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Das Ende einer Familientradition: Schuhhaus Heuermann in Scharrendorf schließt

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Von: Sabine Nölker

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Schuhe für den guten Zweck: Hildegard Thiede (r.) hilft beim Verladen, mit dabei Holger und Petra Fuchs.
Schuhe für den guten Zweck: Hildegard Thiede (r.) hilft beim Verladen, mit dabei Holger und Petra Fuchs. © Sabine Nölker

Das Schuhhaus Heuermann in Scharrendorf schließt. Die Restbestände werden für einen guten Zweck gespendet.

Twistringen – 85 Jahre versorgte das Schuhhaus Heuermann an der Stöttinghauser Straße Kunden aus der gesamten Umgebung mit qualitativ hochwertigen Schuhen. Eine Schuhmacher-Werkstatt im Haus sorgte für Änderungen. Nun schloss das Fachgeschäft für immer die Türen. Für die 74-jährige Inhaberin Hildegard Thiede und ihren 86-jährigen Bruder sowie Schuhmachermeister Bernhard Heuermann kein Grund zur Traurigkeit. „Die Zeit dafür war einfach da“, sagt Hildegard Thiede.

Während andere mit 65 Jahren den wohlverdienten Ruhestand angehen, ist dies für die Geschwister nie ein wirkliches Thema gewesen. Von den Eltern erblich „vorbelastet“, lernte Hildegard Thiede Einzelhandelskauffrau bei Wachendorf in Bremen. Ihr Bruder Bernhard, von Geburt an gehörlos, machte seinen Meister als Schuhmacher wie sein Vater Heinrich. Heinrich und Paula Thiede waren es auch, die 1938 das Haus an der Stöttinghauser Straße bauten und dort ein Schuhgeschäft eröffneten.

Stammkunden verabschieden Schuhhaus Heuermann

Mit 22 Jahren stieg Hildegard Thiede in den elterlichen Betrieb mit ein. Das war vor 52 Jahren. Fortan verkaufte sie Seite an Seite mit ihrer Mutter Schuhe für Erwachsene und Kinder. Die Herren waren für die Schuhreparaturen, Änderungen und auch Anfertigung zuständig.

Neben dem Geschäft versorgte Hildegard Thiede ihren Haushalt und zog zwei Kinder groß. Daneben engagierte sie sich ehrenamtlich in der Twistringer Gruppe der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschland und das sei über 30 Jahren.

Die letzten Tage vor der Schließung kamen viele Stammkunden in das Fachgeschäft, um sich persönlich von Hildegard Thiede zu verabschieden. So wie Ingrid Mehla und Ursel Meyer aus Sudbruch. „Wir kaufen seit Jahrzehnten alle unsere Schuhe bei Hildegard“, so Meyer. „Es war immer lustig hier, weil Hildegard eine Frohnatur ist“, fügt Mehla hinzu. „Und wir sind immer sehr gut beraten worden“, ergänzt Meyer.

Schuhe für das Kinderheim Kleine Strolche

Nun sind sie zwar traurig, nicht mehr in Scharrendorf ihre Schuhe kaufen zu können, gönnen Thiede jedoch von ganzem Herzen ihren Ruhestand.

Am Dienstag, dem letzten offiziellen Öffnungstag, kam viel Besuch. Die Nachbarn hatten sich angekündigt und kamen nicht allein. Der Spielmannszug Scharrendorf-Stöttinghausen brachte ein Ständchen und auch Ortsbürgermeister Rolf Meyer ließ es sich nicht nehmen, im Namen des Ortsrats ein kleines Blumenpräsent sowie den Dank und die Grüße vom Ortsrat zu überbringen.

Doch bevor es so weit war, vollbrachte Hildegard Thiede gleich zwei gute Taten. Manfred Hagen kam vonseiten des sozialen Kaufhauses Fair Kauf an der Bahnhofstraße und nahm rund 200 Paar hochwertige Schuhe entgegen. „Das ist wirklich eine ganz tolle Spende“, so Sylvia Holste-Hagen vom Fair Kauf. „Wir haben uns alle sehr darüber gefreut.“

Aber damit noch nicht genug. Weit über 200 Paar Kinderschuhe wurden von Petra und Holger Fuchs abgeholt, um einen Tag später gemeinsam mit Hildegard Thiede zum Kinderheim Kleine Strolche nach Asendorf gebracht zu werden. „140 Füße von Größe 16 bis 35 müssen in unserem Kinderheim regelmäßig mit guten Schuhen versorgt werden“, erklärt Dr. Sonja Risse, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit in dem Kinderheim.

„Es waren wunderschöne 52 Jahre“

„Deshalb ist diese Spende von nagelneuen und hochwertigen Kinderschuhen, die das Schuhhaus Heuermann und die Volksbank Sulingen gemeinsam für die Kinder des Kinderheims gespendet haben, mehr als willkommen.“ Ein weiterer Dank ging an Petra Fuchs, die die Kleinen Strolche seit Jahren ehrenamtlich unterstützt. Durch einen „Geistesblitz“ sei ihr die Idee gekommen, nach Schuhen zu fragen, als sie Hildegard Thiede gegenüber stand. Aus diesem Gespräch habe sich anschließend diese tolle Spende ergeben.

Für Hildegard Thiede fühlt es sich gut an, am Ende mit ihren Restbeständen noch etwas Gutes getan zu haben. Nun freut sie sich auf ihre Treffen mit den St.-Anna-Senioren, auf die neue Schwimmpark-Saison und auf viel Zeit mit ihrer Familie, Freunden und Nachbarn. „Es waren wunderschöne 52 Jahre“, so die 74-Jährige abschließend. „Ich möchte sie nicht missen. Aber nun ist Schluss!“

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