markt. Wolfs Lesungen sind meistens innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. So verwundert es nicht, dass auch die Karten für seinen Besuch am 10. November in der Twistringer Stadtbücherei schnell vergriffen waren.

Herr Wolf, Wegen Corona mussten Sie 64 ausverkaufte Lesungen absagen. Wie ist es, jetzt wieder unter die Leute zu kommen?

Ich gestehe, als ich zum ersten Mal wieder auf der Bühne war, hatte ich ein bisschen Angst und dachte: Wie hast du das eigentlich immer gemacht? Wie ist dir das gelungen, dass sie dir die ganze Zeit zuhören? Jetzt ist es aber wieder so wie vorher, und es macht mich sehr glücklich. Ich hab diesen Fankontakt immer sehr gebraucht.

Waren Sie schon mal in Twistringen?

Ich war dort einmal und hab an einer Schule eine Lesung gemacht. Das ist aber schon ein paar Jahre her.

Eigentlich wollte ich jetzt fragen, was hier gute Schauplätze für einen Krimimord sein könnten, aber wenn Sie nur an einer Schule waren ...

(lacht) Nein, die würde ich nicht unbedingt wählen. Aber tatsächlich habe ich die Orte, die in meinen Romanen vorkommen, vorher immer bereist – viele davon auf Lesereisen. In Ganderkesee hatte ich zum Beispiel eine Lesung in der Stadtbibliothek. Danach musste ich eine Entführung schreiben, und hatte direkt eine Ecke vor der Bibliothek im Kopf, gegenüber des Bahnhofs. Ich hab das fertige Buch später auch in Ganderkesee vorgestellt. Einigen war auf dem Weg vom Auto ganz komisch ... Also wer weiß, vielleicht wird Twistringen ja irgendwann in einem Buch mitspielen.

Wieso eigentlich Krimis? Wieso müssen immer Menschen umkommen?

Der große Gesellschaftsroman unserer Zeit ist der Kriminalroman. Darin kann ich in Abgründe der menschlichen Seele gucken. Die Suche nach Gerechtigkeit, die meine ostfriesische Polizeitruppe macht, entspricht einer tiefen Sehnsucht der Menschen in einer Welt, in der sie zunehmend Ungerechtigkeit sehen, erleben und empfinden. Ein guter Kriminalroman wirft zudem ein klares, analytisches Licht auf Situationen. Ich hab viel mit Polizisten gesprochen und engen Kontakt zur Kripo. Bei meinem Buch „Rupert Undercover“ geht es zum Beispiel um das illegale Geld, das in Europa verdient wird, mit Drogen, Waffenhandel, illegaler Prostitution und Menschenhandel. Das sind Milliarden, viel mehr als der Landesetat von Niedersachsen. Dieses Geld wird in der Realwirtschaft angelegt. Das heißt: Kriminelle Banden bekommen Einfluss in der Gesellschaft, indem sie sich in Dax-Unternehmen einkaufen, indem sie Restaurantketten kaufen, Immobilien, Zeitungen. Diese Problematik fasst im Moment noch keine Regierung in Europa richtig an. Aber das Bewusstsein dafür greift langsam um sich. Und von so etwas erzähle ich.

Lesen Sie zu Ihrer eigenen Entspannung auch Krimis?

Ich selber, so komisch das klingt, liebe und sammle Bilderbücher. Natürlich lese ich aber auch viel Kriminalromane. Dostojewski und Tolstoi sind für mich große Schriftsteller, die ich immer wieder gerne lese. In meinen Büchern spielt Literatur stets eine große Rolle. Mein Kommissar Frank Weller zitiert oft Dürrenmatt, und Serienkiller Dr. Sommerfeldt liebt die russische Literatur. Kommissarin Ann Kathrin Klaasen sammelt Bilderbücher.

Was ist Ihr Lieblings-Bilderbuch?

„Die Träne des Einhorns“. In dem Buch gibt es ein Monster, das von den Tränen der Menschen genährt wird. Ein junger Ritter und ein Einhorn beginnen den Kampf gegen dieses Monster. Eine wunderbare Geschichte. Bilderbücher sind eine sehr unterschätzte Literaturform. Würde Goethe seinen Zauberlehrling heute schreiben, was wäre das? Ein Bilderbuch. Und die große Literaturkritik würde es übersehen, weil sie sich mit so was „Trivialem“ nicht befasst.

Zurück zu Ihren Werken: In „Ostfriesenzorn“ taucht eine komplexe moralische Frage auf: Sollte man einen Mörder freilassen, um einen anderen zu schnappen? Was hat sie dazu inspiriert?

Bei mir gibt es nicht einfach um Recht und Unrecht und Richtig und Falsch. Manchmal kann das Böse etwas Gute gebären und das Gute, indem man es tun will, etwas Böses. Eine alte Shakespearesche Frage, wenn Sie so wollen. Leser werden zwischen den Zeilen vor die Frage gestellt: Wie würdest du dich entscheiden? 

In einem Ihrer Bücher werden Menschen lebendig eingemauert. Wie kommt man auf solche Ideen?

Mal ist es gruselig, aber aus dem Grusel gebiert dann das Lachen. Sie lachen viel befreiter, wenn Sie sich vorher gegruselt haben. Und wenn Sie richtig gelacht haben, dann kann ich Sie viel mehr gruseln lassen. Mit diesen Gefühlen spielt natürlich ein Autor. Und wie ich auf solche Sachen komme? Ich frag mich immer bei jeder Figur: Was ist seine größte Sehnsucht, was ist seine größte Angst?

Zur Person: Schriftsteller und Drehbuchautor

Klaus-Peter Wolf, 1954 in Gelsenkirchen geboren, lebt als freier Schriftsteller in Norden. Seine Bücher sind in 26 Sprachen übersetzt. Er schreibt auch Drehbücher, mehr als 60 davon wurden verfilmt, darunter viele für „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Auch die Ostfriesenkrimireihe wird verfilmt, fürs ZDF.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Ich wollte nie was anderes. Schon mit acht Jahren habe ich jedem, der mich gefragt hat, gesagt: Ich will Schriftsteller werden. Meine erste Kurzgeschichte wurde gedruckt, da war ich 14. Damals habe ich sie 200 Tageszeitungen geschickt. Es kamen natürlich viele Absagen, aber 40 Mal wurde sie gedruckt. Bis heute habe ich Schreiben nie als Arbeit empfunden. Natürlich kriege ich Geld dafür, aber ich liebe, was ich tue.

Was war ihr größter Fehler als Autor?

Als ich ein ganz junger Autor war, war die Verlagssituation eine andere wie heute. Deutsche Autoren wurden mit Spannungsliteratur überhaupt nicht ernst genommen. Eine große Ausnahme war Johannes Mario Simmel, ansonsten hat man so etwas im Ausland gekauft. Damals haben 13 Autoren einen eigenen Verlag gegründet, im Grunde, um den Bertelsmännern zu zeigen, wie man Bücher macht. Ich hab zu diesen Autoren gehört. Der Verlag hieß literarischer Verlag Braun, und in der ersten Gesellschafterversammlung hat man dann gesagt, ein Schriftsteller soll auch Chef des Verlages werden, damit andere als literarische Argumente gar nicht erst zählen: wir wollten nicht viel Geld, wir wollten gute Literatur. Sie haben mich gewählt. Als Geschäftsführer war ich gänzlich ungeeignet, und ich bin mit dem Verlag Konkurs gegangen. Mit 26 Jahren hatte ich dann 2,7 Millionen DM Schulden. Ich bin tief gefallen, habe rund 20 Jahre gebraucht, um aus den Schulden rauszukommen und es mit dem Schreiben geschafft. Die Pandemie war für viele ökonomisch eine Katastrophe. Gerade jetzt werde ich deshalb viel um Rat gefragt. Auch wenn es ein langer, harter Weg ist, man kann es schaffen. Deswegen erzähle ich meine Geschichte ganz frei und beschönige nichts.

Sie bringen im Schnitt zwei Bücher pro Jahr raus. Glauben Sie, dass Ihnen Kommissarin Ann Kathrin Klaasen und Konsorten irgendwann zum Hals raushängen werden?

Nein! Ich erzähle eine Welt. Die Grundidee war, ein großes Gesellschaftspanorama zu erzählen: So haben die Menschen gelebt, das waren ihre Irrtümer, davor hatten sie Angst, das war der Wahnsinn, der sie umgeben hat. Gute Kriminalliteratur ist ein Röntgenbild der Gesellschaft, keine Fotografie. Wenn ein neuer Roman erscheint, kriege ich in den ersten Wochen am Tag 250 bis 350 Leserbriefe. Die Leser erzählen mir, was sie empfinden und sich wünschen. Meine Sommerfeldt-Trilogie wird zum Beispiel erzählt aus der Perspektive des Serienkillers, und zwar so, dass man den durchaus sympathisch findet. Da habe ich mich natürlich gefragt: Darf man das? Ein Polizist sagte mir später: „Herr Wolf, 25 Jahre habe ich solche Leute gejagt. Was stimmt mit mir nicht? Beim Lesen empfinde ich Sympathie und hoffe, dass die Polizei ihn nicht kriegt.“ Auf Wunsch vieler Leserinnen und Leser habe ich Dr. Sommerfeldt in die normale Ostfriesenkrimireihe überführt.

Also lassen Sie sich auch von Lesern beeinflussen?

Von niemandem sonst.

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